Heft 
(1906) 51
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stand. In Haft war er nicht genommen worden, er benutzte seine Freiheit nur zu tätigem, gemeinnützigen: Wirken.

Die Sache schien sich Hinzuschleppen; erst im Oktober ent­schied sich der Reichstag dafür, daß das Königliche Assessorial- gericht die Verhandlung führen und das Urteil fällen sollte.

Wohl hatten die Thorner ihren Verteidiger, auch zwei Rats­herren unterstützten ihn; aber es waren nur ungelenke Herren, die mit den schartigen Waffen alter Rechtsparagraphen fochten. Ein überlegener Geist lenkte die Richter im verborgenen: der Jesuit Marczewski war in Warschau.

Daß es schlimm stand um seine Sache, das erfuhr Rösner von Tag zu Tag, wenn sich auch die Entscheidung verzögerte; doch noch eher als der Vater erfuhr es die Tochter. Kasimir hielt sein Wort; seine geheimen Vrieflein warfen ein schreckhaft Licht auf den Gang der Verhandlungen und die tiefe Feind­seligkeit der Richter. Und sie, die Wissende, mußte mit jeder neuen Kunde zurückhalten, bis der Vater sie von seinen Amts­genossen in Warschau erfahren hatte. Dann kam auch für ihn die Bestätigung der bösen Kunde.

Rösner selbst erkannte das Hoffnungslose seiner Lage.

Da warf sich Regina ihm zu Füßen.Ich bitte, ich beschwöre dich, verlaß diese Stadt! Es gibt für euch doch keine andere Rettung als die Flucht! Begib dich in den Schutz des Königs von Preußen, er ist ein fester, mannhafter Herr und wird dafür sorgen, daß dir kein Haar gekrümmt werde, denn er ist ein Schirmherr unseres Glaubens. Die Tore stehen offen. Nichts hindert dich an der Flucht."

Rösner schloß die Tochter in seine Arme.Um deinet­willen, mein einzig geliebtes Kind, würde ich mich dem drohenden Gericht entziehen, mich retten für dich, die du sonst einsam, verlassen, ja geächtet durchs Leben gehen mußt. O, daß ich's nicht kann, ist mir ein herzzerreißendes Weh! Doch meine Pflicht gebietet mir, treu auszuharren bei meinen Mit­bürgern. Ich stehe hier wie ein Soldat auf meinem Posten, feiger Fahnenflucht werde ich mich nimmer schuldig machen!"

Regina rang verzweifelt die Hände; aber so oft, so flehentlich sie ihre Bitte wiederholte, Rösner blieb gleichen Sinnes. (Schluß folgt.)

Dev stille Weg.

(14. Fortsetzung.) Roman von Richard Skowronnek.

lso war es ganz so gekommen, wie Henner es sich ausgedacht hatte, als er vor jenen langen acht Tagen die Kompagnie zu vertraulicher Aussprache in die Talsenkung führte; seine braven grünen Jungen hatten sogar mehr geleistet, als versprochen, ein so glänzendes Abschneiden hätte er selbst in seinen kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten! Aber auch das Ziel, nach dem er strebte, war höher geworden. Kein stilles Ausweichen mehr, sondern ein stolzer Aufstieg Hand in Hand. Und ein wie anders geartetes Los konnte er der Verwöhnten, einzigen bieten wie noch vor wenigen Tagen; nicht mehr das Leben einer kleinen Leutnantsfrau in diesem engen, gottverlassenen Erdenwinkel, eine schlanke

Karriere an der Seite eines vielbeneidetenSpringers", der mühelos über ein halbes Hundert Vordermänner setzte. . . zunächst einmal als ältester Oberleutnant in ein ganz bevor­zugtes Regiment . . . Kriegsakademie ... ein Jahr Frontdienst noch als junger Hauptmann . . . Generalstab ... wie ein ein­ziger lachender Sommermorgen lag sein Leben vor ihm. . . all' die kleinlichen Sorgen, die ihn früher bedrückt hatten, ver­flogen . . . das war ja das Selbstverständlichste der Welt, daß Alix ein wenig mehr Sparsamkeit lernte, für die kurze Zeit nur, bis das Oberleutnantsgehalt durch die Beförderung zum Hauptmann und höhere Servisklasse eine gewaltige Steigerung erfuhr. . . sicherlich tat nach also bewiesener Tüchtigkeit auch der alte Onkel Jobst auf Klintzewen ein übriges, griff, so sehr er auch gegen die wenig genehme Partie gewettert hatte, noch einmal zur Bezahlung der unbequemen Läpperschulden tief in den Beutel... So träumte er eine ganze Weile lang mit offenen Augen und konnte kaum die Zeit erwarten, bis hier alles zu Ende war, das Exerzieren im Bataillon, bei dem seine Kompagnie natürlich ebenfalls den drei andern, wie es in der Turfsprache hieß,die Eisen zeigte", um mit ungezählten Längen einen wohlverdienten Sieg zu landen . . . Eigentlich überflüssig, daß er dabei war, seine grünen Jungens schafften es ja auch ohne ihn, er aber jagte ventro-ä-lerro quer über Hügel und Täler dorthin, wo eine in Sehnsucht seiner harrte. . . und der übermütige Gedanke trat ihn an, unauffällig ein wenig abseits zu reiten, um hinter der ersten Deckung ungesehen davon­zusprengen: wenn er seiner Bessie *den Kopf frei gab, war er längst wieder zurück, ehe die letzte Kompagnie mit ihrer Vor­stellung fertig war. . . fast wie der gleiche unwiderstehliche Zwang, der ihn an den beiden vergangenen Abenden in den Ouessendorfer Park getrieben hatte, saß es ihm im Nacken, er hatte Mühe, ihn abzuschütteln, und mußte sich einen ganz

energischen Ruck geben, um aus diesem Dämmern in allerhand traumhaften Zuständen, in dem sich die Grenzen des Möglichen und Zulässigen verwischten, wieder in die klare Wirklichkeit zurückzukommen. Und um sich jede Möglichkeit eines Rückfalles selbst abzuschneiden, stieg er aus dem Sattel, übergab Bessie dem tüchtigen Ochotnp und trat auf seine Leutnants zu. So wenig sie an dem glänzenden Ausfall der Vorstellung Verdienst hatten, immerhin gebot es eine gewisse Anstandspflicht, den beiden ein paar freundliche Worte zu sagen. Zugleich aber trieb ihn die dunkle Hoffnung, von ihnen in unauffälliger Weise einiges über die zu hören, der seine sehnsüchtigen und bangenden Gedanken galten; sie waren ja beide gestern abend drüben in Ouessendorf gewesen und hatten nach ihrer eigenen Aussage bis zum Morgengrauen ausgehalten. . .

Na, meine Herren, wie sind Sie jetzt mit dem Herrn Inspekteur zufrieden? Doch gar nicht dieser Riesenbaubau, als der er von der Fama geschildert wurde!"

Na ja," sagte der kleine Leutnant Rohde und reckte sich in den Hüften,wie haben wir aber auch gearbeitet! Als es an die Schwenkungen ging, nahm ich meinen Flügelmann beim Rockärmel. Kerl, sag es leise weiter: Bimsen tu ich euch,

daß ihr die Engel im Himmel pfeifen hört, wenn ihr jetzt vielleicht schlapp werden wollt. . ? na, und das hat an­scheinend geholfen!"

Selbstverständlich und ganz in meinem Sinn, lieber Rohde," versetzte Henner mit einem ironischen Lächeln,aber, wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen: nachher, im Bataillon, keine so drastischen Ermahnungen mehr! Der Inspekteur könnte es merken, und alles wäre Essig! ..." Und der Leutnant Siewers pflichtete eifrig bei:Selbstverständlich habe es Rohde auch schon gesagt. Haben die Kerls ordentlich in Schwung gebracht, jetzt wird der Karren schon von allein weiterlaufen. Aber mit wie viel Punkten mehr hätten wir abschneiden können," fügte er mit einem Seufzer hinzu und lüftete für ein paar Augenblicke den Tschako vom schmerzenden Haupt,wenn nicht der Verfluchte Jammer gewesen wäre. Und wahrhaftig, nie mehr mach' ich am Vorabend der Besichtigung ein Festin mit, bei dem heimtückischerweise zwei Verlobungen proklamiert werden, und hinterher natürlich Bowle und noch mal Bowle... bis an den Hals war ich voll, als es endlich nach Hause ging!"

Henner von Sacrow hatte laut auflachen wollen, denn die beiden jungen Dachse kamen ihm wie die Mörtelbuben vor, die sich mit geschwellter Brust vor den Kölner Dom stellten, aber das Lachen wurde ihm zur Grimasse.Zwei Verlobungen?