Toni.
Novelle von
Alfred Meißner.
— Bregenz. —
ch, die jungen Leute, die jungen Leute!" rief der Rath Mangold, indem er mit dem Ausdrucke tiefsten Mißmuths den eben erhaltenen Brief wieder in's Couvert steckte. „Ich sage Ihnen: lieber sechs Töchter, als einen Sohn! lieber sechs Töchter!"
„Was? Ihr Sohn macht Ihnen Sorge?" fragte der Doctor. „Der Student? Der vortreffliche junge Mann, der neulich hier war und so rasch unser aller Herz gewann?"
„Er hat wirklich die besten Anlagen —" entgegnete der Vater, indem er aufstand. „Zuweilen wünsche ich mir allerdings, er wäre minder brav, ordentlich, gewissenhaft — dann —" er verschluckte das Weitere, steckte den Brief in die Brusttasche und machte sich davon.
„Was ist unserm Herrn Rath?" fragte der Major. „Er macht ein sonderbares Gesicht? —"
„Er hat mir theilweise sein Herz eröffnet", sagte der Professor. „Sein Sohn macht ihm Sorgen. Er hat da eine Bekanntschaft gemacht — ein Mädchen aus der Arbeiterklasse, dem er täglich begegnete, wenn es aus der Fabrik kam — und nun — kurz, er spricht vom Heirathen — es ist allerdings für einen Vater, um sich die Haare anszuraufen!"
„Narrenspossen!" rief der alte Major. „Nicht ein einziges graues Haar ließe ich mir darüber wachsen!"
„Sie haben gut reden", sagte der Baron. „Die Sache ist nicht so unwichtig, als Sie sich denken. Ich habe vor Jahren in meiner Familie Aehnliches dnrchgemacht. Ein Heranwachsender junger Mann bedarf eigentlich mehr der Aufsicht, als ein junges Mädchen. Die steht in der Familie da. So ein junger Mensch — allein in einer großen Stadt — doch ich sage,
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