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Weihnachtsspuk.
Gemälde von M. Stocks-
wie ein Reporter oder eigentlich besser! Die Reporter sind Maschinen und folgen bloß mit Ohr und Hand. Aber Ihre Frau, Donnerwetter, da merkt man was! Muck, Rasse, Schick . . . Sagen Sie, was ist es für eine Geborene? Vielleicht Kolonie oder Familie, die den Adel hat fallen lassen?"
Hugo nannte den Namen, und der schon stark angefisselte Landrat fuhr fort: „Hören Sie, Bürgermeister, da steckt etwas drin . . . Oder ob vielleicht die Mutter? . .
Hugo sagte, soviel er wisse. ° .
„Nun, ganz egal," schloß der Landrat, „ganz egal, woher es kommt, wenn's nur da ist. Und muß ein Bomben
gedächtnis haben."
Hugo, gegen den Schluß hin, tanzte noch eine Redowa mit der Landrätin und geleitete dann beide bis an den draußen wartenden Schlitten. Er war im dünnen Frack mit weitausgeschnittener Weste, und draußen, wo er noch eine Weile stehen mußte, blies ein scharfer Südostwind von den Karpathen her. Als er mit Thilde eine Stunde später in seiner Wohnung ankam, war er im Fieber und fröstelte.
„Thilde, mir ist nicht recht. Ich möchte ein Glas Zuckerwasser."
„Immer Zuckerwasser. Wer trinkt Zuckerwasser, wenn er von einem Ball nach Hause kommt! Ich werde dir eine Tasse Kaffee machen."
Sie holte die Spirituslampe, setzte das Kesselchen auf und machte ihm eine Tasse Kaffee von drei Lot.
Er fieberte heftig.
Wäre das Wetter über Nacht anders geworden, so hätte das Fieber vielleicht nicht viel bedeutet-, Aber der Wind ging
noch mehr nach Osten herum, und an Schonung war nicht zu denken, weil verschiedene Visiten zu machen und allerhand Pik- und Stuhlschlitten für den Nachmittag zu besorgen waren. Sich davon auszuschließen, war um so unmöglicher, als Hugo beim Abschied um die Ehre gebeten hatte. ..die Landrätin auf dem Eis fahren zu dürfen. Eine' kleine Eitelkeit kam hinzu, denn er war ein sehr guter Schlittschuhläufer und wollte sich in den Pausen als solcher zeigen. Thilde schlug ihm zürn Frühstück ein Glas Portwein vor, aber sein Zustand war doch schon so, daß er selbst auf Haferschleim drang. Er genoß auch bei Tisch nichts anderes und nahm ein Schächtelchen inländische Moospastillen mit sich, als er um drei zu dem Rendezvous auf dem Eis ausbrach. Er sah sehr verändert aus, was auch Thilden nicht entging, und weil sie trotz aller Abhärtungsprinzipien, nach denen sie selber lebte, nicht ohne Teilnahme für ihn war, so würde sie ihn vielleicht vom Eis zurückgeschickt und bei der Landrätin, die noch nicht da war, entschuldigt haben, wenn nicht ein alter polnischer Graf, dessen Bekanntschaft sie schon am Abend vorher gemacht hatte, sich ihrer bemächtigt und ihr auf seinen: kleinen Muschelschlitten mit zwei davor gespannten Schecken- ponps einen Platz angeboten Hütte. Sie mußte das annehmen, denn er war der reichste und angesehenste Mann der ganzen Gegend, Original und schon über siebzig.
Thildens franke, ganz uneingeschüchterte Manier hatte ihm schon auf dem Silvesterball gefallen, und er war enchantiert, als sie seine Aufforderung, den Platz im Schlitten einzunehmen, ohne weiteres annahm. Er fuhr selbst und legte seine mächtige Wolfsschur um den kleinen Schlittensitz herum, wobei er Thilden aufforderte, die Schur von rechts her Zu halten.
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