Heft 
(1881) 297
Seite
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378 Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

Legionen errungene Sieg bestimmte den Kaiser, die christliche Religion zur Staats­religion zu erheben. Zugleich verlegte er die Residenz von Rom nach Byzanz, ein Schritt, der den Verfall des Reiches be­schleunigte und den Keim zur weltlichen Herrschaft des Papstthums legte. Mit der Theilung des Reiches in ein östliches und westliches begann die eigentliche Herr­schaft der Barbaren, welche wir von da ab wiederholt über die Alpenpässe ziehen sehen, bis endlich Pipin und Karl der Große durch ihre Siege über die Longo- barden das weströmische Reich erneuerten und die weltliche Herrschaft der Päpste fest begründeten. Bei ihren mehrmaligen Zügen nach und von Italien benutzten sie öfter die Straße über den Mont-Cenis. Im zehnten Jahrhundert stritten sich die in der Schweiz eingefallenen Ungarn mit den vom südlichen Frankreich eingebroche­nen Sarazenen um den Besitz der west­lichen Alpenländer, bis sie von den Bur­gundern vertrieben wurden. Später kamen jene Pässe in das Eigenthum der Her­zöge von Savoyen, welche das Ihrige zur Demüthigung des Kaisers Heinrich IV. beitrugen, als dieser mit seiner Frau und seinem Sohne die vielbeschriebene Fahrt über den Mont-Cenis nach Canossa machte. Unter König Franz I. wurde um die westlichen Alpenpässe manch blutiger Streit ausgefochten. Derselbe Weg über einen südlich vom Mont-Cenis gelegenen Paß, den im Jahre 77 vor Christi Geburt Pompejus auf seinem Zuge nach Spanien nahm, wurde von Franz I. eingeschlagen, als er in die Ebene von Pavia Hinab­stieg, um Alles zu verlieren bis auf die Ehre. Auch nach Franzens Tode sehen wir wiederholt französische Heere auf dem Marsche über Susa nach den Schlacht­feldern Oberitaliens. Napoleon I., der diese Straße schon 1797 begangen Hatte, ordnete noch als Consul die Erbauung der neuen Straße über den Mont-Cenis an, ließ das vom Sohne Karl's des Großen, Ludwig dem Frommen, vor tausend Jahren gegründete Hospiz neu Herstellen und eine Caserne aus der Höhe des Passes anlegen. Im Jahre 1812 wurde Papst Pius VII. von Gendarmen diesen Weg geleitet, den er im Jahre 1804 zur Kaiserkrönung nach Paris unter Ehren­bezeugungen aller Art gezogen war. Im

Jahre 1859 marschirte abermals eine französische Armee über den Mont-Cenis, um den Grund zur Einheit Italiens und zum Sturze der weltlichen Herrschaft des Papstthums zu legen.

Außer der Straße über den Mont-Cenis baute Napoleon I. noch eine über den Simplon. lieber den Sanct Gotthard führte noch immer ein mit Rollsteinen gepflasterter Saumweg, der jährlich von etwa 15000 Menschen,und 9000 Pferden und Maulthieren passirt wurde. Erst als Granbünden, Oesterreich und Sardinien das Beispiel Napoleou's nachahmten und über den Bernhardin, den Splügen, den Julier, den Maloja, das Stilfser Joch u. s. w. prächtige Kunststraßen erbauten, sahen sich die inneren Cantone der Schweiz genöthigt, durch Ausführung der Gott­hardstraße die gänzliche Ablenkung des Verkehrs von ihrem Gebiete zu ver­hindern. Man feierte diese Alpenstraßen mit ihren künstlichen Entwickelungen, küh­nen Sprengungen, geschlängelten Win­dungen, langen Felsengewölben, schwin­delnden Brücken als Triumphe des mensch­lichen Geistes und eherner Ausdauer. Doch erkannten schon damals einsichtige Männer, daß selbst diese verbesserten Transportwege den gesteigerten Bedürf­nissen des Handels und der Industrie bald nicht mehr genügen würden. Be­reits hatten diese die Anwendung der Dampfkrast zur Fortbewegung größerer Lasten zur Folge, und in demselben Jahre, in welchem die Gotthardstraße vollendet wurde, eröffnete der unsterbliche Erfinder der Locomotive, Georg Stephenson, die erste Eisenbahn von Liverpool nach Man­chester. Das Dampfroß bewährte sich und fand bald auch aus dem Festlande Eingang; am 7. December 1835 bewegte sich zum ersten Male ein von Loeomotiven gezogener Zug auf deutschem Boden, und zwar zwischen Nürnberg und Fürth.

Schon einige Jahre vorher hatte Giu­seppe Medail dem König von Sardinien ein Project zur Anlage einer die Alpen überschreitenden Eisenbahn zwischen Italien und Frankreich in Vorschlag gebracht. Auch anderwärts, in der Schweiz wie in Oester­reich, machten sich verschiedene Ingenieure mit dem Gedanken vertraut, daß das epochemachende neue Transportmittel über kurz oder lang zu einer directen Verbindung