Heft 
(1906) 51
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so daß sie wie in einer Pelzlaube saß. Und nun flog der Schlitten über das Eis hin, und die Glöckchen läuteten, und die weißer: Decken blähten sich im Wind, während der Alte von der Pritsche her seine Konversation aufnahm.

Freut mich ungeheuer, meine gnädigste Frau . . . saora- bleu, man sieht doch . . . große Stadt . . . andere Menschen . . . ja, ja, Berlin . . . rächt preußisch ich, nicht serr . . . aber Berlin. . . o Berlin, eine merkwürdigen Stadt, eine tollen Stadt ..."

Thilde versicherte lächelnd, daß sie davon eigentlich rvenig gemerkt habe. Das Berlin, das sie kenne, sei sehr wenig toll, fast zu rvenig. Es passiere ja eigentlich gar nichts.

Ja, meine Gnädigste, das macht die Stelle, wo man steht, von der aus man sieht... Ich habe gestanden irrrmer serr in Front, immer serr avanee."

Glaub' ich, Herr Graf. Ihre gesellschaftliche Stellung ..."

O, rächt das. . . Das war einmal vor dem großen Tor. O, viele Lichter da, viele Schlitten. Da hatten wir Maskenball . . . Kroll, ja richtig . . . Kennen Sie Kroll?"

Gewiß, Herr Graf, jede Berlinerin wird doch Kroll kennen."

Ja, und da hatten wir Maskenball. Ich Fledermaus. Und da hatten wir Orpheum . . ."

Auch davon habe ich gehört."

Aber ich habe gesehen . . . Eine merkwürdigen Stadt, eine tollen Stadt. Aber eine Stadt ohne . . . ohne Grimasse."

Ja, das ist wahr."

Eine Stadt von serr freier Bewegung ..."

Ich glaube doch nicht überall."

Nein, überall nicht, das ist wieder, wo man steht, meine gnädigste Frau. Wo ich gestanden, serr freie Bewegung und keine falsche Verschämung ..."

Aber doch vielleicht eine richtige?"

Verschämung immer falsch, immer Grimasse, und ich liebe serr die freie Bewegung."

Eine Herzählung sämtlicher Berliner Lokale mit freier Bewegung stand in Aussicht, und wer will sagen, wo Graf Goschin schließlich gelandet wäre, wenn nicht eine plötzlich quer durch das Flußeis gezogene Rinne das Weiterfahren gehindert und zur Umkehr gezwungen hätte. Wenige Minuten, und der Schwanenteich war wieder erreicht, wo sich die Woldensteiner Honoratioren in engerem Kreis bewegten, die jüngeren in der Nähe eines Leinwandzeltes mit einer Punsch- und Waffelbude, daraus der angesäuerte Fettqualm ins Freie ging. In der Front dieser Bude hielten die Schlitten, und auf einer Bank, der die eine Wand der Bude als Rückenlehne diente, saßen Hugo und die Landrätin, die eben den Pikschlitten verlassen hatte, um

sich hier zu erholen. Hier hielt jetzt der kleine Muschelschlitten des Grafen an, und dieser schlug den Pelz Zurück, um Thilden aus ihrem wannen Gefängnis zu entlassen.

,Ja, mein Herr Bürgermeister, es hat nicht sollen sein."

Was, Herr Graf?"

Eskapade. Wollte wie Gott der Unterwelt oder Pluto ..."

Warum nicht höher hinauf, warum nicht Jupiter?" lächelte Thilde.

Ah, ich verstehe, wegen der Attrappe. Gnädigste Frau haben eine spitze Zunge."

Er winkte von den Leuten, die umherstanden, einen heran, gab ihm die Zügel und hieß ihn den Schlitten seitwärts führen, an eine Stelle, wo braunes Weidengebüsch vom Ufer her auf das Eis hinabhing. Dann faßte er Hugo unter den Arm und ging auf die Bude zu, um sich ein Glas Punsch geben zu lassen.

Serr erfreut, Bürgermeister. Eine scharmante Frau, kluge Frau, gar nicht ängstlich. Auf alles entgehen und denke:: immer, alles geht vorüber, und den Kopf wird es ja wohl nicht kosten."

Hugo, halb geschmeichelt, stimmte zu. Das sei so die Schule der großen Stadt.

Ja merkwürdige Stadt, tollen Stadt."

Diese Worte hatten etwas Beunruhigendes selbst für Hugo, der seiner Thilde sicher zu sein glaubte. Er kan: aber nicht dazu, dem lange nachzuhängen, denn ein heftiger Hustenanfall Zwang ihn, sich an einer Banklehne festzuhalten. Als der Anfall vorüberwar, kam der Graf mit einen: Glas Punsch. Das löse, meinte er aufmunternd.

Hugo kam in die Verlegenheit, ablehnen zu müssen, das, würde seinen Zustand nur verschlimmern.

Kann nicht verschlimmern. Punsch nie."

Als er aber Hugo mit seinen listigen, etwas blutunter­laufenen Augen ansah, kan: ihn: doch ein Zweifel, ob Punsch auch hier ein Allheilmittel sei, und er ging sogar hinaus und rief die noch in: Gespräch mit der Landrätin auf der Bank sitzende Thilde an.

Gnädigste Frau, Ihr Herr Gemahl . . . Packen wir ihn in die Schur, und der Knecht kann ihn nach Hause fahren."

Es ist wohl besser, wir gehen zu Fuß, Herr Graf", sagte Thilde, und Hugo an: Arm führend, der traumhaft hin und her schwankte, schritten sie auf die Stadt zu.

Als sie fort waren, setzte sich der Graf neben die Land­rätin und sagte:Woldenstein kann sich nach neuen Bürger­

meister Umsehen."

Die Landrätin lächelte.Bei Ihnen draußen gedeiht wohl das zweite Gesicht?"

Nein, aber ich sehe gut." (Schluß folgt.)

Vas MmmanM.

Line Jagdgeschichte von Aut

ie Freudenreichalm hat nicht umsonst ihren Namen; über­haupt steckt in all den vielgestaltigen Benennungen in: Gebirg ein tiefer Sinn, die plastische Vorstellungskraft seiner Bewohner, die sie immer nur in Bildern sprechen läßt.

Da gibt es der Gesteinsbildung nach: Wandeln, Köpfeln, Mäuern, Nadeln, Nasen, Schneiden, Schrunt'n, Kamin, Reisen, Tore, Löcher, Gumpen, Kar, Steinmeer und Grate. Jagdbögen wie: Totengraben, Platten- und Blech- und Hirschgraben, Gams­anger, Kitzlahner, Speibenkas, Rührkübl und Pfann, Franzosen-, Jaga-, Reiner-, Ahorn-, Fürst-, Angl-, Sauloch- und Kuglalm.

Wüßte man, woher sie alle stammen, welche Fülle von Tragik, Humor und Geschichte käme wohl zutage!

Also zur Freudenreichalm! Damals, als ich sie zun: ersten­mal betrat, so etwa vor dreißig Jahren, stand sie in dem Ruf ausgesucht sauberer Sennerinnen. Ich überzeugte mich selbst davon.

n Freiherrn von perfall.

Damals herrschte das Freudenreichreserl, kein saubereres Dirndl weit und breit, schwarz gezöpft, g'wachsen wie ein Haselnußkern und von derselben Bräune, kurz, ein Prachtkerl, Bauerntochter, wohlhabend - kann man sich den Betrieb denken!

Ich war damals zweiundzwanzig Jahre alt, so ist's natür­lich, daß ich mir über die Etymologie des NamensFreuden­reich" nicht länger mehr den Kopf zerbrach, er deckte sich in meinen Augen vollkommen mit der Alm.

Später ist es anders geworden, das Reserl ist längst eine gesetzte Bäuerin mit einer Schar Kinder. Die Bauersleut werden bei dem großen Fremdenverkehr vorsichtiger und schicken lieber alte, allen Anstürmen gewachsene Sennerinnen an die Stelle ihrer Töchter hinauf auf die Alm.

So ging es auch mit der Freudenreich, und zuletzt mußte die herrliche Lage, mitten in Fels und Wand, an: Fuß der