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Alfred Meißner in Bregenz.
es sollte gar keine Universitäten in großen Städten geben, die Verführung dort ist gar zu groß. Die Engländer haben Recht. In ihren Colleges, gehörig überwacht, da können tüchtige junge Leute heranwachsen".
„Und doch können wirkliche Universitäten nur in großen Städten sein!" rief der Professor. „Aus hundert Gründen, die ich Ihnen an den Fingern herzählen wollte. Aber die Sache liegt anderswo. Mit dem jungen Mangold muß nicht alles in Ordnung sein. Ein junger Mensch, der ernstliche Liebe zu den Wissenschaften hat, ist gegen alle Verführungen geschützt! Die Arbeit, die Wissenschaft, das Studium — Sehr wahr sagt ein griechischer Dichter, daß vor dem Vogel der Minerva die Tauben der Venus die Flucht ergreifen ..."
„Das ist zum Lachen!" rief der Major. „Sie können um einen jungen Mann eine ganze Mauer von Büchern bauen, das wird ihn nicht abhalten, den Mädchen nachzugehen. Da weiß ich was Besseres: militärische Erziehung. -— Im Sommer um Fünf, im Winter um Sechs aus dem Bett heraus — ein paar Stunden täglich Exerciren — Feldübungen, als junger Officier Abrichtung der Soldaten — dabei wird man müde wie ein Jagdhund und denkt an nichts, als recht bald zu Tisch und Abends wieder recht bald ins Bett zu kommen. Da vergehen dem jungen Manne die Allotria..."
„Es ist lange her, Major, daß Sie jung waren", entgegnete der Baron. „Es täuscht Sie Ihr Gedächtniß. Ich erinnere mich, daß Sie mir voriges Jahr ein paar Geschichten aus Ihren jungen Jahren erzählt haben".
„Ich denke", mischte sich jetzt der Doctor hinein, „es ist nicht das Studium und nicht die körperliche Ermüdung, die junge Leute schützt. Der eigentliche Schutz vor Verirrungen ist eine edle Liebe. Das junge Herz muß durchaus seinen Roman haben, das ist nun einmal so. Ich sage mit Rousseau: wenn ein junger Mensch kein Wüstling werden soll, muß er lieben".
„Einverstanden", meinte ich, „aber es fragt sich nur: welche Wahl soll man ihm wünschen? Wir reden doch von einem jungen Manne zwischen Achtzehn und Zweiundzwanzig oder darüber. Er ist reif, aber noch lange nicht reif zum Heirathen. Zur Geschlechtsgemeinschaft und zur Familie darf es nicht kommen. Wer soll seine Geliebte sein?"
„Ei was — wenn es nicht ohne Geliebte geht — ein Philincheu".
„Oder noch besser, eine kluge Weltdame!" meinte der alte Major. „Die führt ihn sacht an den Klippen vorbei".
„Sie setzen mich in Erstaunen!" sagte der Doctor. „Die Jugend bedarf des Idealismus. Erste Liebe, erste Jugend sollten rein und klar sein. Mit Zweideutigkeit und Lüge ein Leben beginnen? Das wäre schnöde. Gönnen wir dem jungen Menschen die Liebe eines braven Mädchens und lassen wir es darauf ankommen, was daraus wird".
„Ta sind Sie eine egoistische Natur", sagte ich. „Die erste Liebe eines jungen Mannes ist dem Untergange geweiht. Edler Stoff ist zu gut