zu dieser Zeit auch in Berlin aufgeführt worden 8 ), gelangte nach seiner Popularisierung in den sechziger Jahren durch den Wiener Hofburg- Intendanten Heinrich Laube auch im deutschen Kaiserreich zu einer großen Breitenwirkung. Die Aufführungen am Königlichen Schauspielhaus waren im normalen Spielplan indes auf deutsche Bearbeitungen von Eugene Scribe (Feenhände, 1856, vor allem das schon 1840 und als einziges Stück noch heute gespielte Ein Glas Wasser) beschränkt. Auf Veranlassung der Kaiserin Augusta fanden außerdem von 1874 bis 1879 in unregelmäßigen Abständen auch französische Gastspiele im Schauspielhaus statt, in denen die bekannteren Werke von Victorien Sardou, den beiden Alexandre Dumas, Emile Augier und anderen aufgeführt wurden. Diese „Sittenstücke“ — in Deutschland angeblich als „Unsittenstücke“ geschätzt 9 — sollten Lebensbilder vom Sittenverfall der Empire-Gesellschaft geben. Dem Zeitgeist gemäß, spielten sie in den repräsentativen obersten Gesellschaftskreisen. Vertreter des Adels, der Beamtenschaft und des zu Geld gelangten Bürgertums waren die mit Vorliebe dargestellten „Helden“, zu denen sich bisweilen ein armer, durch seine Originalität gesellschaftsfähiger Künstler gesellte. Die Thematik dieser Stücke kreiste durchweg um triviale Treuekonflikte, zumeist Ehebruchsgeschichten mit Einblicken in das im wilhelminischen Zeitalter besonders verpönte Milieu der Halbwelt, das um sich greifende Spekulantentum und, nicht zuletzt, das Bestreben bürgerlicher Parvenüs nach Rangerhöhung, meist auf dem Wege der Einheirat in Adelskreise. Besonders dieses Thema, das unter anderem auch in Tilli von Francis Stahl variiert und dem Berliner Milieu angeglichen wurde, „erquickt“ Fontane als „wirkliches Leben“:
Das Haus dieses Kommerzienrats Rebus (...) ist ein glaubhaftes Berliner Haus (...). Solche Kommerzienräte gibt es, auch solche Kommerzienrätinnen, und was da vier Akte lang vor unseren Augen geschieht, ist (...) das tägliche Geschehnis vieler Berliner Häuser. Alle Tage sehen wir in die Bourgeoissphäre herabgestiegene Damen aus adeliger Familie leidenschaftlich bemüht, den Flecken ihrer Mesaillance durch Heranziehung gräflicher Schwiegersöhne zu tilgen, und ebensooft, oder doch fast ebensooft, sehen wir reizende Backfische diese Pläne der Frau Mama durchkreuzen. (1885, II, 392).
Fontane, der auch die französischen Aufführungen des Königlichen Schauspielhauses mit großem Interesse bespricht, stellt zunächst immer wieder die Dialoge als das eigentliche Gebiet der Franzosen, als „eine der anmutigsten Seiten des Volkes“ heraus (III, 135): so z. B. im Piano de Berthe von Theodore Barriere und Jean Lorin, in dem er den „Triumph des Wortes“ konstatiert: „eine von Witz und Humor getragene Beredsamkeit“ (1877, III, 134-135). 10 Abgesehen vom Dialog, ihrer Hauptstärke, gewinnt für Fontane auch das „Lebensbildliche“ dieser Stücke seinen Reiz. Weit davon entfernt, Darstellungen des Demi-monde als anstößig zu empfinden, sieht er in ihnen oft plastisch die Wirklichkeit verkörpert. Die Erfassung dieser Wirklichkeit ist seinem Urteil nach in der Regel nicht schon durch die jeweilige Thematik und deren Aktualität gegeben — Tilli ist darin
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