Heft 
(1881) 297
Seite
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Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

All' das erlebte Sörgel noch. Aber die rechte Schaffenslust erwuchs ihr doch erst, als der Alte zu seinen Vätern ver­sammelt und statt feiner einFrommer" in die Pfarre gekommen war, der, trotz­dem er Borstelkamm hieß und zu den Strenggläubigsten zählte, doch zugleich in solcher Freudigkeit und Milde des Glau­bens stand, daß er selbst Griffel entwaff­net und zu der Anerkennung hingerissen hatte:Hür', Joost, de verstecht et. De is Sörgel und Melcher all in een."

An ihn schloß sie sich in einer mit jedem Tage wachsenden Hingebung und Begei­sterung an, und von ihm auch war es, daß sie den Zusammenhang alles Geschehenen in Erfahrung brachte: wie der Haide­reiter gestorben und vielleicht auch um was. Und als er geschlossen hatte, war sie wohl erschüttert gewesen, aber doch nicht niedergeworfen, denn ihr ahnendes Gemüth hatte längst davon gewußt, auch ohne Gewißheit zu haben.

Und so war es auch nicht infolge dieser Aufschlüsse, daß sie noch in demselben Frühsommer starb. Ihr neues Leben, das nur Arbeit und Opfer und eine schließlich bis zur Leidenschaft gesteigerte Wonne der Entsagung gekannt, hatte sie wohl auf kurze Zeit hin in anscheinender Frische wieder aufblühen lassen, aber diese Frische war eine Täuschung gewesen. Ein Fieber kam, das ihre Kräfte rasch wegzehrte, rascher noch, als irgendwer geglaubt, sie selber ausgenommen; und als Griffel auch den letzten Tag noch mit einem verstecktenReißen" zu trö­sten suchte, lächelte sie nur und sagte: Laß. Ich weiß Alles... Und ich sterbe gern."

Das war ihr Abschiedswort gewesen.

Ueber ihr Begräbniß aber hatte sie längst vorher Festsetzungen getroffen, und sie begruben sie neben der ersten Frau, deren Grabstelle schon vorher erweitert worden war, so daß das Kind jetzt zwi­schen ihnen lag. Und gaben ihr einen Stein, darauf stand, wie sie's dem neuen Geistlichen ans Herz gelegt hatte, kein Name,weil sie von Geburt an keinen gehabt und den , anderen^ nicht wolle." Statt dessen aber wurde der Spruch ein­gegraben:Ewig und unwandelbar ist das Gesetz!" Umsonst, daß sie gebeten worden war, einen hoffnungsreicheren und christlicheren Spruch, einen Spruch von der Gnade und Liebe Gottes wählen zu wollen mit einem Eigensinne, der ihr sonst fremd war, hatte sie darauf bestanden, unter immer erneuter Be­tonung, daß sie persönlich die Liebe Gottes erfahren und seiner Gnade sicher sei, der Spruch auf ihrem Grabe aber zu den Ueberlebenden sprechen und diesen eine Mahnung sein solle. Hinznkommen mochte, daß sie damit eine Schuld an den alten Melcher Harms abzutragen gedachte, dem sie zuletzt völlig entfremdet worden war und dem sie sich nichtsdestoweniger und all' seiner Selbstgerechtigkeit ungeachtet, für dieses und jenes Leben verpflichtet fühlte.

Ihr Begräbniß war ein großes Ereig­niß, wie's einst ihre Hochzeit gewesen war, und am selben Tage noch trug der Geist­liche die Daten ihres Lebens und Ster­bens in das Kirchenbuch ein.

Da stehen sie, mahnend wie der Spruch auf ihrem Grabe.

Aber Beides überdauernd, ragt über Diegel's Mühle die weiße Felswand ans und auf ihrer Höhe die weit vorgebengte Tanne von Ellernklipp.