1082
Fürst Lubomirski beschiel) alsbald seinen Neffen Kasimir zu sich. Nur einmal noch hatten sich die Liebenden seit der verhängnisvollen Nacht im Gärtchen an der Stadtmauer gesehen, doch nach wie vor hing Kasimirs Herz an Regina; widerwärtig waren ihm die Händel in der Stadt, denn kam's zum Bruch zwischen den Machthabern des Staats und den städtischen Gewalten, so gab es kein Heil für ihre Liebe mehr.
Der Fürst war bei den Dominikanern abgestiegen. Er empfing seinen Neffen ungnädig, im Staatszimmer des Priors auf einem Sofa liegend, dessen Überzug er schonungslos mit seinen Sporen zerriß.
„Marczewski sagte mir, daß du sehr lau bist im Dienst der guten Sache. Du hast dich ihm nicht zur Verfügung gestellt wie andere junge Edelleute, um selbst die geflügelten Botschaften zu den Bischöfen und Woiwoden zu bringen. Man spricht davon, daß du mit den Städtischen verkehrst; man sieht dich oft einsam stehen in den Gassen, und seit langer Zeit hat man dich nicht im Jesuitenkollegium gesehen."
„Ich suche mir den Umgang, der mir gefällt," sagte Kasimir trotzig, „ich liebe die Heiligen nicht, ich kenne sie!"
„Da hört man den Ton, in dem die Ketzer sprechen!" rief der Fürst aus und sprang vom Sofa auf; hoch aufgerichtet stand er vor dem Neffen. Seine Züge hatten etwas Finsteres; dicke, schwere Brauen lagen über den kleinen funkelnden Augen, und um seine Mundwinkel spielte ein böses Lächeln, das sich in den Falten einer durch einen Schwerthieb gezeichneten Wange verfing. „Haben wir uns deshalb gegen die ketzerischen Schweden gewehrt und gegen den abenteuernden König, daß die Ketzerei hier unser Land verpeste? Die westpreußischen Freistädte sind ein Pfahl in unserm Fleisch: hier herrscht das zähe Deutschtum, das wir ausrotten müssen mit Stumpf und Stiel! Es wirkt ansteckend, und wie es scheint, hat auch meinen Neffen diese Pestilenz beim Kragen gepackt!"
„Die Deutschen hier sind jetzt Bürger unseres Landes," versetzte Kasimir, „und es ist ein deutscher Fürst, der Polens Krone trägt."
„Daß ihn ..." sagte der Fürst, einen Fluch in seinen Bart murmelnd, denn er hatte stets Lei Stanislaus Leszczinskis Fahnen gestanden. Nach einer Weile wandte er sich wieder an seinen Neffen, und seine Stimme klang hart und entschlossen: „Du wirst dich von heute ab uns zur Verfügung stellen, mein Adjutant, mein Bote sein; ich werde dich den Woiwoden und Bischöfen vorstellen; du wirst Bekanntschaften machen, die deiner Laufbahn förderlich sein werden. Doch Pünktlichkeit im Dienst fordere ich, streng und unerbittlich, und willst du sie nicht leisten, so magst du als Bettler umherziehen! Das Ungeziefer wie diese lutherischen Deutschen zertritt man, jede andere Rechtsprechung ist vom Übel."
Kasimir mußte gehorchen, und an der Seite seines Onkels war er oft Zeuge der Verhandlungen; ja er mußte mehrmals die Protokolle führen und auch den Torturen beiwohnen, womit verstockte Gefangene zu Geständnissen gezwungen wurden. Da sah er immer mehr, wie die Zeugen sich in Angeklagte verwandelten — und das Los traf vor allem den Ratspräsidenten selbst, den Vater der Geliebten. Sein würdevolles Auftreten flößte Kasimir Ehrfurcht und Zuneigung ein, und mit tiefem Mitleid sah er, wie sich das Netz über dessen Haupt zusammenzog und die Anschuldigungen sich gegen ihn häuften, wie er eines Tags gebrochen aus der Sitzung fortwankte als ein Angeklagter, der von allen fast der Schuldigste schien.
Da war Marczewski der allgegenwärtige Zeuge. Alles hatte er gesehen, die Physiognomien der Rädelsführer seinem Gedächtnis eingeprägt, die Träger der geraubten Heiligtümer mit unverlöschbaren Zügen in seiner Erinnerung aufbewahrt, sie verfolgt auf ihrem Gang Zur Feuerstätte, sie belauscht, als sie die Beute in die Flammen warfen. Auch Rösner hatte er von fern in der Volksmenge bemerkt, und daß der Häuptling des rebellischen Rats nichts Gutes im Werk gehabt hätte, das wäre doch von Haus aus zweifellos gewesen; auch habe die Heftigkeit des Tumults nur zugenommen, seitdem das
Volk den Stadtpräsidenten in seiner Mitte gesehen hatte. Noch schwerer aber wurde dieser durch das Zeugnis des Pfeffer- küchlers Nocke belastet, der seinem ganzen Haß und Grimm gegen den Rat Luft machte. Denn er bekannte, er selbst habe gesehen und gehört, wie der Bürgermeister das Volk aufgereizt zum Sturm auf das mißliebige Kollegium. „Der Frevel auf sein Haupt!" rief Marczewski, „und es ist ein unerhörter Frevel! Die Königin des Himmels ist beleidigt worden in gottesschänderischer Weise!"
Lange tagte die Untersuchungskommission, kein Schuldiger sollte durch die Maschen des Netzes hinburchschlüpfen; das verlangte vor allem der Bischof von Plotzk, der am liebsten die ganze Stadt Thorn vom Erdboden vertilgt hätte. Fürst Lubomirski forderte, daß nach Abschluß der Untersuchung sein Neffe ihn nach Warschau begleite, wo beim Reichstag die Sache zur Verhandlung kommen sollte.
Noch einmal trafen sich Kasimir und Regina in dem Gärtchen an der Stadtmauer; es war ein dunkler, stürmischer Abend. Vorsichtig hatte sich Kasimir in das Güßchen geschlichen. Regina war aufs tiefste ergriffen; ihres Vaters Geschick bekümmerte sie, immer hoffnungsloser wurde auch die Zukunft ihrer Liebe. Der Geliebte stand im feindlichen Lager, wenn auch mit halbem Herzen. Es rührte sie tief, wenn er seine Teilnahme für ihren Vater aussprach, dessen ganzes Wesen sein Herz gewonnen hatte.
„Er ist ein ganzer Mann," sagte Regina, „und dir darf ich's ja gestehen — er wäre bereit, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, doch die andern sind halb und halb schwankend, und was vermag der einzelne in solcher Zeit? Bei euch sind Mut und Tatkraft und Siegesgewißheit; bei uns nur das Gefühl der Ohnmacht und die schnöde Gewohnheit des unterwürfigen Gehorsams. Und er denkt nicht an sich, mein Vater, er denkt an das Los dieser Stadt, die vergewaltigt werden wird durch unglaublichen Druck, wenn das Strafgericht über uns hereinbricht. Da stand er vor mir mit leuchtenden Augen: die Tore geschlossen, die Mauern mit unfern Wallgeschützen bewehrt, alles bewaffnet, was eine Waffe zu tragen imstande ist — zum Kampf für unsere städtischen Rechte und uirsere Freiheit. Die andern westpreußischen Städte werden sich uns anschließen, denn der Schutz Polens, den wir einst selbst gesucht haben, ist uns allen ein unerträgliches Joch geworden. Und kommt es erst zum Kampf, so werden die Mächte sich rühren, die im Frieden von Oliva sich für unsere weltliche und kirchliche Verfassung verbürgt haben, vor allem der König von Preußen. Doch was hilft meines Vaters tapferer Sinn! Die andern Ratsherren beugen ihren Rücken lieber, als daß sie die Fahne erheben gegen schmachvollen Rechtsbruch. Und er wird zugrunde gehen durch ihre Feigheit."
„Mein Onkel verlang', daß ich ihn nach Warschau begleite", sagte Kasimir ernst; „sei überzeugt,, was ich selbst tun kann, um dort für Milde zu wirken, es soll geschehen."
„So ist's ein Abschied heute?"
„Doch nicht für immer; von meinem Gut erhältst du Kunde über alles, was verhandelt wird. Ich denke dein in treuer Liebe!"
Noch einmal Kuß und Umarmung — und nach schwerem Abschied trennten sich die Liebenden.
Bald wurden auch die Akten seitens der Untersuchungskommission geschlossen. Thorn atmete erleichtert auf, als die Prälaten, Woiwoden und Fürsten die Stadt verlassen hatten, und nur die fernen Staubwolken, die jenseit der Torbrücken von den Hufen ihrer Pferde aufgewühlt wurden, waren letzte Lebenszeichen der unheilvollen Gefolgschaft.
Wochen gingen vorüber, trübe Wochen, und aus den Wochen wurden Monde. Ein stürmischer Herbst war hereingebrochen, und die Linde an der Stadtmauer war längst entblättert. Der Bürgermeister waltete seines Amtes pflichtgetreu, erledigte die täglichen Geschäfte so ruhig und gleichmäßig, als ob nichts Außerordentliches sich zugetragen hätte. Er schien auf das Gewitter nicht zu achten, das tiefschwarz am Himmel