Heft 
(1906) 51
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Gestern abend in Ouessendorf?" . . . Kaum, daß er ver­mochte, die paar Worte mit leidlicher Haltung zu sprechen.

Die beiden Leutnants waren viel zu sehr verjammert, um die Veränderung in den Gesichtszügen ihres Kompagnieführers zu bemerken. Im Gegenteil, seine so kühle Haltung schien ihnen eine Bestätigung der Ansicht, die sie während der nächt­lichen Heimfahrt im Krümperbreak gegen eine ebenso er­hebliche wie unwissende Majorität mit allem Nachdruck ver­fochten hatten, daß nämlich der Oberleutnant Sacrow sich nie­mals mit ernstlichen Gedanken und Absichten auf die Hand der Komteß Prahlstorff getragen hätte. Im allerhöchsten Fall ein oberflächlicher Flirt, den man leichten Herzens abbrach . . .

Ja," sagte der kleine Rohde eifrig,da drüben steht der eine glückliche Bräutigam!" Und er deutete nach dem Ober­leutnant Kalckhoff hinüber.Kein Wunder, daß ihm heute

der königliche Dienst höchst schnuppe war, denn seine Braut ist ein ganz reizendes kleines Mädel mit einer geradezu portu­giesischen Silberflotte, und bei näherem Zusehen stellt sich heraus, daß sie vier Jahre oder mehr so sehnsüchtig auf ihn gewartet hatte, daß er nur endlich auf der Bildfläche zu erscheinen brauchte, und die Chose war fertig! Wir alle sahen ja von unten zu, fehlte wahrhastig nur, daß sie ihm gleich auf Anhieb um den Hals flog! Und so ein Dusel, achtzehn oder mehr Millionen soll sie haben, dieses Fräulein Elisabeth Schmielke . . .!"

Henner stützte sich schwer auf seinen Säbel, blanke Funken tanzten vor seinen Augen. Er entsann sich, daß ihm jemand irgendwann von dieser jungen Dame gesprochen hatte, nur in Verbindung mit einem andern Namen, und diese Chose sollte angeblich ebenso häßlich und rein geschäftlich zurechtgeschoben sein wie die andere, an die er noch jetzt mit einem letzten, verzweifelten Hoffen nicht glauben wollte, aber der sommer­sprossige und rothaarige lange Kerl da vor ihm hatte doch vorhin von zwei Verlobungen gesprochen? . . . Und jetzt tat er von neuern den Mund auf . . .

Na ja," sagte der Leutnant Siewers mit einem trockenen Auflachen,in dem Fall Kalckhoff will ich's gern glauben, trug alles sozusagen den Stempel der Wahrhaftigkeit. Aber daß dieser nomm6 Schmielke und die schöne Komteß Prahlstorff auch eine gegenseitige und uneingestandene Liebe schon lange im Herzen getragen haben sollen, wie die alte Baronin Reichner verbreitete, also vor meiner Waschfrau würde ich mich genieren, ein solches Märchen zu erzählen! Glücklich genug sahen sie ja aus, und, auf mein Wort, ich kam dazu, wie sie sich in einem dunkeln Winkel herzhaft ab küßten, a^, trotzdem, ich sage, ein ge­schobener Handel! Er bringt Prahlstorff, Langenheide und Bielkau in die Kompagnie und sie die hohen Verbindungen, ein ganz glattes Geschäft! Aber wie sagen unsere Religions­kollegen von der andern Fakultät aus dem fernen Osten? -Meine Sorgenll Und was geht uns eigentlich die ganze Geschichte an, lieber Sacrow? Man spricht darüber ein Weilchen, weil man eben als Zeitgenosse dabei war, und basta . . .!"

Henner zwang sich mit übermenschlicher Anstrengung zu einem Lächeln.Ja natürlich, lieber Siewers. Nur in einem Punkt kann ich Sie zufällig ein wenig korrigieren und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie für Weiterverbreitung sorgen würden. Sie wissen, ich war Ziemlich häufig drüben in Ouessendorf, habe auch der Komteß, wie wir alle im engeren und weiteren Kreis, ein wenig die Cour geschnitten, aber die Baronin, meine alte Freundin, gab mir schon in den ersten Tagen

das erforderliche und wohltätige Dessin: keine überflüssigen Emotionen, lieber Henner! Die Komteß Alix ist im stillen schon längst verlobt, und alle Welt wird staunen, wenn diese Verlobung veröffentlicht wird! Ich mußte natürlich mit einen: harten Eid Verschwiegenheit geloben, aber heute, angesichts der vollzogenen Tatsache, kann ich wohl, ohne indiskret zu erscheinen, mich als einen längst Eingeweihten bekennen! . . . Aber jetzt, attention au seu, meine Herren, die Dritte scheint auch gar nicht übel abzuschneiden!"

Er grüßte freundlich und ging mit erheucheltem Interesse an den Vorgängen auf dem Exerzierplatz ein paar Dutzend

Schritte vorwärts. Nur allein sein und keinem Menschen einen Blick ins Gesicht gestatten. . . Nur nichts merken lassen von den: gänzlichen Zusammenbruch ..! Vor wenigen Augenblicken noch ein triumphierender Sieger und jetzt ein im Staub zertretener Wurm, ein jämmerliches Etwas, über das man lachend dahinschritt . . .

Ein älterer Herr in Hauptmannsuniform kan: auf ihn zu, augenscheinlich, um mit ihm ein Gespräch zu beginnen.

Na, lieber Kollege und Oberhexenmeister, wie haben Sie das Kunststück von vorhin nur fertiggebracht? Eins, zwei, drei, die beste Kompagnie auf dem Plan, die Se. Exzellenz je zu sehen geruht haben?"

Da lächelte er mühsam.Das Rezept ist sehr einfach: gute Behandlung der Kerle, von denen in schwieriger Stunde unser eigenes Schicksal abhängt. Mal ab und zu den Menschen rauskehren, nicht nur immer den bitterstrengen Vorgesetzten; denn merkwürdigerweise, Herr Hauptmann, die blöde Masse unter den Gewehren denkt! Sie empfindet bewußte Ab- und Zu­neigungen und erfrecht sich, danach zu handeln. Dieses Rezept aber vermache ich Herrn Hauptmann ganz kostenlos, denn ich werde wohl keinen allzu häufigen Gebrauch mehr davon machen."

Ich auch nicht, lieber Sacrow", versetzte der Hauptmann von Kreienberg mit einem trüben Lächeln. Von da an sprachen sie nicht- mehr, sahen schweigend zu, wie die Dritte und die Vierte vorgestellt wurden und anscheinend leidlich abschnitten. Vielleicht, daß in den Kerlen durch das glorreiche Beispiel der Zweiten der Ehrgeiz geweckt worden war, oder daß Se. Exzellenz sich ein wenig milder gestimmt zeigten als zu Beginn der Besichtigung! Der Regen hatte zudem aufgehört, hinten über dem Maldeiner Wald teilte sich der dunkle Wolkenflor, und wärmende Sonnenstrahlen schienen auf die mühsam im Lehm watende Kreatur.

Die Tür war verschlossen, der tüchtige Ochotnp hantierte im Stall, Henner von Sacrow war allein, nur eine kurze Spanne Zeit trennte ihn noch von seinem Ziel. Und mit aller Ruhe traf er seine Vorbereitungen, keine Störung war zu befürchten, er hatte sie ja alle so über die Maßen geschickt getäuscht! War lächelnd und in lebhafter Unterhaltung mit dem Adjutanten des Inspekteurs an der Spitze seiner Kom­pagnie, die sich auch bei der Vorstellung des ganzen Bataillons vor den drei andern ausgezeichnet hatte, nach Hause geritten, hatte lächelnd bei dem kurzen Besichtigungsfrühschoppen die mehr oder minder ehrlich gemeinten Glückwünsche der Kameraden entgegengenommen und wieder gelächelt, aber natürlich sehr verbindlich und respektvoll, als der Kommandeur ihn: sein Bedauern ausdrückte, den tüchtigsten seiner jüngeren Offiziere so bald schon verlieren zu müssen. In dieses Bedauern aber mischte sich natürlich die Freude, daß ernsthaftes Streben in: Verein mit hervorragenden Fähigkeiten im königlichen Dienst immer eine gerechte Anerkennung fände . . . leider könne er sich im Augenblick über die von Sr. Exzellenz empfangenen Mitteilungen nicht näher auslassen, aber er hoffe, so schloß der Kommandeur mit vielsagender Andeutung, Henner werde die alten Kameraden nicht vergessen, selbst wenn er von seinen: so rasch und glücklich aufgegangenenStern" zu den höchste: militärischen Ehren geführt werden sollte. . . Vor ein paar- kurzen Stunden hätte er sich über diese Mitteilung, die nichts anderes bedeutete, als daß der Inspekteur beabsichtigte, ihn ins Gardejägerbataillon noch Potsdam zu versetzen, ganz unsinnig gefreut; aber der, den diese Mitteilung anging, war ja längst schon gestorben; nur seine äußere Hülle stand noch aufrecht da, schnitt für eine kurze Weile allerhand lustige Grimassen, um jede, auch die geringste Spur Zu verwischen . . . Wie vor einem unlösbaren Rätsel sollten sie stehen!

Und alle hatten sie sich willig täuschen lassen, zuletzt auch der gute Hartung. Als sie zusammen den Frühschoppen ver­ließen, sagte er:Du, Henner, ich Hütte eigentlich ein paar- ernsthafte Worte mit dir zu sprechen! Herr von Oueffem dorpf war heute in aller Herrgottsfrühe bei nur..." Und

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