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Bodenschneid, den Namen rechtfertigen, wenigstens für die, die das schöne Reserl und ihre Vorgängerinnen nicht gekannt hatten. —
Gamsbrunftzeit, so Mitte November! Die Berge noch fast schneefrei, aber stark angefroren, wolkenloser Himmel, einfach himmlisch für die Jagerei!
Aber kein Weidmannsheil, schon gar keines. Seit drei Tagen bergauf, bergab im Brecherspitzgebiet, Gams ganze Pack, aber lauter G'raffl, und wenn einmal ein guter Bock daher- mandelt, im letzten Augenblick fehlt's irgendwo, entweder daß der Wind umschlägt oder ein Steinerl zur Unrechten Zeit abgeht oder der Bock sich anders besinnt, umschlägt oder wie oder was! Am vierten Tag vor lauter Hetz und Gier gar noch einen Fehlschuß.
So hatten wir, Jakl, der Jäger, und ich, glücklich das gute Wetter verpaßt, ums Dunkelwerden stieß der Föhn herein, daß man sich kaum mehr halten konnte.
Da wird einem alles verleidet und zuwider, auch der steile Abstieg in die Wurzhütte in der Finstern.
Da, wie ich so auf die Anglschneid hinaufkomme, schon Nacht, sehe ich unter mir ein Licht.
„Ja, das ist ja auf der Freudenreichalm", sage ich zu Jakl.
„Das is a! Sakra, gar a Lump! Heut' war i grad aufg'legt dazua, umbringa tat i ihn a glei'."
„A was, wird halt vom Bauern wer heroben sein."
„Glaub's net", meinte der Jakl, euren Fang hoffend. „Geh' ma halt abi, allweil näher als die Wurzhütt'."
Abgemacht! Der Abstieg war gerade nicht heimelig, der Himmel hatte sich bewölkt, Nebel stiegen auf, einige „Sakra" und andere Liebenswürdigkeiten von seiten Jakls, und es ging.
Wir hatten uns nicht geirrt, Rauchgeruch drang uns entgegen, das ganze Hüttendach dampfte in der Nebelfeuchte.
„Do, der Bauer", meinte der Jakl nichts weniger als ärgerlich, sein Amtseifer war sichtlich vom Abstieg und der Aussicht auf etwas Warmes etwas gedämpft . .
Der Bauer war es gerade nicht, aber sein Knecht, der Venter Maxl.
„Ja, was tragt denn di' heut' auffa?" fragte Jakl.
„Wenn der Wind 's halbate Dach ab'deckt hat, muaßt do' a dergleichen tuan."
„Was für a Wind denn? Is ja koaner ganga die ganze Zeit nimmer."
„Freili' —" kicherte eine kleine Diskantstimme aus irgendeinem dunklen Winkel, „weil du 'n net g'spürt hast, gel, in der Wurzhütt' unt' — da geht er freili net —" wieder das Gekicher.
Jakl wandte sich um und durchforschte den Winkel. „Jessas, das Almmandl! Daß di' der Teufl scho' wieder umanander hat. Jetzt is scho' ganz aus, der hat no' nia koan Glück 'bracht."
„Der hat ja d' Botschaft d' Bauern bracht. G'moant hast, die ganze Hütt'n wär' z'sammg'fall'n"> bemerkte der Knecht, dem die Arbeit sichtlich nicht erwünscht gekommen war.
„Der? Jetzt kenn' i mi' scho' aus mit 'm Wind", meinte der Jakl. „Wirst scho' richti' nachg'holf'n hab'n mit 'm Abdeck'n, a Trinkgeld schaut alleweil 'raus — gel, und a warm's Fressen. I gebat dir was ganz anders, wenn i der Maxl wär, mit' 'm Vergsteck'n ja wol — Giftbrock'n, verdammter!"
Ich ärgerte mich über den Jakl. Ein altes, verwimmertes Mandl mit einem spitzen, grauen Judenbart, einer schäbigen Pelzmütze mit großem Schirm auf dem strähnig herabhängenden Weißhaar, bei der Kälte in einer unzähligemal geflickten Drillhose von der Farbe des Waldbodens steckend, von Arbeit und Jahren gekrümmt, wie kann man denn so — — Ich kannte ihn schon lange als Sammler von allem Erdenklichen, Un- regislrierten, Unkontrollierbaren: Ameiseneiern, Pech, Baumschwämmen, Versteinerungen aus den Wildbächen, unzähligen andern Raritäten; die ganze Fauna der Alpen: Alpenrosen, Edelweiß, Frauenschuh, Enzian und köstlich duftende Vanille, junge Eichkätzchen, bunte Salamander, seltene Käfer, alles wanderte in den ewiggefüllten Leinwandsack, dessen für die
Mannigfaltigkeit des Inhalts angepaßte Einrichtung ein ebenso großes Rätsel war wie des Trägers eigener Magen, der alles Erdenkliche und Undenkliche mit gleicher Liebe verschlang. Hunde und Katzen sahen in ihm ihren natürlichen Feind; fiel ein Stück auf der Alm, war er rasch da und holte seinen Tribut; forderte der Winter seine Wildopfer, machte er wieder reine Tafel. Seit undenklichen Zeiten auf den Almen und Winterstuben sich umtreibend, allerhand Handel und Unfug treibend, hieß er das Almmandl.
„Laß ihn in Fried', a warms Fleckerl kann man heut' nacht jedem gönnen", wies ich Jakl übelgelaunt zurecht, und wie zur Bestätigung tobte der Föhn gegen die Wände der Hütte.
Maxl kochte Kaffee am offenen Feuer, man zündete sich eine Zigarre dazu an, das stillte den Unmut.
„Da geh' her, Almmandl." Ich reichte ihm eine vor dem Jakl, gerade extra.
Grinsend kam er näher und nahm sie mit seinen gekrümmten Fingern. Im Flackerschein des Feuers war der Gnom fertig. Aus den kleinen, von Haarbüscheln beschatteten Augen schoß ein verschmitzter Strahl. Unterwürfig zog er die Mütze. Ein muffiger Geruch wie von altem Schuhwerk und Eisen ging von ihm aus, er war mir selbst nicht heimelig.
Da riß er die Zigarre in Hälften, steckte die eine ein, die andere in seine weit sich öffnenden Kiefern, die darüber zusammenknackten, einen dicken Knödel unter der Backe bildend.
„Koie — Herr — Koie", sagte er, sich in eine bescheidene Ecke am Feuer drückend, an dem Jakl sich bereits den breiten Buckel wärmte.
„Gamsl schiaß'n?" fragte er weiter, während Maxl den Kaffee in den Milchweidling goß.
„Das geht di' gar nix an", brummte der Jakl, in dem wohl ein alter Haß gärte gegen den Freibeuter. Das machte unwillkürlich auch mich wortkarg.
„Ja, ja, frühere Zeit, da hat's sie's woltern geb'n."
„Jetzt nimmer? Warum das nacher?" fragte ich.
„Warum? Ja, mein' ... die schlecht'n Leut' halt, d' Lump'n, spürst as ja, hörst as ja, bal d' alleweil umanander- kommst auf di' Berg." Ein rascher Blick flog auf Jakl, den Jäger, hinüber, der seine Brotbrocken in den Kaffee schnitt.
Er war an seiner Amtsehre angegriffen, fuhr jäh auf und warf das Messer auf den Herd. „I spür's und hör's nacher net, gel, Lump, elendiger, i komm' net umanand in di' Berg, i bin überhaupt nix, gel?" Er sah drohend auf den Kleinen, der sich zusammenduckte wie eine bedrohte Katze.
„O, bei Leib net, o, a guater Jaga bist, Jakl, a ganz scharfer, da fehlt si' nix, aber schaug, 's Almmandl bist do' net, da hast den Buckl z' breit dazua."
Er kicherte und kaute, daß der Knödl unter der Backe auf und ab ging. „Schaug mi' selber nur an, Herr," er sprang auf seine krummen, dürren Beine, „kannst mi' weg kenna von einer Wurzen oder an dürr'n Stamm und die Boandln, das geht Buckl auffi, Buckl abi, Tag für Tag. Da muaß ein'm ja all's bekäma."
„Alle schlecht'n Gedanken, ja wohl", argumentierte der Jakl.
„Und a diam a Gamsbock, wia 'n der Herr Jaga sein Lebtag net g'schaut! Was?" Er lachte verschmitzt.
Jakl ließ den Löffel unwirsch in die Schüssel fallen. „Natürli' wia a Roß, gel, und d' Kruck'n an Meter und an Bart wia der dein, jetzt druck di', marsch di', mei' Herr hat gnua vor dein' G'red!"
„Na, woaßt du nacher oan in dein' Revier, an ganz b'sondern, sag, Jakl? Oder habt's die vier Tag lang oan g'sehn?" wandte er sich an mich.
„Na, an ganz b'sondern woaß i net, weil i kei' so a Lügenschüppl bin wia du."
„Wenn aber i oan woaß, oan, wia ihr euer Lebtag koan g'sehn habt's alle zwoa, was nacher?"
Da wurde ich doch stutzig. „So red, wo?"