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Der stille Weg.
(8. Fortsetzung.)
Roman von Richard Skowronnek.
ls der Baron und Herr Schmielke von der Rundfahrt heimkehrten, saß Frau von Ouessendorpf mit ihren Gasten noch immer auf der schattigen Parkveranda. Am blaßblauen Sommerhimmel über dem dunkeln Grün der Wipfel schwamm der Mond, spiegelte sich im Weiher, schläfrig plätscherte der kleine Springbrunnen über den mit Farnenstauden besetzten, feuchtglänzenden Steinen, und schläfrig rann die Unterhaltung zwischen den drei Damen hin, die in den bequemen Korbsesseln um den runden Teetisch saßen.
Frau von Ouessendorpf nervös und verstimmt, die halbtaube Frau von Reichner aus Groß-Klentzien mit ihren: ewigen und endlosen Häkelzeug — Gott allein mochte wissen, für wen sie diese kilometerlangen Hemdenbesätze häkeln mochte! — und Fräulein Schmielke. Tadellos angezogen — man brauchte nur mit einem Auge hinzusehen, um zu erkennen, daß die anscheinend so einfache Bluse und der fußfreie Autorock aus einem dcr allerersten Schneiderateliers stammten -— aber sadblond, nichtssagend und schüchtern. Außer Ja und Nein war nicht viel aus ihr herauszubringen. Die Hauptperson aber, um die sich alles drehte, Fräulein Mix, die gnädigste Komtesse, hatte sich mit heftiger Migräne entschuldigt, lag oben auf ihren: Zimmer und las den neuesten Roman aus der Königsberger Leihbibliothek, vergnügt und gesund natürlich wie ein Fisch im Wasser ... die gute Fanny da unten mochte sich nur plagen!
Die mokante kleine Leutnantsfrau aus Maldeinen, die ja nur gekommen war, um für ihren geliebten Hausfreund Henner von Sacrow etliches auszuspionieren, war glücklich abgefahren, auch der Leutnant von Erxleben hatte sich endlich empfohlen, nachdem er gesehen hatte, daß die junge Millionenerbin keine Miene machte, auf die ersten paar billigen Phrasen eines kleinen Provinzleutnants anzubeißen . . . wer weiß, wie viel Herren von der Garde ihr schon Ähnliches in die im übrigen ganz niedlichen und kleinen Ohren gesagt haben mochten! Denn wie hieß es in dem alten Kasinowitz? „Wo Aas ist, da sammeln sich die Adler! ..." Und je länger diese Einsamkeit zu dreien währte, desto feindseliger wurde die Stimmung der-Frau von Ouessendorpf, kaum daß sie sich noch die Mühe gab, auf die mit der überlauten Tonstärke der Schwerhörigen gestellten Fragen der alten Baronin Reichner in leidlich höflicher Weise zu antworten: wie sie mit ihrer neuen Mamsell zufrieden wäre, ob sie die neue Roggenernte gut hereinbekommen Hütten, und so weiter. Die kleine Leuinantssrau
aus Maldeinen hätte es gar nicht nötig gehabt, ihr so deutlich zu zeigen, was sie über die Rolle dachte, die Frau von Reichner bei dem Handel spielte, sie ärgerte sich für ihren Teil gerade genug. Und sie hätte manches drum gegeben, wenn der an: frühen Morgen an den Oberleutnant von Sacrow abgesandte Brief ungeschrieben geblieben wäre. Wenn alles gut ging, ausgezeichnet! Dann gab es eine fürstliche Doppelhochzeit und eitel Freude, denn die vielen Millionen blieben sozusagen in: Offizierkorps und im Land. Was aber, wenn alles anders kam, als vorausberechnet? Und Frau Fanny sah im Geist mit Schaudern, wie all die Herrschaften, die mit Vergnügen die Feste der Frau Schmielke, geborenen Gräfin Prählstorff, auf Schloß Prahlstorff mitgefeiert und sich gefreut hätten, daß der Neffe des Kommandeurs den schweren Goldfisch ergatterte, von ihren: Hause abrückten. Es wurden darin Geschäfte besorgt, auf denen die Strafe der gesellschaftlichen Ächtung stand, wenn sie nämlich mißlangen! . . . Und ein großer Zorn stieg in ihr auf, wenn sie daran dachte, daß diejenige, für die sie sich einer solchen Gefahr aussetzte, sich wohlweislich fernhielt, um erst im entscheidenden Augenblick hervorzutreten. Wenn alles gut ging, hauchte sie ihr bräutliches „Ja", wenn aber dieser Herr Schmielke samt Fräulein Schwester auf seinen: Auto davonfuhr, zuckte sie mit den Achseln: Aber liebe Fanny! Und ich habe
dir doch gleich im ersten Augenblick gesagt, wie unsympathisch mir diese ganze Angelegenheit gewesen ist! . . .
Von der Hofseite her kam das wütende Gebell der beiden an der Auffahrtsrampe liegenden Doggen, Frau von Ouessendorpf erhob sich mit dem Entschluß im Herzen, ein kurzes Ende zu machen, wenn dev soeben heimgekehrte Gatte seine Zustimmung gab. Er war mit Herrn Schmielke ja mehr als vier Stunden unterwegs gewesen und hatte sich gewiß über den Stand der Angelegenheit ein ganz bestimmtes Urteil gebildet. Und bei ihrer so herzlichen Jneinandergewöhnung genügte ein kurzer Blick, um sich über das, was zu geschehen hatte, zu verständigen. War er der gleichen Ansicht wie sie, dann wurde ein vollständiges „eimnZement äe äeeoration" vollzogen: kühle
Behandlung des Geschwisterpaares, Absage der zu morgen abend angesetzten Gesellschaft; die brave Baronin Reichner aber ließ man einfach fallen, deutete, wenn man mit den einzelnen Herrschaften zusammenkam, so leise die Gründe an, weshalb man sich von dieser Affäre zurückgezogen Hütte, und blieb stolz und hochgeachtet. Aber um Himmels willen nur nicht dieser kleinen Leuinantssrau, die sich so spitzfindig verabschiedet hatte,
1906. Nr 45.
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