Heft 
(1880) 37
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Toni.

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für Experimente. Sucht man für den Anfänger im Zeichnen das schönste Blatt Velin aus? Sie meinen es dabei auch Ihrem Sohn nicht gut, und haben doch nur das Wohl desselben im Auge. Wo der Idealismus sich hin­einmischt, wird die Sache immer ernst. Denken Sie doch auch an das Mädchen, das Sie ihm als Geliebte bestimmen. Wird es nicht geopfert sein?"

Sie möchten Recht haben, erwiderte der Doctor.Diese Fragen sind so schwierig man weiß wirklich nicht, auf welche Seite man sich schlagen soll ..."

So ging das Gespräch noch eine Weile hin und her und nahm eine Wendung an, deren Mitheilung nicht für alle Leser paßt. Der Gegenstand wurde abgebrochen, ohne daß die Frage zu einer Lösung gekommen wäre.

Den zweiten Sommer schon hatten wir uns, großenteils dieselbe Gesellschaft auf ein paar Wochen an einem kleinen, wenig bekannten, aber wunderschönen See des österreichischen Alpenlandes zusammengesunden. Wir bewohnten zusammen dasselbe geräumige Gasthaus, wo wir einfache, aber gesunde Verpflegung gefunden hatten. Die Energischeren unter uns zogen morgens aus, heute in dieses, morgen in jenes entfernte Thal, bestiegen heute diesen, morgen jenenKogel". Abends brachten sie den Damen große Sträuße von Alpenblumen mit, die während des Abendessens von Gelehrten, die wir unter uns hatten, botanisch bestimmt wurden, wo­gegen diese, welche untertags mit der Zeichenmappe ausgezogen waren, Ab­risse der oder jener Mühle, der oder jener Schlucht vorlegten. Noch andere unter uns beschränkten sich auf kleine Ausflüge und pflegten in den Schatten irgend ein Buch mitzunehmen. So verging ein Tag um den andern. Nur in den allzuheißen Nachmittagsstunden blieb die Herren-Gesellschaft regel­mäßig bei Kaffee und Cigarre beisammen. An Stoff zur Unterhaltung fehlte es nicht. Von Politik zu reden, wurde vermieden, aber die Debatte über allerlei Lebensresultate ruhte nie: wir litten allesammt nicht an allzugroßer Jugendlichkeit.

Nur Einer aus unserer Gesellschaft hatte sich diesmal am Gespräche nicht betheiligt. Er war der Jüngste unter uns, ein Mann in den Dreißigen, den ich hier, wo ich seinen wirklichen Namen nicht nennen darf, als Armin Hammer einführen will. Er war ein Mann, zu dem man sich unwillkürlich hingezogen fühlte, für den man sich interessiren mußte. Sein schöner, dunkler Kopf, sein freundliches Wort, sein gefälliges Wesen hatte ihn in unserem Kreise rasch beliebt gemacht. Er war Jurist, hatte mehrere Jahre eine Docentenstelle an der Universität inne gehabt, hatte aber jetzt Urlaub genommen. Er schien nicht der besten Gesundheit zu genießen und gehörte zu Jenen, die nie einenKogel" bestiegen. Dafür saß er um so länger, eine Schreib­tafel in der Hand, auf irgend einer einsamen Bank am Saume des Waldes.

Ich war ihm näher gerückt, hatte sein Vertrauen gewonnen. Er zeigte mir ein paar größere Gedichte, in welchen sich ein edles Gemüth, ein reicher Geist aussprachen. Sie überraschten mich wirklich. Eines derselben,