Heft 
(1906) 51
Seite
1080
Einzelbild herunterladen

1080 o-

(Fortsetzung.)

-- "'jeder brütete ein heißer Julitng über der Weichsel­stadt, niemals waren die Schüler des Kollegiums so unaufmerksam gewesen; keine ciceronianische Wendung wollte in ihren: Gedächtnis hasten blei­ben, auch die Vesten schienen zerstreut. Die Verhaftung Lysieckis beschäftigte alle Gemüter; er fehlte in der ersten Reche.

Als die Schulstunden geschlossen waren, sammelten sich die Schüler in dichten Haufen auf der Johannisstraße. Der zögernde Bescheid des Stadtpräsidenten hatte nur ihre Ungeduld entflammt.

Dann Zogen sie nach der Neustadt vor die Häuser der Bürger, die sie gestern mißhandelt hatten, und verlangten die Entlassung ihres Mitschülers. Die Stadtwache mußte sie abermals auseinandertreiben; doch sie zogen von Straße zu Straße. Ihnen begegneten die Schüler des evangelischen Gymnasiums, die sich ebenfalls in Gruppen zusammengetan hatten, und die Jesuitenzöglinge glaubten in ihren Mienen, in ihren: ganzen Benehmen etwas wie hohnlachenden Triumph zu lesen. Das erbitterte sie noch mehr, und sie sannen darauf, ihnen einen Streich zu spielen. *

Der Abend war inzwischen hereingebrochen; sie zogen wieder durch die Breite Straße. Vor den: Haus seines Vaters, eines angesehenen Großkaufmanns, stand der junge Nagorni, ein Schüler des Gymnasiums; er stand mit gekreuzten Armen, ein Lächeln auf ^ den Lippen, als wollte er sagen: Zieht nur von der Alt­stadt in die Neustadt, von der Neustadt in die Altstadt. Ballt nur eure Fäuste was nützen euch alle Zusammenrottungen? Der Lysiecki bleibt in Haft! Für diese seine unausgesprochene Meinung mußte er gezüchtigt werden! Man einigte sich rasch darüber, ihn als Geisel festzunehmen, und nach kurzer Gegen­wehr wurde er überwältigt und in das Jesuitenkollegium ge­schleppt. Auge um Auge, Zahn um Zahn für den Lysiecki den Nagorni. Es war ein glücklicher Gedanke, ein leicht er­fochtener Sieg. Der gefangene Feind ward in den Karzer gesperrt, und die Türen wurden verschlossen; lustig aber blie­sen die Waldhörner aus den Fenstern des Kollegiums ein Viktoria" in die Abendluft. Eine Menge Volks versammelte sich murrend auf dem Johanniskirchhof, wurde aber von den Schülern mit Steinwürfen empfangen.

So hatten sich die Befürchtungen des Stadtpräsidenten wegen bedenklicher neuer Unruhen bestätigt. Er rief die Stadtwache herbei, sie sollte Ruhe schaffen; und von ihr wurden die Jesuitenzöglinge, die sich zu weit vorgewagt hatten, zurück­gedrängt.

Rösner schickte den Magistratsekretär zun: Pater Rektor und verlangte die Auslieferung des Gefangenen, und der Pater, den der ganze Tumult beunruhigte und erschreckte, war nicht abgeneigt, diesem Wunsch zu willfahren; er beriet mit Marezewski darüber, während der Sekretär auf Antwort wartete.

Es ist ein unerlaubtes Vorgehen unserer Schüler, eine Gewalttat, die ich nicht entschuldigen kann; sie zu verurteilen, gebieten mir mein Gewissen und das Gesetz der Schuldisziplin. Der ins Wasser geworfene Stein zieht immer weitere Kreise; auch sind wir in der Minderheit hier in Thorn und dürfen die Mehrheit nicht herausfordern."

Marezewski richtete sich in seiner ganzen Größe auf; seine Augen sprühten Feuer.In der Minderheit? Doch hinter uns steht das polnische Reich, steht die ganze Christenheit, soweit sie ein Recht hat auf diesen Namen. Und wir wären nicht die Schüler Loyolas, wenn wir in einen: großen Kampf aus kleinlichen Rücksichten die Waffen strecken wollten. Das Recht vor den Menschen ist oft ein Unrecht vor Gott! Die Macht der Kirche steht über jeden: Gesetz. Geben wir jetzt in: kleinen nach, so ist uns auch bald das Große ver­loren. Ich beschwöre Sie, Rektor, behalten wir de:: jun-

Von Rudolf von Gottschall.

gen Burschen hinter Schloß und Riegel; sie halten ja auch unfern Zögling fest und schieben das Urteil hinaus, das ihn: gerecht werden kann."

Die letzten Worte machten Eindruck auf den Pater, der im Bann der energischen Persönlichkeit seines jüngeren Kollegen stand. So wurde der Bescheid an den Ratsekretär in diesen: Sinn abgegeben.

Draußen nahmen indes der Lärm und die Volksmasse ge­waltig zu. Die evangelischen Schüler waren fast vollzählig auf dem Kampfplatz erschienen, dazu aber eine Menge Hand­lungsdiener und Hand Werks burschen, die aus den Bierhäusern kamen. Mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und geballten Fäusten rückten die aus allen Straßen herbeiströmenden Hilfs­truppen des evangelischen Gymnasiums heran.

Handwerker kamen mit Schmiedehämmern und Äxten und erklärten ihre Bereitschaft, das Kollegium zu stürmen und den Verhafteten zu befreien. Ta stellte sich der primrw omnium an die Spitze, ein junger Feuerkopf, das Vorbild aller fleißig Nachstrebenden. Die Tür des Kollegiums krachte in alle:: Fugen und gab freie Bahn; auch die Tür des Karzers wider­stand den Axtschlägen nicht, und bald lag Nagorni in den Armen seiner Mitschüler, die ihn dann auf den Schultern jubelnd auf die Straße trugen. Das Schauspiel war für die Mitwirkenden und Zuschauenden zu Ende.

Das Volk begann sich zu zerstreuen, da goß ein neuer Vorgang Öl ins Feuer. Die Jesuitenschüler wollten ihre Niederlage nicht so ruhig hinnehmen. Jetzt warfen sie mit Steinen vom Dach auf das Volk, das sich nun wieder sammelte und durch Zufluß von allen Seiten zu einer ge­waltigen Menge anschwoll. Nun regnete es Steinwürfe auf die Fenster des Gebäudes. Die Bürgerwachen und polnischen Söldner rückten heran, da fielen Schüsse aus dem Kollegium, die Stundenglocke wurde geläutet, und wie die Klänge einer Sturmglocke dröhnte es über die Stadt hin. In großer Er­regung erschien Rösner selbst; sein graues Haupthaar flatterte im Wind. In: Getümmel war ihn: der Hut von: Kopf ge­stoßen worden. Ruhe heischend, wendete er sich nach allen Seiten. Er bat, er befahl dem Volk, sich zu zerstreuen. Doch wenn die Nächsten ihm folgen wollten, die Weiterstehenden rührten sich nicht von der Stelle. Die geöffneten Reihen schlossen sich wieder. Er brach sich Bahn bis zur Wiese, wo er wieder Atem schöpfen konnte, denn er war fast erstickt in: Gedränge. Da sah er neben sich ein boshaft grinsendes Ge­sicht, es war der Pfefferküchler Nocke.Das wird Euch wohl doch zu viel, Herr Stadtpräsident? Blast nur das Feuer lustig weiter an, es geht jetzt nach Wunsch!" Rösner würdigte den verkommenen Menschen keiner Erwiderung. Inzwischen wurde fortwährend aus dem Kollegium geschossen, und die Erbitte­rung und Wut der Volksmenge kannten keine Schranken mehr. Auf die Belagerung folgte die Erstürmung. Man drang in das Haus, und nun kan: eine wahre Tobsucht über diese fieberhaft erregte Menge. Die Fenster, die Türen wurden zer­trümmert, alle Gerätschaften zerschlagen. Der Pater Rektor zitterte in seinen: Gemach, aber Marezewski trat in die Tür, die geladene Pistole in der Hand, und vor seiner gebieterischen Erscheinung wichen die Eindringlinge zurück.

' Aber da leuchteten auch schon die Flammen eines Freuden­feuers herüber, das man auf den: Johnnniskirchhof angezündet hatte. Alles, was aus den: Haus herausgeschleppt worden war, mußte in die Flammen, Türen und Bänke und Tische, auch manches heilige Gerät, das nach seiner irdischen Herkunft zu den brennbaren Stoffen gehörte. Freche Spottlust tat sich jubelnd ein Genügen gerade in den:, was den: Feind heilig war - und das kam alles aus dem feindlichen Lager.

Da haben sie's nun!" rief der Weißgerber Härtel, ein kleiner gelbsüchtiger Mann, der stets einen geheimen Ingrimm

Das Thorner Blutbad.

Ein Bild aus deutscher Geschichte.