Heft 
(1881) 297
Seite
384
Einzelbild herunterladen

384

Jllustrirte Deutsche Monatshefte.

Horror und nannte sich weder selbst jemals einen Amerikaner, noch erlaubte er, daß ihn ein Anderer so nenne. Der Süden allein war seine Heimath; dem Süden allein war er Treue schuldig. Hätte der Wind von Massachusetts-Bai geweht anstatt (ach, und wie berauschend süß!) vom mexikanischen Golf ich weiß nicht, mit welcher catonischen Strenge ich meine Grundsätze dem treulosen Südländer klar gelegt hätte. Aber wer mag bei 90 Grad Fahrenheit im Schatten für die leidige Politik unerbittliche Lanzen brechen! wer ist unter einem tropischen Himmel nicht geneigt, das Herz eines Freundes, der da friedlich an seiner Seite durch den ambrosischen Morgen reitet, zu gewinnen und einzulnllen, indem man willfährig auf seine krausesten Schrullen eingeht und den lieben Gott, der das Alles rings umher so herrlich gemacht, so zu sagen einen guten Mann sein läßt, wenn er auch sein Paradies mit etwas wunder­lichen Leuten bevölkert hat! Meine fried­fertige Gesinnung gewann das Herz meines Freundes ganz und gar und erfüllte ihn mit der höchsten Meinung von meiner Weisheit und superioren Intelligenz. In dem Eifer seines guten Willens schlug er mir sogar vor, mich in die südländische Gesellschaft einznführen; in der Nachbar­schaft habe ein alter creolischer Herr einen großen Orangenhain; den alten Herrn wollten wir, um einen Anfang zu machen, sofort aufsnchen. Natürlich konnte mir nichts gelegener sein. Hatte ich bis jetzt doch nur die Außenseiten jener düsteren alten Herrenwohnnngen gesehen, welche mit ihren öden Balconen und geschlossenen Lüden so ungastlich und znrückstoßend auf den Wanderer blicken, wie Einer, der seinen schwarzen Rock bis zum Kinn zu­geknöpft trägt!

Wir ritten fünfzehn oder zwanzig Minuten weiter und hielten vor einer ehrwürdigen klapprigen Pforte, die zwi­schen zwei imponirenden Steinpfosten hing. Ein halbes Dutzend Mulattenkinder, deren Umhüllung nur aus Andeutungen bestand, kam herbeigelaufen, um uns die Pforte zu öffnen; und so ritten wir denn feier­lich auf dem mit zerstampften Seemuscheln bestreuten, sich vielfach windenden Wege dem Hause zu, während rechts und links die reifen Goldorangen ans dem dunklen

Laube glühten und unter den breiten Blättern die Bananen in dicken Massen an den Stämmen klebten. Unser Wirth empfing uns auf derPiazza", die sich rings nms Haus zog, in einem breit- krämpigen Panamahut und einem unbe­schreiblich alterthümlichen Rock, welcher augenscheinlich nur bei großen Gelegen­heiten znm Vorschein kam. Ebenso augen­scheinlich hatte der schwärzliche, ungefähr fünfzigjährige, überaus höfliche Herr mit dem trotzdem etwas hochfahrenden Be­tragen auch nicht die leiseste Ahnung von der hinreißenden Wunderlichkeit seines Anzuges. Seine Beinkleider waren um die Kniee herum in einem desolaten Zu­stande; er hatte eben nur noch Zeit gehabt, den Rock zu wechseln, als ihm die Fremden angekündigt wurden. Bei aller Höflichkeit war sein Willkommen nichts weniger als herzlich, und ich hatte, trotz meines Freundes gegentheiligen Ver­sicherungen, durchaus den Eindruck, daß unsere Gegenwart ihn belästigte und die Grandseigneur-Miene nur eine Maske seiner unbehaglichen Stimmung war. Mein Frennd stellte mich selbstverständlich als einen Nordländer vor, der absolut keine Vornrtheile habe, außer einem, und das fei ein sehr günstiges: nämlich für Orangen. Nun hatten wir aber unseren ehrenwerthen Wirth in dem Moment über­fallen, als er ein paar Dutzend braunen und gelben Kindern, welche die abge­pflückten Orangen in Säcken herbeischlepp­ten und in Fässern sortirten, von der Piazza" herab seine Direktionen gab. Er erwiderte auf meines Freundes scherz­hafte Bemerkung, ohne die Spur eines Lächelns und sich der französischen Sprache bedienend: es werde ihm eine Ehre sein, wenn ich so viele Orangen essen wollte, als ich möchte und könnte, und er werde einem Diener Befehl geben, mir noch eine Anzahl auserlesener Früchte in mein Hotel zu tragen. Jetzt war die Reihe, verlegen zu fein, an mir. Stand ich doch da wie Einer, der nur gekommen war, die Bekanntschaft feiner Orangen zu machen! Ich beeilte mich, zu versichern, daß meine Leidenschaft für Orangen mehr eine ästhetische als materielle sei und daß ich immer den kindischen Ehrgeiz ge­nährt, dermaleinst mit eigener Hand die goldenen Früchte ans dem dunklen Laube