auch unter den deutschen Stücken ein Einzelfall — als vielmehr durch die Art der Charaktergestaltung. Wie bei den deutschen Lustspielen konzentriert Fontane seine Besprechungen auf die Charaktere, die „Spielrollen“. So in Les vieux garcons von Sardou (1874, III, 121) und besonders in Froufrou von Henri Meilhac und Ludovic Halevy. (1877. III, 150 ff.) Die in ihrer naiven Güte und Leichtiglceit — aber auch in ihrem dadurch heraufbeschworenen Schicksal - Effi Briest verwandte Froufrou ist eia solches „echt pariser Lebensbild“, das zugleich vornehmlich Charakter ist.
Froufrou, wie das französische Gesellschaftsstück überhaupt, muß, wie man sieht, miteinbezogen werden in das Umfeld, aus dem Fontane Anregungen für seine Romane bezogen haben mag. Es bestehen thematische Verbindungen (in den Themen der Mesalliance und des Ehebruchs etwa, sowie in den dargestellten Gesellschaftskreisen — freilich ein beliebtes Romanambiente im 19. Jahrhundert), zudem wird deutlich, wie sehr Fontane seine Aufmerksamkeit auf dramaturgische Techniken richtet, die auch für seinen Romanaufbau nicht ohne Bedeutung sind (den Dialog, die Personencharakterisierung und die Verbindung beider Elemente durch die Charakterisierung im Dialog).
In seinen Besprechungen des französischen Theaters berücksichtigt Fontane also weniger inhaltliche als ästhetische Gesichtspunkte: der Wahrheit des „Lebensbildes“ spürt er im Dialog, in der Folgerichtigkeit der Charakterzeichnung nach. Neben diesen Vorzügen der Franzosen sieht er andererseits auch Schwächen, wie den Mangel an einheitlicher Komposition, die zusammenhanglose Reihung unterschiedlicher Szenen und die dadurch verursachte Inkonsequenz bzw. Unglaubwürdigkeit mancher Stücke. (Sardou, Nos intimes, III, 131)
c) Deutsche Nachahmungen: Hugo Bürger
Diese Tendenz zur losen Szenenreihung nahm seit den späten siebziger Jahren auch in den deutschen Imitationen immer mehr zu. Vor allem die Arbeiten von Hugo Bürger sind — mit Ausnahmen wie Die Frau ohne Geist — im schlechtesten Sinne hierfür beispielhaft. 11 Wenn Fontane bei der ersten Besprechung von Bürger (Die Modelle des Sheridan, 1875, I, 409) seine Kritik auf die knappe und krasse Feststellung beschränkt, dessen Schauspiel sei „ein Salat von großen Worten“, so zielt sein Urteil über „diesen eigentlichen dramatischen Dichter dieser Saison“ (1875, I, 409), der auch in den folgenden Jahren große Beliebtheit beim Publikum genoß, immer mehr auf dessen Tendenz, über der angestrebten Bühnenwirkung von Einzelszenen den Gesamtzusammenhang eines Stückes zu vernachlässigen. In seiner Besprechung von Gold und Eisen unternimmt Fontane eine eingehende Analyse des Bürgerschen Stils:
Hugo Bürger ist ein Szenendichter, ein Opportunitätsdichter, ein Dichter im engsten „ad hoc“. Er beschäftigt sich mit der Wirkung der Einzelheiten und darüber geht ihm die Wirkung des Ganzen verloren. Seine Stücke sind Stückwerke, und dies neueste so sehr, daß es gar keinen Eindruck oder doch nur den der Vagheit und Unklarheit macht. (1881, II, 76)