Heft 
(1906) 49
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Das liebste Spielzeug.

Oon Helene ^art.

diesen Vorweihnachtstagen wetteifern wiederum die Spiel­warenläden miteinander in originellen Neuheiten und atem­raubender Pracht. Jedes Jahr bringt Schöneres, Vollkomme­neres auf dem Gebiet des Spielzeugs hervor, die Kunst hat sich auch hier des kleinsten Dinges bemächtigt wie ein buntes Mär­chen mutet die Auslage eines Spielwarenlagers in der Großstadt an.

So viel und so vielerlei aber auch die Zärtliche Mutter dem Töchterchen bescheren mag das Kind wird, wenn es ein echtes Mädchen ist, zuerst nach der Puppe greifen. Aus einem angeborenen Instinkt heraus, einer schlummernden Mütterlichkeit, die sich betätigen und üben will, bis statt der Puppe ein Ge- schöpfchen von Fleisch und Blut in den wiegenden, hegenden Armen liegt. Und wenn man sieht, was alles das Kind mit dem NamenPuppe" belegt, wie es die in Lappen gewickelte Fußbank, den hölzernen Stiefelknecht oder auch nur einen Klotz, ein Kissen liebevoll herumträgt underzieht", wenn man ferner nach den Puppen urteilt, die unter den wilden Völkerstämmen unserer Tage noch üblich sind, so darf man mit Sicherheit darauf schließen, daß der Liebling unserer Kinder auf ein ehrwürdiges Alter zurückschauen kann.

Der Beweis dafür ist übrigens erbracht. Man hat in Grabstätten, die zweitausend Jahre lang ihr ernstes Geheimnis gehütet hatten und dann durch den wühlenden Spaten zufällig entdeckt und geöffnet wurden, neben kindlichem Gebein auch Puppen gefunden, rührende Zeugnisse einer Mutterliebe, die dem toten Kind den liebsten Gefährten sonniger Tage noch in das letzte Bettchen hineingelegt hat. Die kleinen Mädchen von heute würden sich freilich für Puppenkinder in der Art dieser ägyptischen bedanken! Sie würden wohl auch noch derDocke" unserer Großmütter recht verständnislos gegenüberstehn! Denn wie hat das plumpe Spielzeug von einst sich im Lauf der Zeit verändert! Ein Kunstwerk ist daraus geworden, das kaum noch vervollkommnet werden kann, ein Gebilde, das schläft und geht und spricht, dem nur noch das Letzte, das ^eben, fehlt, um aus einer Puppe Zu einen:wirklichen"

Kindchen zu werden.

Und nicht nur ein Kunstwerk, sondern ein Jndustrieartikel, der Tausenden Brot und Nahrung gibt, der zu einem wichtigen Faktor im wirtschaftlichen Leben unseres Volks geworden , ^

ist. Ganze Ge- >

meinden des Thüringer Walds lebenvon Puppengnaden"!

Wer an schönen Sommertagen bei so genanntemTrocken wetter" durch die Dorfstraßen von Sonneberg, Katterfeld und

Das Zusammensetzen des Puppenkörpers.

Engelsbach, Waltershausen und Georgenthal wandert, kann Haus bei Haus die noch feuchten grauen Puppenglieder auf großen Gestellen vor den Türen ausgebreitet liegen sehen.

Und tritt man ein in die niedrigen Stuben, wo gefangene Waldvögel in den Käfigen ihre Sehnsuchtslieder schmettern, so findet man alt und jung, Mann und Frau im Dienst der Puppe beschäftigt. Hier wird geformt und dort geplättet, hier werden Locken gedreht und dort die winzigen Kleidchen und Hemdchen genäht ein jeder hat seine bestimmte Ver­richtung, auf die er eingefuchst ist, und alles arbeitet einander in die Hände, das lustige Werk zu fördern.

Das Geschick zur Puppenarbeit erbt sich dort förmlich fort, jahrhundertalter Brauch scheint schon die Kinderfinger gelenkig zu machen, denn es ist erstaunlich, was von den kleinen Händen, die noch nicht einmal den Schieferstift Zu führen wissen, in der Puppenheimarbeit geleistet wird.

Kein Chronist hat ausgezeichnet, wann Thüringer Bauern­fäuste zum erstenmal zum Schnitzmesser gegriffen haben, wann droben im Wald die erste Docke entstanden ist! Aber schon im Mittelalter waren Thüringer Puppen ein beliebter Handels­artikel, nur daß man ihre Heimat nicht kannte, denn sie segelten unter fremder Flagge, unter den Namen der reichen und an­gesehenen Nürnberger Firmen.

Durch diesen Zwischenhandel ging den armen Heimarbeitern ein gut Teil des Verdienstes verloren; der Handelsherr strich schmunzelnd ein, was in die Tasche des Bauern hätte fließen sollen, und es gehörte die ganze bäuerische Schwerfälligkeit dazu, diese Kürzung des sauer erworbenen Gewinnes so viele Menschenalter hindurch ruhig zu ertragen.

Jedenfalls hat die Not die Thüringer Puppenindustrie geboren, denn Thüringen war wohl reich an landschaftlicher Schönheit, aber arm an Korn, und der Winter war hart und lang in den Walddörfern. Da hat wohl ein Vater die un­freiwillige Muße benutzt, um seinen Kindern ein Spielzeug zu schnitzen, und andere haben's ihm nachgemacht, bis man draußen in der Welt" auf die Thüringer Docken aufmerksam wurde und weit ausschauende Kaufherren sich ebensowohl die bäuerliche Kunst als auch die Unerfahrenheit der Waldleute zunutze machten.

Heute wird von den Thüringer Fabriken aus ganz Deutschland mit Puppen versorgt, und auch das Ausland deckt einen großen Teil seines Bedarfs in den nun berühmt

gewordenen Spielzeugzentren.

Vielerlei Puppenarten werden dort gefertigt: die billige

Zeugpuppe mit der Säge- spünseele, der steife Leder­balg mit aufgeleimtem Porzellankopf, die Gummipuppe des Wickelkindes, Zellu­loidpuppen und die zarteste der zarten, die ent­zückende Wachs­puppe all das besteht nebenein­ander und wird hergestellt, so lange sich Liebhaber dafür finden.

Aber die Kugel­gelenkpuppe hat doch den Vogel abgeschossen in der Gunst des großen und kleinen Publikums. Kein Wunder, bei der Haltbarkeit des