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mit sich herumtrug und froh war, wenn er Gelegenheit fand, ihn stürmisch Hervorbrechen zu lassen. „Bald mit List, bald mit Gewalt haben sie unsere Kinder aus der Stadt geschafft, unzünftige Arbeiten bei sich geschützt, unversteuerte Waren eingeschmuggelt, Verbrecher bei sich ausgenommen und der strafenden Gerechtigkeit entzögen, unser Gesinde, wenn es ihres Glaubens war, gegen uns aufgehetzt — da haben sie's nun!" Der grelle Feuerschein siel auf seine erhitzten Züge und auf die andern leidenschaftlich verzerrten Gesichter rings umher. Über das Kollegium selbst warf der Widerschein der' Flammen sein glühendes Rot, daß es hell beleuchtet stand inmitten der tiefer sinkenden Nacht. Immer neuer Brennstoff wurde herein- getragen unter wüstem Geschrei. Die entfesselte Leidenschaft der Menge steigerte sich zu wahrer Tollwut.
Und damit nichts fehle beim wilden Taumel, der sich hier ein Fest gab, flog mit aufgelöstem, flatterndem Haar aus allen Mauerwinkeln und Sackgassen ein Schwarm von berauschten Weibern herbei. Und die betrunkenen Mädchen reichten sich die Hände, drängten die Bürger zurück und umtanzten in wildem Reigen die Flammen.
Da löste sich die Runde — denn aus dein Kollegium stürmte eine wilde Rotte heran, um sich einen Platz am Feuer Zu erobern. An ihrer Spitze Sinan Mohrucht, einst ein großer Kaufmann, der aber durch verfehlte Unternehmungen heruntergekommen und ins Elend geraten war. Der dürre, skelettartige Mann mit den ausgehöhlten Wangen, über die eine krankhafte Röte flog, war ein Spötter und Gotteslästerer, den: nichts heilig schien, weder was die Jesuiten lehrten, noch was auf der Kanzel der Marienkirche gepredigt wurde, Jetzt drängte er sich vor, und in seiner Rechten schwang er hoch ein Gemälde in schwarzen: Rahmen aus kostbarem Holz.
„Platz da für die heilige Jungfrau," rief er, „ihr unheiliges Mädchengesindel!" Und ein Bild, auf dem man die Jungfrau mit der Strahlenkrone bemerkte, flog, von seiner Hand geschleudert, in die Flammen. Mehrere kleinere Heiligenbilder, die andere Plünderer herbeitrugen, folgten. Auch Ignaz von Loyola und der Papst Jnnocenz XIII. mußten ins prasselnde Feuerbad.
Wilder Jubel, der fast in trunkenes Geheul ausartete, erscholl, und dazwischen dröhnten wuchtig die Axtschläge, unter denen die Türen und Fenster des Kollegiums zersplitterten. Die Scherben klirrten herunter; um das Feuer aber hatten sich die Mädchen und jungen Bursche gelagert. Wieder kreiste die Schnapsflasche, und kecke Lieder ertönten. Ungestört tobte die Orgie lange Zeit. Die Wache hatte sich wieder zurückgezogen. Sie betrachtete das Kollegium, aus den: man auch auf sie Schüsse abgegeben hatte, als eine feindliche Festung. Nachdem diese erobert worden war, hielt sie ihr Werk für vollbracht und jede weitere Einmischung für überflüssig. Die Führer der Wache sahen mit Schadenfreude, wie man das Nest der Feinde ausräucherte, denn für Feinde hielten sie diese Eindringlinge.
Über Rösner selbst war eine eigenartige Stimmung gekommen. Er hatte vergebens versucht, Frieden zu stiften; es war ihn: nicht gelungen, des Tumultes Herr zu werden. Atemlos, erschöpft von diesen Anstrengungen, hatte er sich endlich in seine Wohnung zurückgezogen. In höchster Erregung stand Regina vor ihm; die Kunde des Aufruhrs hatte sie im Innersten erschreckt, unheimliche Ahnungen suchten sie heim. Wohl wußte sie von Kasimir, wie feindlich die Stimmung der herrschenden polnischen Kreise gegen die Stadt Thorn war; in die Sorge um den Vater mischte sich die Sorge um ihre Liebe, der sich nun unüberwindliche Hindernisse entgegenzutürmen drohten. „Gieb Befehl, Vater, strengen Befehl, daß die Menge zersprengt werde!"
Doch Rösner schwieg, seine Kraft schien gelähmt, jede Willensregung erloschen. Plötzlich aber warf er seiner Tochter einen leuchtenden Blick zu. „Ich habe das meinige getan; jetzt ist es zu spät, das Unheil hat seinen Lauf genommen, und wenn wir es auch hemmen, retten können wir uns nicht
vor der Verantwortung. Das Unheil — und ist es ein Unheil? Es- ist ein Strafgericht, und sie selbst haben vermessen den Blitz herbeigelockt! Möge das Volk in Thorn seinen gerechten Unwillen austoben; gönnen wir^ den Übermütigen in: Kollegium noch länger die Marter peinvoller Augenblicke, sie mögen ihnen den Kitzel ihrer Allmacht aus- treiben. Die Hand von Ron: reicht nicht über die Berge, um sie zu schützen. Und ihre Teufelsmoral nützt ihnen diesmal nichts!"
Die Tochter erschrak — wie im Taumel sprach ihr Vater, wie überwältigt von Gedanken, die machtvoll aus seinem Innersten fluteten. Nie früher hatte sie ihn so gesehen.
Er aber redete voll Eifer weiter: „Sie gehören nicht hierher, sie sollen es fühlen! Das ist kein Boden für sie! Hier hat Luthers Pflug gepflügt, und der Same, den Wittenberg gesät, ist hier herrlich aufgegangen. Zur Ruhe soll ich sie mahnen, oh, ich möchte die Sturmglocke läuten lassen in St. Maria und St. Georg, denn alles in mir läutet Sturm! Es ist mir, als sei eine Riesenlast von nur abgewälzt, als sei diese Freistadt Thorn wirklich eine freie Stadt geworden!"
„Aber Pöbel gibt es hier wie überall, und den darfst du nicht frei schalten und walten lassen."
Er strich sich die Stirn und fuhr sich über die Augen; es war, als ob er aus einem Traum erwachte.
„Du hast recht, mein Kind! Zu lange darf der Taumel nicht dauern. Ich habe schon, ehe ich ins Haus trat, die Ratsdiener ausgeschickt, doch kein Ratsherr ist zu finden; sie verstecken sich oder haben den Kops verloren wie ich selbst — wie ich selbst. Doch ich finde mich schon wieder; ich werde auf die Ratswache gehen, Alarm blasen lassen, die ganze altstädtische Bürgerschaft soll sich waffnen, die sollen den Platz säubern." Tief besorgt sah Regina dem Vater nach. Zu spät, dachte sie, zu spät für ihn - - und vielleicht auch für mich! Sie stand am offenen Fenster — noch immer drang der Lärm von: Johanniskirchhof an ihr Ohr — sie hörte und harrte — eine Viertelstunde verging — über den Markt eilten nach dem ersten Trompetensignal die bewaffneten Bürger. Endlich tönte Trommelschlag - sie waren im Anmarsch, noch das Echo eines letzten Schreies der Volksmenge, die sich ungern in ihren Freuden stören ließ. Über dem erloschenen Feuer stand nun der Mond und zeichnete die Schatten des verwüsteten Jesuitenkollegiums auf die Stätte, wo ein berauschtes Volk seinem lang verhaltenen Groll in so frevelhafter Weise Luft gemacht hatte.
Noch nicht zwei Wochen waren seit diesen Tumulten verflossen, als durch die Tore Thorns, von polnischen Söldnern und einer zahlreichen Dienerschaft begleitet, eine Untersuchungskommission einrückte, an deren Spitze zwei Bischöfe, mehrere Woiwoden und Fürst Georg Lubomirski, der Unterkämmerer des Reiches, standen, und die sich in Thorn auf längere Zeit behaglich einrichteten zum Schrecken der Bürger, die wegen der Unkosten gegen die übergroße Zahl der Mitglieder und der Gefolgschaft Protest erhoben.
Der Rat hatte die Untersuchung gegen die Unruhestister zwar eingeleitet, aber schläfrig und zögernd geführt. Das verschuldeten teils die schleppenden Rechts sonnen, teils der Widerwillen, gegen Gesinnungsgenossen einzuschreiten.
Das sagte der Jesuit Marczewski dein Ratspräsidenten unverhohlen, als er ihm auf dem Marktplatz begegnete: „Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, doch wir werden den hohen Rat schon aus seinen: Schlaf wecken. Die ganze Christenheit ist in Erregung; unsere Hirtenbriefe sind an den ganzen polnischen Adel ergangen, gespornt und gewappnet wird er zu Gericht sitzen, von allen Kanzeln wird gegen die Heiligtumschänder gepredigt. Wir haben die Stadt Thon: bei den: Assessorialgericht des Reichstags angeklagt — und wir werden zu unserm guten Recht kommen!"
Und der Jesuit behielt recht, die größten Feinde der Stadt, vor allen: der Bischof von Plotzk und der Woiwode von Kulm, waren unter denen, die die Untersuchung leiten sollten.