Heft 
(1879) 25
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Paul Lindau in Berlin.

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neben den soliden Geschäften sich da der Schwindel in erschrecklicher Weise entwickelte, und das Unkraut über das Getreide hinausschoß, mochte sich Niemand eingestehen; denn eine solche Wahrnehmung hätte die gute Laune verdorben. Der Reichthum schien, auch wenn er selbst nicht fleckenlos war, eine reinigende Gewalt zu besitzen, und Leute von mehr als zweifelhafter Vergangenheit dursten inmitten der besten Gesellschaft die Stirn erheben, gewannen Ansehen und Einfluß auf die entscheidenden Kreise, schlossen Verbindungen mit den ersten Familien des Landes, wenn sie nur die Millionen, die sie den leicht bethörten Actionären abgenommen hatten, richtig zu verwerthen verstanden. Jener Herr Mirss, dessen Geschäftspraxis durch einen berühmt gewordenen Proceß enthüllt werden sollte, war damals der Löwe des Tages, der bei den Ministern speiste und die Botschafter bei sich empfing. Er hatte seine Tochter mit einem Prinzen von Polignac vermählt, er hatte eines der einflußreichsten Pariser Organe käuflich erworben und war ans diese Weise ein Mann geworden, mit dem die Regierung rechnen mußte.

Augier wartete nicht bis zu dem Augenblick, da diese Götzen von ihrem Piedestal gestürzt werden würden, um sie anzugreifen. Noch in jenen Tagen, in denen die Namen der reichen Schwindler mit einem eigenthümlichen Respect ausgesprochen wurden, brachte der Dichter inDes LtkrontLb" das getreue Ebenbild eines solchen Geschäftsnamens, Herrn Vernouillet, aus die Buhne.

Vernouillet hat unter der Anklage des betrügerischen Bankerotts vor den Richtern gestanden, aber er ist ans Mangel an Beweisen sreigesprochen. Wenn auch diese unter sehr belastenden Motiven erfolgte Freisprechung der moralischen Vernichtung so nahe wie nur möglich kommt, gleichviel! Er hat seine Freiheit, er hat sein erschwindeltes Vermögen behalten; und er weiß, daß die Gesellschaft, die ihm jetzt verächtlich den Rucken dreht, sich schon zu einer milderen Beurtheilung seines Handelns wird bequemeil müssen, wenn er ihr nur erst die Krallen zeigen kann. Er kauft also, gerade wie Mirss, eine sehr verbreitete Zeitung, in der er für private Kränkungen öffentliche Rache nehmen und seine individuellen Gefühle verallgemeinern kann. Jetzt wird er gefürchtet! Und jetzt öffnen sich ihm die Thüren, die bis dahin sorgfältig vor ihm geschlossen geblieben waren. Jetzt wird seine Geschicklichkeit, seine Gewandtheit, sein Fleiß, sein Tact bewundert; jetzt ist er der Mann des Tages.

Vernouillet hat einen Mann gefunden, der ihn bei seinen ehrgeizigen Bestrebungen aus das Kräftigste unterstützt. Dieser Mann ist der Journalist Giboyer, ein höchst begabter und von Hause aus durchaus nicht schlechter Mensch, aber vollkommen gewissenlos, heruntergekommen, verlottert, moralisch und physisch gleichermaßen verlumpt. Giboyer ist Socialdemokrat; und da sich sein Staatsideal nicht verwirklicht, sucht er seinem Haß gegen die bestehende gesellschaftliche Ordnung dadurch Ausdruck zu geben, daß er bewußtvoll einem verworfenen Schwindler dient und, unbekümmert um seine eigene Ueberzeugung, mit eherner Stirn" (süronts) so schreibt, rvie dieser es wünscht, heute für,

Lonüs- ll.