Heft 
(1880) 37
Seite
27
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Balzac.

von

Lmile Lola.

Paris. -

Sch habe soeben BalzacsBriefwechsel" wieder durchgelesen. A Während ich das Buch zuschlage, verfalle ich in tiefes Nachdenken. « Was schlägt doch bisweilen das Schicksal für wunderliche Wege U ein, um einen großen Mann hervorzubringen! Balzac ist nun todt, und wir haben nur noch sein Denkmal vor Augen. Es erregt durch seine Höhe unser Erstaunen, und wir stehen mit Ehrfurcht erfüllt einer so gewaltigen Arbeit gegenüber. Wie hat es nur ein einziger Arbeiter fertig bringen können, eine solche Welt herauszumeißeln? Und wenn wir nun die Geschichte dieses Arbeiters durchforschen, wenn wir seine Briefe lesen, so machen wir die Entdeckung, daß er ganz einfach gearbeitet hat, um seine Schulden zu bezahlen. Ja, dieser unermüdliche Riese war nichts als ein von seinen Gläubigern gehetzter Schuldner, der einen Roman fertig machte, um einen Wechsel einznlösen, der Seite um Seite füllte, um dem Exeentor zu entgehen, und das Wunder seiner herrlichen Production lediglich im Hinblick aus die am Ende des Monats fälligen Zahlungen vollbrachte. Fast scheint es, als ob sein Gehirn unter den unabweislicheu Drangsalen und der schrecklichen Geldnoth sich erweitert und in Meisterwerken sich entladen habe.

Wer weist, wie es um die Werke Balzacs bestellt wäre, wenn dieser

unter soliden Vermögensverhältnissen in einem ruhigen und geregelten Leben seine Tage vollbracht Hütte! Man kann ihn sich unter so glücklichen Ver­hältnissen gar nicht vorstellen. Sicherlich würde er weniger geschaffen haben. Er hätte sich, wenn er weniger abgehetzt gewesen wäre, vielleicht bestrebt, das Vollkommene in seiner Kunst zu erreichen, er hätte seinen Stil gepflegt und nur in guter Stimmung geschrieben. Wir hätten daraus den Vortheik gezogen, reifere und ausgeglichenere Werke von ihm empfangen zu haben, aber ohne Zweifel wären diese Werke weniger vom inneren Feuer dnrchglüht gewesen. Wenn man einmal dies Gebiet der Hypothesen beschreitet, so kann

man sogar bis zu der Voraussetzung gehen, daß Balzac ein Gründer geworden

wäre, und wir würden einen großen Schriftsteller weniger besitzen. In ihn: steckte ein allzu eifriger Geschäftsmann, und er würde sich sicherlich in geschäftliche Unternehmungen, in Reisen, Politik und Industrie gestürzt haben. Im klebrigen beschränke ich mich darauf, diese Eventualitäten lediglich als mögliche zu bezeichnen.

Geschlechts aus 'der Feder des merkwürdigsten unserer Tage mit wahrem Interesse lesen, wenn sic sich auch schwerlich mit einigen echt französischen Auffassungen und Behauptungen, wie z. B. der Bezeichnung Victor Hugos als desersten Lyrikers der Welt" und der Gleichstellung Balzacs und Shakespeares, werden einverstanden erklären können. Jrn Wesentlichen aber wird man den geistreichen und bedeutenden Auslassungen des französischen Dichters und Kritikers znstimmen; und jedenfalls hat die Redaetion von Nord und Süd" hier nur die angenehme Pflicht zu erfüllen, Herrn Emile Zola für die Artigkeit, mit welcher er unserer Einladung gefolgt ist, ihren Dank auszusprcchen.

D. R.