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da erwiderte er wiederum mit einem Lachen: „Ach so, die dumme Geschichte von gestern abend. Wenn du wüßtest, Franzel, wie weit das alles hinter mir liegt! Kommt ja öfter vor, daß einer sich um ein Weib ein bißchen verrückt anstellt. . . war 'ne reine Nervensache. Und schon wieder vorüber. Hab mich eigentlich über mich selbst gewundert, wie ruhig ich heute die ganze Chose ansehe. Mitten in der Vorstellung wurde mir die Verlobungsnachricht mitgeteilt, und sag selbst, Franzel, Hab ich darum meine Kompagnie weniger ruhig geführt . . ?" „Nein," sagte der Oberleutnant Hartung, „nicht im geringsten!" . . . „Na, siehst du, so ein Erfolg wie der heutige hilft einem über manches hinweg, was man sonst vielleicht schwerer genommen hätte! Aber eine Frage noch: Speisen Ew. Hochwohlgeboren heute mit im Kasino? . . ." „Ja natürlich ..." „Also don, dann hol mich fünf Minuten nach eins ab; wenn wir leider auch nicht nebeneinander sitzen, so können wir doch wenigstens mal über den Tisch weg uns anprosten. Weißt ja, bin heute hochgeehrter Ehrenmops
Sr. Exzellenz des Herrn Inspekteurs, und, weiß Gott, wenn ich nicht eine so durch und durch leutselige und herablassende Natur besäße, dürfte ich als jetzt halber Gardiste mit euch Provinzialen eigentlich gar nicht mehr verkehren. . .!"
So hatte er mit lachendem Mund geschlossen, war quer über den Markt nach seiner Wohnung gegangen nach einem flüchtigen Gruß mit drei Fingern am Tschakorand. . . Im Herzen ein bitteres Weh, daß er sich's hatte versagen müssen, dem einzigen Getreuen zum Abschied die Hand zu drücken, ihm mit einem Blick wenigstens für alle bewiesene Liebe und Güte zu danken . . . unmöglich . . . nur nicht aus der Rolle fallen! . . . Um fünf Minuten nach ein Uhr. . . noch eine reichliche Stunde lag vor ihm. Er konnte sich mit aller Gründlichkeit waschen und die beste Garnitur Überrock an- ziehen, vielleicht noch irgendetwas ausdenken, was die hohe, nach Beweggründen forschende Kommission sozusagen mit der Nase auf eine plötzlich eingetretene Geistesstörung stoßen mußte. — — (Schluß folgt.)
Müller» nrrd Mülerr.
Der Wiener Mannergesangverein in Merkin. (Zu der untenstehenden Abbildung.) Am 7. Dezember traf, festlich empfangen von den großen Berliner Gesangvereinen und den Vertretern der österreichischungarischen Gesandtschaft und des Konsulats, der Wiener Männergesangverein in Berlin ein. Er ist den Berlinern gut bekannt, hat er doch schon einmal im Jahr 1885 eine fröhliche Sängerfahrt nach der deutschen Rcichshauptstadt unternommen und unter begeistertem Jubel der Berliner feine herrliche Kunst entfaltet. Diesmal kommt er auf persönliche Einladung Kaiser Wilhelms, der im vergangenen Sommer nach einem Hofkon^ert im Schönbrunner Schloß den Ehrenchormeister Eduard Kremser und den Vorsitzenden des Vereins, Herrn Schneiderhau, durch Verleihung des Kronenordens dritter Klasse auszeichnete. Es war hauptsächlich der wundervolle Vortrag schlichter Volkslieder, die von den Wienern zu so ergreifender Wirkung gebracht wurden. Eduard Kremser, der feit 1869 der künstlerische Leiter des Wiener Männer
gesangvereins und selbst Komponist schöner Chorlieder ist, hat die prächtigen „altniederländifchen Volkslieder" in glücklichster Weise für Männerchor, Soli und Orchester bearbeitet, ebenso ist Richard Heuberger, sein Kollege, auf dem Gebiet der Chor- und Opernkomposition rühmlichst bekannt. Erst am 6. Oktober 1843, vierunddreißig Jahre nach der Gründung der ersten Berliner Liedertafel durch Zeller, den großen Direktor der Singakademie, wurde der Wiener Männergesangverein aus Anregung von vr. August Schmidt, den: Redakteur der „Wiener Allgemeinen Musikzeitung", gegründet, und schon zwei Jahre später erwarb er sich auf einem in der Villa Metternich gegebenen Fest die Gunst der dort versammelten Fürsten, die ihn: bis heute treu geblieben ist. Aber trotz dieser Fürstengunst ist er eine echt volkstümliche Institution, wenn auch hohe Staatsbeamte, Künstler, Großindustrielle neben den Vertretern aller bürgerlichen Stände unter feinen über 400 Mitgliedern sich befinden. Die Aufnahmebedingungen sind streng: eine schöne Stimme
'AV-SZ'
Von links nach rechts: Franz Stangelberger, Ausschutzrat; F. Mellich, Ökonom: August Kränzl, Ausschutzrat; F. Dworaczek, Schriftführer; Heinrich
Krückl, Schriftführer; Emil Nisky, Schriftführer; Fr. Schneiderhan, Präsident; Gustav Bandian. Vizepräsident; Ed. Kremser, Ehrenchormeister; Rich. Heuberger, Chormeister; Ant. Fuchs, Archivar; Karl Engelhart, Ausschutzrat; Max Köhler, Ausschutzrat; Ant. Elschuig, Ausfchutzrat; Ferd. Richard, Kassierer.
Der Vorstand des Wiener Mannergesangvereins.