Heft 
(1906) 45
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die Zeit lassen, womöglich die Maldeiner Gesellschaft zu alarmieren. . .

Die beiden Herren betraten die Veranda, Frau Fanny warf ihrem Gatten einen fragenden Blick zu, in dem geschrieben stand: Gehen lassen oder zum Nachtessen einladend Und als ihr geliebter Dicker darauf mit einen: vergnügt pfiffigen Gesichts­ausdruck nickte, protestierte sie aufs lebhafteste gegen die Absicht von Fräulein Schmielke, schon jetzt die Heimfahrt nach Groß- Klentzien anzutreten. Und gerade, als sie ihrem Gatten einen Wink geben wollte, unauffällig nach oben zu gehen, um der angeblichen Migräne ein energisches Ende zu bereiten, betrat die Hauptperson den Schauplatz.

Und recht wie eine Primadonna auf dem Theater, so mußte Frau Fanny denken, hatte sie sich ihr Auftreten zurechtgemacht. Die Spannung war auf dem Höhepunkt; denn gerade hatte Frau von Reichner mit ihrer blechernen Trompetenstimme wieder einmal bedauert, wie jammerschade es wäre, daß die liebe Alix wegen ihrer Migräne nicht herunterkommen könnte, ein leichtes Rauschen von der Parkdiele her, das die auf der Veranda Stehenden veranlaßte, die Köpfe zu wenden, und sie erschien wie ein Bild zwischen den Vorhängen der geöffneten Tür. Angetan mit dem entzückenden mattblauen Deshabilüe, das mit seinen lang herabfließenden Falten ihre königliche Gestalt zur eindringlichsten Wirkung brachte, und von dem Frau Fanny einmal halb im Ernst, halb in: Scherz gesagt hatte:Alix, für unsere Ouessendorfer Abende verbitte ich mir diese blaue Verführung; mein Alter wird sonst womöglich auf Vergleiche gebracht, die nicht gerade zu meinen Gunsten ausfallen

dürften..."

Nur einen Augenblick stand sie da, vom Hellen Licht der auf dem Teetisch brennenden Lampe umflossen; aber dieser eine Augenblrck hatte anscheinend genügt, um Herrn Schmielkes Herz in Flammen zu setzen. Frau Fanny, die neben ihm an der Balustrade stand, sah deutlich, wie seine Augen sich wei­teten, und wie er einen halben Schritt vorwärts tat, als wollte er die schon wieder entschwebende holde Lichtgestalt an ihre Stelle bannen...

Ach, paräou," hatte Alix mit einem Erröten gesagt,und ich hatte geglaubt, euer Besuch wäre schon fortgefahren!" Wollte sich wieder zurückziehen, zum Schein natürlich nur, denn irgend eine Aufforderung, doch unten zu bleiben, würde ja schon erfolgen. Und Frau Fanny mußte unwillkürlich denken: euer Besuch" ist ausgezeichnet! Als wenn sie die ganze Geschichte gar nichts anginge! . . .

Die Baronin Reichner war aufgesprungen und hatte sich mit geöffneten Armen auf die zum Abgang Gewendete gestürzt. Alix, geliebte Alix, den ganzen Nachmittag habe ich mich nach Ihnen gesehnt, und jetzt wollen Sie mich so schnöde ver­lassen? ..." Und diegeliebte Alix" ließ sich wirklich er­weichen, erklärte zunächst, daß sie nur rasch die Toilette wechseln wollte; als aber die Baronin zurückschrie, sie würde ein solches Umstände machen" als persönliche Beleidigung auffassen, nahm sie mit einem liebenswürdigen Lächeln die Vorstellung des Geschwisterpaares Schmielke entgegen und ließ sich mit einem leichten Aufseufzen, das ihren immer noch leidenden Zustand andeuten sollte, in den Korbsessel fallen, in dem sie die beste Beleuchtung hatte. Sie brauchte sich nur zurückzulehnen, um aus dem Hellen Licht der Tischlampe den Kopf in jenes in­teressante Halbdunkel zu bringen, in dem ihre schon ein wenig scharf verlaufende Profillinie den vorteilhaftesten Eindruck machte.

Und von jetzt an liebenswürdige Komtesse, die harmlos mit gesellschaftlich Gleichstehenden plauderte, ganz und gar korrekte Lüne", nicht zu viel Entgegenkommen und nicht zu wenig.

, Durch einen Zufall hatte sich herausgestellt, daß Fräulein Elisabeth Schmielke das gleiche Genfer Institut besucht hatte, in dem die Komteß Prahlstorff nach dem frühen Tod ihrer Mutter erzogen worden war, und aus diesem zufälligen Zu­sammentreffen ergab sich ein heiterer Austausch gemeinschaft­licher Erinnerungen, bei den: das bis dahin so schweigsame

junge Mädchen ordentlich auftaute. Und als die Komtesse fragte, ob die revarenäe-mere, wie die Jnstitutsvorsteherin genannt wurde, noch immer verstohlen aus der in der Rock­tasche getragenen Düte schnupfte, bejahte Fräulein Elisabeth lachend, imitierte mit einer gewissen Drolerie die umständliche Manipulation und schilderte unter allgemeiner Heiterkeit, welche Manöver die würdige Dame anzuwenden pflegte, um die Aufmerksamkeit ihrer weiblichen Zöglinge von ihrer Nase ab­zulenken, der sie das köstliche Schnupfpulver zuzuführen ge­dachte. Und als Alix darauf erzählte, wie sie eines Tages der nämlichen alten Dame, die sich alle Sonntagmorgen den stattlichen Schnurr- und Backenbart zu rasieren pflegte und zu­weilen mit einer Reihe vonSchmissen" im Gesicht herumlief, vor der versammelten Selekta einen Sicherheitsrasierapparat überreichte, weil sie es nicht länger übers Herz bringen könnte, das teure Blut der röverenäe-märe fließen zu sehen, traf sie ein bewundernder Blick des jungen Mädchens.Das sind Sie gewesen, Komtesse? Gleich am ersten Tag wurde nur von dieser Heldentat erzählt, aber man wußte sich nicht mehr zu erinnern, wer sie ausgeführt hatte!" . . . Die Brücke der Sympathie war geschlagen.

Herrn August Schmielke aber, der sich in der Gesellschaft der Damen viel befangener gab als vorhin auf der gemein­schaftlichen Fahrt, brachte der Hausherr zum Sprechen. Als in den: Gespräch der jungen Damen eine kleine Pause eintrat, wandte er sich zu seinen beiden Söhnen, die mit ihrem Haus­lehrer und Mitindianer, den: blonden Theologiekandidaten, am unteren Ende der Tafel saßen:Jungens, wenn ihr Herrn

Schmielke recht schön bittet, erzählt er euch vielleicht 'was aus der Heimat eures Freundes Winnetou. Er hat nämlich mit dem großen Apatschenhäuptling in den Rocky Mountains den grauen Bären gejagt!"

Ach nee", sagte Heinz, der Ältere. Der Jüngere aber, der mit seinem Vater in der bilderreichen Jndianersprache zu verkehren pflegte, erwiderte:Pschaw! Mein weißer Bruder spricht wieder einmal mit einer gespaltenen Zunge. Ich sehe keine Skalpe!"

Die ganze Tischgesellschaft brach in Lachen aus, der Baron von Ouessendorpf aber bemerkte ganz ernsthaft:Mein junger Bruder ist ein großer Krieger, die Coyoten von Sioux zittern vor ihm, wenn er das Kriegsbeil ausgräbt, aber er hat noch nickt oft genug den Winter gesehen, um über einen so er­fahrenen Westmann urteilen zu können. Und vielleicht denkt mein junger Bruder daran, daß auch Old Shatterhand, wenn er in die Städte der Weißen zurückkehrte, das Lederhemd und die Leggins des Westmannes mit der Kleidung der Europäer vertauscht hat!" Und der Junge musterte Herrn Schmielke mit prüfenden Blicken.Ich habe vernommen! Der Fremd­ling, der heute zum erstenmal an unserm Lagerfeuer sitzt, möge uns beweisen, daß er kein -Greenhorn^ ist. Dann werden wir mit ihm die Pfeife des Friedens rauchen, Howgh!"

Erneute Heiterkeit, und aller Augen richteten sich auf den Gast, neugierig, wie er sich mit der gestellten Aufgabe abfinden würde. Herr Schmielke aber lächelte.Wenn mein jünger- weißer Bruder gestattet, bringe ich morgen nachmittag meinen Browningrevolver mit. Vielleicht bietet sich eine Gelegenheit, die gewünschte Probe abzulegen." Und im Anschluß an diese Bemerkung erzählte er ganz schlicht und ohne jede Aus­schmückung, wie ihn einmal vor Jahren im wilden Westen Amerikas seine überlegene Schießkunst gerettet hatte. Er hatte friedlich mit dem Manager seiner Jagdexpedition in der Bar eines kleinen Goldgräbernestes der Sierra Nevada seinen Whisky getrunken, als zwei Desperados mit dem gespannten Revolver das Lokal betraten.Hände hoch!" kommandierte der eine in der liebenswürdigen Äbsicht, den reichen Jagdreisenden durch seinen Kumpan unter dem Schutz der Waffe möglichst gründlich ausplündern zu lassen. Aber er hatte noch nicht das Wort Hände" ausgesprochen, als er sich mit seinem Spießgesellen schon, am Boden wälzte.Ich hatte zufällig meinen Revolver vor mir auf dem Tisch liegen, es war kein Kunststück", schloß er.