Heft 
(1881) 297
Seite
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Jllustrirtc Deutsche Monatshefte.

stände eines rohen, thierähnlichen Wilden sich bis zur Stufe des civilisirten Menschen emporzuarbeiten, vr. Locher-Wild in seinem übrigens ziemlich phantastisch ge­haltenen BucheUeber Familienanlage und Erblichkeit" nimmt sogar keinen An­stand, die Erblichkeit vielleicht mit eini­ger Uebertreibungdie großartigste aller Naturerscheinungen" zu nennen.

Allerdings ist die Kenntniß des Ge­setzes oder der Gesetze der Vererbung an sich uralt und zeigt sich sehr deutlich in der Thierzüchtuug der ältesten Völker, sowie der Wilden, welche zur sogenannten Nachzucht immer nur die stärksten, schön­sten oder sonst durch vorzügliche Eigen­schaften ausgezeichneten Thiere zu ver­wenden suchen, in der sicheren Erwartung, daß die guten Eigenschaften der Eltern in den Nachkommen mehr oder weniger wiederkehren werden, mochten diese guten Eigenschaften nun von den Eltern erworben oder ihnen angeboren, mochten sie zufällig auftretende oder absichtlich angebildete sein. Aber das rechte Licht fiel auf die Vorgänge der Vererbung erst durch Darwin und den Einfluß seiner berühmten Theorie, welche eine so große Umwälzung in den organischen Naturwissenschaften hervorge­rufen hat. Es ist bekannt und braucht nicht näher auseinandergesetzt zu werden, daß unter den vier Momenten, aus denen Darwin seine Theorie zusammengesetzt, nämlich: Kampf um das Daseiu Ab­änderung Vererbung der Abänderung und natürliche Auswahl die Ver­erbung eine Hauptrolle spielt. Aber es würde ein Jrrthum sein, zu glauben, daß die hervorragendsten der Thatsachen, auf welche Darwin seine Erblichkeitstheorie stützt, nicht schon lange vor ihm bekannt gewesen seien; vielmehr war dieses in ziemlich ausgedehntem Maße der Fall. Abgesehen von der sogleich noch näher zu erwähnenden Medicin oder Heilkunde, hatten sich namentlich in Frankreich ein­zelne Gelehrte lange vor Darwin mit Beobachtung und Zusammenstellung dieser Thatsachen beschäftigt und dicke Bücher damit angesüllt. Wir brauchen nur das be­kannte Buch von Girou de Buzaraingues: ./llruite de lu Aenerulion" (1828), und das noch bekanntere von Prosper Lucas:

li'kuts pb^ioIoZigue kt pbil080pbigue de l'kerecllte naturelle" (Paris 1837),

zu nennen, welchen beiden Werken, ins­besondere dem letzteren, alle Schriftsteller über Vererbung, namentlich Darwin selbst, zahlreiche Beispiele entnommen haben. Aber lange vor diesen Beiden hatte schon Georg Leroy, der ausgezeichnete Thier- Psychologe, dessen berühmte Briefe über die Intelligenz und Perfectibilität der Thiere 1764 erschienen, einen deutlichen Begriff von der Macht und Bedeutung der Vererbung der während des Lebens erlangten Fertigkeiten und hatte den wich­tigen und fruchtbaren Gedanken ausge­sprochen, daß Alles, was wir bei den Thieren bloß für blind mechanisch halten, vielleicht die Folge schon vor langer Zeit angenommener Gewohnheiten sei, die sich von Generation zu Generation fortge­pflanzt hätten. Auch Buffou und Cnvier wiesen bereits darauf hin, daß es in der Macht des Menschen liege, durch Beob­achtung der Vererbungsgesetze neue Thier- racen zu erzeugen.

In Deutschland wäre vor Allem der berühmte Physiologe Burdach zu nennen, welcher in dem ersten Bande seinerPhy­siologie als Erfahrungswissenschaft" (1826) nicht weniger als dreißig Seiten der Be­sprechung der Vererbungsgesetze widmete und seine Aufmerksamkeit namentlich der Vererbung zufälliger und angebildeter leiblicher wie geistiger Eigenschaften wid­mete. Er glaubt daraus mit Rush, Girou, Spurzheim uud Anderen folgern zu dürfen, daß sich die erworbene geistige Bildung der Menschen ebenso vererbe wie die leibliche.

Aber trotz alledem verstand man es doch nicht (vielleicht mit einziger Aus­nahme Leroy's), aus diesen Thatsachen den richtigen Schluß zu ziehen oder die richtige Anwendung davon zur Erklärung der allgemeinen Fortschrittsgesetze zu machen. Man behandelte dieselben mehr als physiologische Curiosa, obgleich hier und da, auch schon vor Darwin, eine Ahnung des richtigen Sachverhaltes aus einzelnen Aeußerungen hervorragender Schriftsteller durchblitzt. So hatten unter Anderem Nott und Gliddvn in ihrem be­rühmten WerkeUeber die Typen der Menschheit" bereits den fruchtbaren Ge­danken ausgesprochen, daß die gesammte culturhistorische Entwickelung der Völker nicht, wie man bisher annahm, auf der