Heft 
(1906) 49
Seite
1045
Einzelbild herunterladen

1046

- HK

«* . -- - . WM

E'. X ""UW

'." .- / -4.... Mi -...rch

Ä^'-' 'ß-

r.

Das Eingipsen der Augen.

Materials, das sich zu so natürlichen" Körperchen for­men läßt, bei der Zweck­mäßigkeit des einfachen Gummizugsystems, das solche Be­wegungsfreiheit gestattet und so leicht Zu reparieren ist, wenn das Puppenkind unter der allzu stürmischen Zärtlichkeit der kleinen Mama einmal einen Arm, ein Beinchen eingebüßt hat. Es gibt gar nichts Schmiegsameres als diese Pappmasse, die sich zu solch weichem, zementartigem Teig kneten läßt, sich so willig der Form einfügt und nach dem Erstarren so wider­standsfähig wird.

Freilich schön sehen die steifen grauen Papprümpfe und -glieder zuerst nicht aus. Sie müssen erst sorgsam von allen Unebenheiten und Preßrändern befreit, erst geglättet und mit Sandpapier gerieben werden, ehe sie in den schon bereitstehenden Kübeln mit Wasserfarbe und Lack jenen feinen rosigen Glanz erhalten, der das Kinderherz so entzückt.

Diese Vorarbeiten werden zum größten Teil von den Heimarbeitern in Thüringen besorgt. Die meisten Puppenfabriken be­fassen sich nur mit dem Zusammensetzen,

Frisieren und Kleiden der Puppen und beziehen die Rohteile, die sie selbst gar nicht so billig Herstellen könnten, aus den schon genannten Spielzeug­orten. Ganze Wagenladungen solcher Rohteile durcheilen vor der Festzeit ^ das Land, und manche kleine Puppen­mutter mag ahnungslos im selben Zug gesessen haben mit den einzelnen Bestandteilen der sehnsüchtig erwarte­ten Weihnachtspuppe.

Durch ein paar einfache Hand­griffe werden dann in der Fabrik Arm an Arm gefügt und die Beine mit starken Gummischlingen im Innern des Köperchens befestigt; ein einziger Arbeiter kann an einem Tag vielen Dutzenden von Puppenkörpern das

1906. Nr. 49

Leben geben. Ebenso schnell geht das Eingipsen der Augen, das allerdings eine sehr geübte Hand erfordert. Denn der Gips erstarrt schnell, und es gilt doch, ihn durch Hin- und Herbewegen der mit einem Gewicht beschwerten Augen so lange geschmeidig zu erhalten, bis sich ein Spielraum bildet, der dasSchlafen" des Kindchens, das Zuklappen der Lider ermöglicht. Wenn mehrere Hände sich zuarbeiten, die erste die passenden Augen aussucht, die zweite gipst, die dritte das Be­wegen ausführt, können von einer geübten Person dreihundert Paar Augen täglich eingesetzt werden. Aber so leicht und lustig sich das ansieht, es ist eine in ihrer Einförmigkeit sehr ermüdende Arbeit, die kaum ertragen würde, wenn die Be­schäftigung nicht wechselte.

Ist das Köpfchen befestigt und der nackte kleine Körper nochmals einer gründlichen Prüfung unterzogen, so beginnt der wichtigste Teil der weiblichen Toilette: das Frisieren. Meter­weise werden von Thüringer Heimarbeiterinnen die Löckchen gedreht; die meisten der mit Perücken bis zum Rand gefüllten Kästchen tragen Thüringer Ortsstempel. Da gibt's Löckchen vom flachsfarbenen bis zum goldigsten Blond, gibt's braunes und schwarzes und rötliches Wellenhaar, wie Seide glänzend, und so fein und weich, daß Kinderhändchen in andächtiger Scheu darüber gleiten mögen, weil sie meinen, die Englein hatten das gesponnen.

Unter dem TitelEnglische Locke" geht dies Gespinst aus dem Haar der Angoraziege hervor, das nur für Puppen ver­wendet wird, an dessen Feinheit kein Menschenhaar heranreicht. Und dennoch ist eine Perücke auswirklichem Haar" auch heute noch der sehnsüchtige Wunsch manches Seelchens zwischen sechs und acht Jahren, und Mutter spart wohl heimlich ihrAusgekämmtes" auf, um es zu Zöpfen für das Puppen­kind verarbeiten zu lassen.

Solche Sonderbestellungen werden, ebenso wie die kost­barsten Puppen, nicht von den Heimarbeitern gefertigt, sondern sindFabrikware", ein Wort, dem in diesem Fall nicht der Makel der Minderwertigkeit anhaftet, sondern im Gegenteil der Begriff eines besonderen Wertes. Jede Fabrik hat ihren eigenenModelleur", der die neuen Formen des Jahres schafft und für solche künstlerische Arbeit ein hohes Gehalt bezieht.

Denn auch in Puppenschönheit ist der Geschmack den: Wandel unterworfen. Die rosigen Gesichtchen, die auf den ersten Blick alle das gleicke Lächeln, die gleiche Rundung der Wangen usw. haben, sind in Wirklichkeit sehr verschieden von­einander, und die kleine Puppenmutter findet das sofort heraus.

W

Die Perückenprobe