Heft 
(1906) 51
Seite
1076
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Der Nebel zerteilte sich etwas und bot freieren Blick. Da wird man nicht satt zu schauen, so eine Überfülle von Formen und gleichsam erstarrter Bewegung. Wie der Block überhängt und doch nicht stürzt, wie die alte Wetterfichte sich fest gekrallt im Gestein mit ihren: phantastischen Wurzelwerk und aus ihr ihre dürftige Nahrung gezogen, was alles darunter schon her ge­wandelt: Hirsch, Gams, Bär und Luchs. Eine andere längst gestürzt, moosüberwachsen, ist schon wieder zur Mutter Erde zurückgekehrt, sich weich an sie schmiegend, und auf ihrem modrigen Stumpf blüht schon neue Jugend. Und wie die Nebelfetzen um die Zinnen jagen, aus den Löchern aufbrauen und sanft zerfließen, und irgendwo quillt ein Quell wer da Langweile fühlt!

Gegen Osten war Zwischen den Fichten der Ausblick frei auf dieBrech", eine steinige Almfläche. Jakl wollte sie heute mit mir aufsuchen, so hatte er schon aus Opposition nur einen Blick für diese. Und da hat er wirklich schon ein Gamsscharl entdeckt. Das war ein Triumph!

Da schaun S' 'nüber, jetzt wenn ma drüben sitzat'n mit Jhr'm Almmandl!"

Kann ja auch herüberkommen."

Freili', dem Grasas Z'lieb."

Aber dem Schellober z'lieb", frotzelte ich ihn.Wir bleiben."

Wia S' meina."

Verdrossene Stille trat ein, nichts rührte sich, Zwei drei Stunden. Dann und wann riß die Sonne durch, ein Stückchen blauer Himmel erschien über der Burg. Das Alm­mandl fiel mir wieder ein, und ich fragte den Jakl nach der Brottragerin, mit der er gestern so übel angekommen, und nach ihrem Geschäft.

Jakl kargte nicht.Was kannst da sag'n. A ganz a guat's Leit'. Aus dem Rottacherschen stammt's wia so heißt, haben s' amal a G'spusi z'sammg'habt, weiß Gott, wia lang her, nacher hat s' aber an Bauern g'heirat, der is nacher bald g'storb'n oder was oder wia kurz, am Bett'l is komma nacher ist's natürli' herum auf Schliers und Brot­tragerin word'n, na, da hat er s' wieder aufgabelt seine Jugendliebe." Jakl lachte maliziös.Und seit der Zeit laßt er s' halt nimmer aus ja, das muaß i selb'n sag'n, grad sorg'n tuat er dafür fehlt ihr ja arg auf der recht'n Hax und über'n Berg mitgehn und trag'n helf'n und das beste Brökei ihr aufheb'n ja, das muaß i selb'n sag'n das tut a net a jeder für so a alte G'sellin sonst aber a Tropf, a schlechter, auf und nieder, a Falscher, a ganz G'fähr- licher!"

Ich mußte lachen über den Widerspruch in Jakls Seele und freute mich über das Licht, das über das Almmandl fiel, dem ich nun einmal nicht feind sein konnte.

Jetzt wurde ich aber bald selbst ungeduldig mit dem end­losen Warten auf den alten Hagestolz, der in der Burg Hausen sollte. Warum denn einmal nicht selbst nachschauen in dem alten Gemäuer vor mir, vielleicht ist er irgendwo in der Ruhe oder spritzt wo heraus? Jedenfalls verschätze ich mir Gewißheit. Jakl war vollkommen meiner Ansicht, wohl in der Hoffnung, noch Zeit zu gewinnen für seine geliebte Brech, die er sich einmal in seinen Eisenkopf gesetzt. Also auf!

Eine gewagte Pirsch! Ist er wirklich da, ist er auch gleich herausgepirscht in dem engen Terrain? Anderseits war auch die Aufgabe reizvoll. Da heißt es, jeden Schritt über­legen und fest aufsetzen, keinen Stein bewegen, kriechen und schliefen zwischen Wurzelwerk und Fels. Bald schloß uns das Chaos ein, jeden Augenblick konnten wir Wild angehen. Aber kein Stück, keine Führte, nicht einmal frische Losung.

Es blieb uns noch einzig die Höhe, das kleine Plateau, auf dem der höchste Fels sich erhob, der Burgfried, latschen­gekrönt, vielleicht, daß von da aus auf der uns abgekehrten Seite der Burg etwas zu sehen war.

Ein steiler Kamin führte aufwärts, nur schmale Seiten­bänder halfen weiter. Jetzt galt's, ich stieg voraus. Hob

ich den Kopf aus dem Kamin, mußte ich weite Rundsicht

haben in die seitlichen Schrunten und Gräben. Ausgeschnauft, nach der Büchse gesehen, entsichert, auf! Ringsum gezackte Wände, da heißt es, erst abwarten, das Auge erst suchen lassen.

Jakl kroch neben mir hinauf. Jetzt hatte ihn wieder der

Eifer gepackt. Nichts da der bekannte Stupfer Jakls

in die Seite.

Da kommt einer 'rüber von der Brech! Seh'n S''n?"

Ich hatte ihn schon erblickt. Im wiegenden Sprung

ging's über die Almfläche der Burg zu, aber höchstens vier­jährig, ein Böckl, aber kein Bock.

Gnua is er für die Gretenburg, wenn er nur kam!" der Jakl.

Und er kam auch, verschwand zwischen den Fichten, tauchte wieder auf, gerade auf unfern frühern Platz, dann packte er die Höhe an.

Sakra, der kommt durch den Kamin. Rucken S' außa", flüsterte Jakl.

Ich rasch heraus, hinter einem Latschenboschen Stellung genommen. Kam er, so mußte er auf zehn Schritt kommen.

Steine kollern im Kamin dann wieder still dann hebt

er sich wirklich herauf bleibt stehen keine zehn Schritt.

Schiaß'n S' um Gotlls willen!" drängte Jakl.

Mir gefiel er nicht, die Krücke schlecht und der Bart,

und dann, was starrt er denn so über uns hinweg?

Schlagt mit dem Lauf? Dann plötzlich ein Ausriß schon ver­schwunden auch.

Jakl zerdrückte kaum einSakra" zwischen den Lippen, da ertönt der Gamspfiff hinter uns, ich wende mich erstarre fast dicht über uns in der Wand des Burgfried, der sich wie eine Nadel zum Himmel hebt, steht er wahrhaftig, der ganz extrige, das Grasas! Und pfeift und äugt gerade auf mich Büchs an kracht schon.

Der Bock in einer Lanaade hinunter in das Geröll und Gelatsch.

G'fehlt hab'n S' 'n", flüsterte Jakl.

Ich glaub's nicht, kann's nicht glauben.

Der Aberglaube regt sich, das Grasas! Ich weiß selbst nicht, ich repetiere, da steht er wieder, gerade ein schwarzes Fleckl sehe ich noch. Dampf.

Liegt schon", ruft der Jakl.

Na, was sagst d' jetzt?"

Erst anschau'n"

Hin über Geröll und Wurz, wo die Latsche sich schüttelt. Der erste Anblick genügte kohlschwarz, ein Prügelbock - und die Krücken ganz was Extras!

Sakra!" Jakl kratzte sich hinterm Ohr.Wenn i net g'sehn hätt', wie er das As aus sein' Ärmel außa- zog'n hat."

O du Lügenschüppel, gar nix hast g'sehn, das Almmandl laß mir in Ruh."

Weil wir'n nur hab'n As hin As her!" jubelte der Jakl.

Wir mußten der Fürstalm zu absteigen, durch den Kamin abwärts mit dem Bock war doch zu kritisch. Kaum waren wir unten im Holz, kam das Almmandl daher gebokelt mit seinem Sack.

G'rad' 's Leberl, wenn i bitt'n derfat, is glei, vergessen so was, Hab i mir denkt, wia's g'schnallt hat."

Alls g'hört dein, Leber und Lung und d' Gall a dazua", rief der Jakl gut gelaunt.Hol' dir's nur außa."

Das Almmandl holte sich mit gewohntem Griff sein An­recht aus dem aufgebrochenen Bock.Vergelt's tausendmal! Wenn's wieder oan braucht's, i Hab' alleweil oan z' vergeb'n." Er schob den Aufbruch mit blutiger Hand in seinen Sack.

Freili, weil dir's amal 'nausganga is- Der Teuft' hilft alleweil seine Leut'."

Sag einmal," fragte ich jetzt,hast du wirklich das Grasas im Rockärmel gehabt? Aber ehrlich?"