Alfred Meißner in Bregenz.
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„Requiem" benannt, hatte solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich immer wieder Verse daraus citirte. Da erfuhr ich nun, daß er auch eine Anzahl Dramen daheim in seiner Schublade habe. Aber, fügte er rasch hinzu, das sei ein Privatluxus, den er sich gestatte, er gedenke nicht, mit denselben hervorzutreten.
Ich äußerte meine Verwunderung. Man wolle die Musik, die man niedergeschrieben, doch auch zu hören bekommen und ihre Wirkung sehen.
„Ich begnüge mich damit, sie mir selbst vorzuspielen", war die Antwort. „Ich hatte wohl einst andere Absichten, aber ich habe sie aufgegeben. Denken Sie sich doch Jemanden, der sehnlichst wünschte, einem geräuschvollen Schauspiele beizuwohnen. Er macht sich auf den Weg, aber auf dem Flecke angelangt, wird er ein Gedränge gewahr, das ihn erschreckt. Es ist ein toller Andrang, wo Einer den Andern stößt und vorwärts schiebt; nur der kommt vorwärts, der tüchtig die Ellenbogen gebraucht. Der eine flucht, der andere seufzt, einem Dritten werden Injurien an den Kopf geworfen. Mein Jemand kehrt um und denkt bei sich: ich wäre auch gern dabei, aber Stoßen und Gestoßenwerden ist nicht meine Sache, es ist auch nicht meine Sache, in die hintersten Bänke zu kommen. Unter solchen Bedingungen verzichte ich lieber, bringe den Abend daheim zu und führe mir selbst mein Schauspiel auf. So ist meine Lage. Ich sehe, daß auf die Vorderplätze nur der gelangt, der sich tüchtiger Ellbogen erfreut — ich bleibe daheim ..."
Ich konnte ihm Alles in Allem nicht so Unrecht geben. Es giebt Naturen, die sich im Kampfe aufreiben; er mochte fühlen, daß er zu diesen gehöre.
Mein junger Freund hatte einen sehr alten Mann bei sich, den man zuerst nach seiner einfachen Kleidung, seinem mehr als bescheidenen Auftreten und den tiefen Bücklingen, die er machte, für seinen Diener hielt. Er war es aber nicht, Armin behandelte ihn mit großer Rücksicht. Wir hörten ihn später den Mann als „seinen alten Freund" bezeichnen. Er war auch kein Verwandter. Man merkte, daß irgend eine Beziehung zwischen dem geistig hochbegabten jungen Gelehrten und der traurigen, halbzerstörten Menschenruine bestehe, aber welcher Gattung sie sei, blieb unaufgeklärt.
Ich hatte mich, als unsere Debatte abgebrochen wurde, meinem Freunde genähert; es war die Stunde da, um die wir unseren gemeinsamen Spaziergang zu machen Pflegten. Eine halbe Stunde später saßen wir auf unserem Lieblingsplätzchen, dem Altan eines kleinen Landwirthshauses. Ein Teller mit Obst und eine große Flasche rothen Tyrolers stand vor uns. Die Sonne näherte sich dem mächtigen Gebirgsjoche und färbte die tannenbewachsenen Felsterrassen mit rothbraunem Schimmer. Manche der ausgangslosen Thaleinschnitte lagen schon im Schatten. Wir waren ganz allein, aus dem weiten Thalkessel vor uns drang kein Ton heraus.
Ich war wieder auf den jungen Mangold zu sprechen gekommen; Hammer, der stumm dagesessen, den Blick vor sich heftend, fuhr empor.