Heft 
(1906) 51
Seite
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Aber der Jakl war außer sich.Herr, verlog'n is, um­bring i di' a no', Tropf, elendiger!" knirschte er das Alm­mandl an mit leuchtenden Augen und geballten Fäusten.

Laß' ihn doch reden, brauchen ihm ja nicht zu glauben. Also red'. Wo?"

In der Gretenburg drent, ja wohl, gestert erst, aber scho ganz was B'sunders, net (gerade) wo's abi geht in die Fürstreisen. Bei meiner Seligkeit, wahr is, Jhna tat i'hn vergunna, dem wol net, der kunnt lang suachen danach, und wenn er net dais, nacher derfen S' spucken aufs Almmandl."

Es sprach etwas Wahres aus seinem Gesicht, und man glaubt ja so gern am vierten Tag.

Jakl hatte nur ein verzweifeltes Lachen.In der Greten­burg war nia nix G'scheit's, und wo koane Gams, da is jetzt a koan Bock."

Ich machte mir eben meine Gedanken über den unzweifel­haft richtigen Ausspruch, da sprach ihn das Almmandl auch schon aus:Wenn's koane Bock gab', die ihr Ruah haben

woll'n, nacher hätt'st du recht, Jakl."

Sele (solche) gibt's, Manna (Männer) a", rief der schweigsame Maxl mit hochgezogener Stirn dazwischen, die Anstrengung verratend, die ihn der Vergleich gekostet.

G'rad du g'hörst net dazua mit deiner Vrottragerin", konnte sich Jakl die Äußerung nicht verkneifen.Sechzig Jahr langt nimmer," wandte er sich dann an mich,und so schiach! Das is so a Paarl!"

Die Züge des Almmandl verwandelten sich jäh, jeder Humor war daraus verschwunden, aber in den Augen leuchtete der Haß auf.Die Vrottragerin laß' aus dem G'spiel, gel! Wenn zwoa arme Teufl si' z'sammtuan und sich mitanand durchs Leben schlagen, nacher geht das koan Menschen was an. Schau di' besser um deine Gamsböck um, is g'scheiter."

Jakl lachte nur verlegen, wagte aber keinen Vorstoß mehr. Eine zweite Zigarre, die er sichtlich bereits als Abschlags­zahlung für den Gamsbock nahm, gab den: Almmandl rasch seine Laune wieder zurück.

Willst a wissen, ob'st ihn schiaßt, gel, ja?"

Er wartete meine Antwort gar nicht ab, trippelte zu seinem Leinensack und kramte allerhand Wurzelzeug, Flaschen mit dunklen Säften und andern Kram heraus, bis er glücklich ein Spiel schmutziger Karten herausbrachte.Jetzt paß auf!" Er begann mit seinen zitternden Fingern die fast nicht mehr erkenntlichen Bilder in Reih und Glied zu legen, je fünf Stück. Bei der dritten Reihe schnakelte er mit der Zunge.Da hast 'n scho'." Er wies auf die erste Karte.Der Schell- ober is der Jaga, jetzt paß. auf, das Grasas is das Wild. Das muaß in dieselbe Reih komma, sonst brauchst net außa z'gehn." Mühsam legte er die pechigen Blatter.Herzkönig, Eichelachter, Grassechser, jetzt gilt's, jetzt kommt die letzt'." Er schlug auf und machte einen steifen Freudensprung. G'hört scho' dein . . . Grasas!"

So was Dumm's." Jakl lachte verdrossen.Und des können S' anhör'n?" fragte er mich.

Das Almmandl machte eine wegwerfende Handbewegung gegen den Jäger.Natürli, der hört ja 's Gras wachsen Grad a bißl weit is d' As und allerhand G'lump da­zwischen." Er studierte von neuem die Karten, es war fast, als ob er selbst dran glaubte.Der Grassechser, der Eichel­achter Müah werd's hab'n aber schiaß'n tuan S'n! Jawohl, Herr Jaga, wenn's di glei gift! In der Greten­burg schiaß'n S'." Er packte seine Karten und sein übriges Zeug ein und schwang den Sack über die Achsel.

Wohin denn heut' no'?" fragte der Maxl.Wegen meiner kannst scho' bleib'n."

Wegen deiner wohl, aber wegen dem da bleib' i net." Er wies auf Jakl.I kann's amal net schmecka, dieG'wappelten." Er warf ihm einen bösen Blick zu.Grad' a bißl an Auf­bruch, wenn i bitt'n derfat", wandte er sich an mich.

Diese Sicherheit imponierte mir.Den sollst du haben, wir lassen ihn beim Maxl."

Nachher sag i: Vergelt's Gott. Grasas irrt si' net, werd's sehn."

Und bei der Almerin is nacher der Loder, die Grasas? Gel?" spöttelte Jakl.

Ganz richti', der Herr Jakob Niederlechner, königlicher Jagdgehilfe z' Schliers." Mit einem gewandten Sprung war er zur Tür draußen.

So a Abdrahter!" meinte der Jakl kopfschüttelnd.In der Gretenburg!"

Versuchen möcht' ich's doch, Jakl", bemerkte ich.

Da fuhr er ganz erregt auf.I glaub's glei' so a Herr und da redt ma' von die Bauersleut' na, nacher is halt' a Tag verlor'n, wenn S' das woll'n."

Kommt auch nicht mehr darauf an", erwiderte ich, über seine Dickköpfigkeit ärgerlich.Abgemacht, stell' den Wecker,

um sieben Uhr Aufbruch." Ich kroch ins Heu.

Der Jakl immer fort:So was! Kartenschlag'n a no'! I, i sag's ja, nix is dumm g'nua, daß 's net glaubt wird von so an studierten Herrn da kunnst ja glei' a Narr

a Narr"

Und schläfrig der Maxl dazwischen:Was kannst sag'n!

A Seltsamer is er scho', der Grindl Franz! Der Lechnerin soll er's auf den Tag g'sagt hab'n, wann ihr Mann stirbt"

Wann er si' z' Tod g'suff'n hat, gel?" Allmählich ver­wischten sich die Reden.

Ich schlief ein.

Der Föhn hatte schlechtes Wetter gebracht, nasses Gefiesel, fludrigen Wind-, und die Nebel brauten auf und ab. Von der Gretenburg, die dicht vor der Alm lag, blickten nur einige Zinken und Mauern heraus, die eine wirkliche Burg, aller­dings von Riesendimensionen, hinter den: grauen Schleier vermuten ließen.

Nichts weniger alsfreudenreich" die ganze Umgebung.

Na, hab'n S' g'schlaf'n drüber?" war die erste Frage Jakls.Übers Grasas? Das wär' so a Wetter für die Gretenburg. Das größte Nebelloch!"

Macht nix,, der Nebel ist überall. G'rad' extra!" er widerte ich.

Der Jakl schüttelte sprachlos den Kopf.Aber scho' starrköpfi'"

Wir brachen auf. Der Tag rang sich nur mühsam durch. Die Gretenburg ist der Alm zu mit mächtigen Fichten be­wachsen, während sie gegen Süden dreißig bis vierzig Meter­hoch steil abfällt wie ein von Riesen getürmtes Bollwerk mit mächtigen Zinnen, Türmen und Mauern. Was drinnen sich alles geformt im Lauf der Jahrtausende, weiß nur der Ein­geweihte, und deren sind es bis jetzt nicht sehr viel dank der populären Bodenschneid in nächster Nähe, die das Heer der Touristen von ihr ablenkt. Gewaltige Felstrümmer, von Latschen überwachsen, bunte Almrosenwiesen, phantastische Brücken uralter gestürzter Fichten, geschwärzte Kainine, die zu heim­lichen Plateaus führen, zu quellklnren Wassertümpeln, wrhl von der Tiefe genährt, ohne Zu- oder Abfluß, Löcher wie mit schwerem Geschütz in die Felsen geschossen, Höhlen, aus denen eine eisige Kälte weht, und das alles zusammengewachsen, harmonisch verbunden von der nie rastenden Natur ein chaotisches Kunstwerk von bestrickendem Reiz.

Ich liebe nun einmal Burgen mehr als Zinshäuser und Fabrikschlote, wildgetürmte Felsblöcke und gestürzte Baumriesen mehr als wohlgegliederte Weizenfelder und staatlich gepflegten Wald um die Nützlichkeit habe ich mich nie viel gekümmert; wo sie aufhört, beginnt ja erst die Schönheit und jeder ästhetische Wert. Und darum wäre ich auch ohne Grasas der Greten­burg zugegangen.

Eine leichte wäßrige Schneedecke, aber nicht eine Fährte.

Was mach ma jetzt?" sagte Jakl.Des seg'n S' do', daß da si' nix rührt."

Warten, Jakl, warten" Ich forschte nach einem ge­eigneten Platz, der möglichst Umsicht bot. In dein Geklüft und undurchdringlichen Latschenwuchs konnte er wohl stecken.