Heft 
(1880) 37
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§2

Alfred Meißner in Bregenz.

nicht zu mir heraufgeschickt hat. Ich hätte eine Frage an sie stellen können. Seitdem ich hier bin, will ich mich nach einem gewissen Maurer Erhardt in Kranberg erkundigen ich hätte es jetzt gethan".

Was hast Du mit ihm?"

Dein Onkel, mein lieber Mann", war die Antwort,hatte für einen Maurer, Namens Erhardt, ich weiß nicht mehr aus welchem Grunde, ein gewisses Interesse gefaßt, und ihm eine ziemliche Summe, wofern mir recht ist, achthundert Gulden geliehen. Sie waren auf dessen Häuschen hypothecirt. Es ist dies vierzehn bis fünfzehn Jahre her. Eine Reihe von Jahren hin­durch sind die Zinsen zu den Terminen richtig eingegangen, dann sind sie ausgeblieben, und ich höre gar nichts mehr von der Sache. Ist der Mann noch am Leben oder nicht? Ist er noch Besitzer des Häuschens oder ist es in andere Hände übergegangen? Warum zahlt er nicht?"

Wenn ich Dir damit einen Dienst erweise, daß ich mich an Ort und Stelle erkundige, will ich gleich morgen nach Kranberg gehen", war meine Antwort.

Die Tante war mit diesem Anerbieten höchlich zufrieden.

Indem ich an diesen Gang dachte, trat die Kleine mit dem Reh wieder vor meine Erinnerung, sie erschien mir unendlich romantisch und grazienhaft. Ihr Stolz, von dem ich heute wieder eine Probe erhalten, stand ihr doch gut . . . Aber das alles flog mir nur so durch den Kopf, im Vordergrund meiner Gedanken stand die Gräfin. Ich sah sie im Geiste über meinerArethusa" sitzen und alle Intentionen meines dramatischen Gedichts in ihrer hohen Seele erfassen. Gewiß würde sie mir Winke geben, wie alles noch emporzuheben sei.

Senden Sie mir morgen frühestens Ihre Dichtung", waren beim Nachhausegehen ihre letzten Worte gewesen.Und abends zwischen Sechs und Sieben kommen Sie. Ich sorge dafür, daß wir ungestört lesen".

Zwischen Sechs und Sieben war es, auf die Minute, als ich schüchtern an die Thüre pochte.

Die schöne Frau saß in einem Schaukelstuhl am Fenster, dessen Jalousien leicht zugelehnt waren. Ihr zu Füßen lag der schwarze Neu- foundländer. Im Hintergründe deutete ein Theeservice an, daß ich bis zu ziemlich später Stunde werde bleiben dürfen.

Die Abendsonne blickte herein und spielte ans den goldenen Wellen des wunderbaren Haares.

Schön, daß Sie so pünktlich sind", sagte die Gräfin mit dem freund­lichsten Tone ihrer tiefen sonoren Stimme, indem sie ein Heft bei Seite legte, in welchem ich mit Stolz mein Manuscript erkannte.Kommen Sie, nehmen Sie Platz. Sie finden mich noch unter dem vollen Eindrücke Ihrer Dichtung".

Ist es möglich Arethusa hätte Ihnen gefallen?" rief ich mit gepreßter Stimme.