Emile Zola.
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Unzulänglichkeit, nicht mit ein paar Scheltworten abspeisen, sondern verlangt eine gründlichere Untersuchung — wie sehr auch die Kritik geneigt sein mag, einer Literatur, die nach allem eher als nach Moschus düstet, mit verhaltenem Athem die Thüre zn weisen.
Es ist erklärlich, daß die Schilderung von Personen, die es als ihre Lebensaufgabe betrachten, sich im tiefsten Pfuhle niedriger Begierden zu wälzen, kein günstiges Vorurtheil für die Moralität des Verfassers erweckte: man sagte sich, ein Erzähler solcher Dinge könne seine Studien nicht wohl am Kaminfeuer tugendsamen Familienglücks machen. Aber hierin täuschte man sich. Denn obwohl Zola bei seinen harten Lebensanfängen ohne Zweifel mit den tieferen Schichten der Gesellschaft in Berührung kam, und deren Thun und Treiben nicht blos als Studiensammler kennen lernte, so würde schon die ehrenwerthe Strebsamkeit, mit welcher er sich durch Fleiß und Ausdauer zu einem „selbstgemachten" Mann von einer gewissen literarischen Bedeutung emporrang, für seine moralische Tüchtigkeit zeugen, auch wenn er nicht in einem bürgerlich wohlgeordneten Familienleben gerade das Gegen- theil von dem prakticirte, was er in seinen Romanen theoretisch in Scene setzt. Das Laster sitzt ihm nur Modell; und bei seinen Vivisectionen scheinen ihn die Lockungen so wenig wie die Wehklagen seiner Opfer aus dem Concept zu bringen.
Emile Zola ist 1840 in Paris geboren, verlebte jedoch seine Jugend, vom dritten bis zum achtzehnten Jahr, in der Provence. Sein Vater, ein italienischer Ingenieur aus Treviso bei Venedig, war nach Frankreich eingewandert, starb aber schon im Jahre 1847, nachdem er in Aix einen Canal erbaut hatte, der seinen Namen trägt. Der allzufrühe Tod des Bauleiters inmitten einer schwebenden Geschäftslage veranlagte einen Proceß, dessen Verlust die Wittwe in beschränkten Verhältnissen zurückließ. Im Jahre 1858 siedelte sie mit ihrem Sohne nach Paris über, woselbst dieser seine in der Lateinschule zu Aix begonnenen Studien in Lycäe Saint-Louis vollendete und sein Baccalaureat machte. Aber die Hilfsmittel der Mutter waren jetzt erschöpft, und die Familie lebte mehrere Jahre in den dürftigsten Umstünden, bis der junge Zola 1862 in der Buchhandlung Hachette eine bescheidene Stelle fand. Es gelang ihm jedoch bald, seine Lage zu verbessern, indem er sich zum Secretair der Firma emporschwang. Längst mit literarischen Arbeiten beschäftigt, und nun mit den Berichten für die verschiedenen Zeitungen betraut, fand er Gelegenheit den namhaftesten Schriftstellern näher zu treten und im Kreise der Journalistik Fuß zn fassen. Nachdem er 1864 eine Sammlung von Erzählungen — „0ont68 L iNnon" — und 1865 einen Roman — „lla eonl688lon cks Olanäs" — veröffentlicht hatte, trat er 1866 aus seiner Stellung bei Hachette, um beim „Figaro" als literarischer Berichterstatter einzutretcn. Daneben wurde er Mitarbeiter verschiedener Zeitungen: so des „Courrier de Lyon", für welchen er kritische Plaudereien unter dem bezeichnenden Titel, „3168 llainss", sowie „Us Vosu ä'uns inorts" und
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