Heft 
(1880) 37
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Balzac.

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gebieterisch hervor, die Helden der Dichtung erbleichten und verschwanden vor den Geschöpfen der Wirklichkeit. Die Analyse verdrängte überall die Phantasie. Balzac war der Erste, der dazu berufen war, diese neuen Werk­zeuge anzuwenden. Er schuf den naturalistischen Roman, die getreue Studie der Gesellschaft; und mir einem Schlage in genialer Verwegenheit wagte er es, in seinem großartigen Frescogemälde eine ganze Gesellschaft lebendig dar­zustellen, die ein getreues Abbild jener Gesellschaft war, welche ihm zum Modell gedient hatte. Dies war die glänzendste Bestätigung des modernen Umschwunges, er tödtete die Verlogenheit der bisherigen Dichtungsarten und begann die Zukunft. Was hier aber am meisten in Erstaunen versetzt, ist, daß er diese Revolution inmitten der romantischen Bewegung vollbracht hat. Damals richtete sich die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die strahlende Gruppe, an deren Spitze Victor Hugo stand. Die Werke Balzacs hatten nur einen sehr dürftigen Erfolg. Niemand schien zu ahnen, daß der wahre Bahnbrecher eben jener Romanschriftsteller war, der noch so wenig Glanz um sich verbreitete und dessen Werke so verworren und langweilig erschienen. Sicherlich, Victor Hugo bleibt ein Mann von Genie und der erste lyrische Dichter der Welt: aber die Schule Victor Hugos siecht dahin, und der Dichter hat auf die jungen Schriftsteller nur noch eine rhetorische Einwirkung, während Balzac mit jedem Tage wächst und schon zu dieser Stunde eine literarische Bewegung bestimmt, die sicherlich diejenige des zwanzigsten Jahrhunderts sein wird. Aus dem Wege, den er vorgezeichnet hat, schreitet man vorwärts, und ein jeder, der ihm folgt, wird in die Analyse noch tiefer eindringen und die Methode erweitern. Ersteht an der Spitze des literarischen Frankreichs von morgen.

Herr Henri Taine hat in einer Studie, die er früher einmal über Balzac geschrieben, bis auf Shakespeare zurückgreifen müssen, um seinesgleichen zu finden; und diese Vergleichung ist richtig. In der That hat nur Shakespeare eine so breite und so lebendige Menschlichkeit gezeugt. Die Beiden sind gleichmächtige Schöpfer von Seelen, die nur in zwei verschiedenen Gesellschaften geboren sind, und der Eine wie der Andere hat uns seine Werke hinterlassen wie ungeheuere Aufspeicherungen der menschlichen Documente. Vergleicht man Victor Hugo mit Shakespeare, so überkommt einen das Lächeln. Denn dieser hat eben nur Gestalten aus Bronze oder Alabaster geschaffen, in denen kein Blut rinnt, während Balzacs wahrer Ruhm gerade der ist, daß seine Schöpfung so tief menschlich wahr ist. Andre unserer Schriftsteller haben correcter und glänzender schreiben mögen und sind mit ausgeglichenerem Genius an ihre Werke herangetreten, aber niemand ist tiefer in das Menschliche eingedrungen und hat über den Menschen mehr gesagt als er. Man denke sich einen Chemiker, der sich jeden Morgen in sein Laboratorium einschließt und nicht müde wird, zu experimentiren. Dieser Chemiker entdeckt zu jeder Stunde neue Wahrheiten, die er im Fieber der Arbeit verzeichnet. Es ist schon möglich, daß da die Ordnung fehlt, aber jedenfalls schafft er Materialien von unschätzbarem Werthe. Jenem Gelehrten, der zuerst die Arbeit aus dem Gröbsten herausgearbeitet haben wird, wird die unsterbliche Ehre zuerkannt werden müssen, eine Wissenschaft begründet zu haben. Nun, Balzac ist jener Chemiker des Menschenherzens und des Menschengeistes. Er hat eine Literatur begründet. (Nebcrsetzung von P. s.)

Nord und Süd. XIII, 37. 3