Z. Herrn. Baas in Worms.
§28
Beider Genannten Lehren sind nichts weniger als physiologische Entdeckungen; denn jede einfache Darlegung des heute sogenannten kleinen Kreislaufs darf ebenso wenig als physiologisch erkannter Theil der wirklichen Harvey'schen Kreislaufslehre betrachtet werden, wie es als eine astronomische Erkenntniß des Erdkreislaufs zu bezeichnen wäre, wenn Jemand nur die halbe Erdbahn gelehrt hätte.
Der Dritte, welcher Harvey die Entdeckung des Kreislaufs ganz streitig machen soll — er starb im Jahr vor der Rückkehr desselben aus Italien —, fügte der Servet-Colombo'schen Lehre den sogenannten großen Kreislauf, wenn auch nicht mit unbeanstandbarer Klarheit hinzu. Er behält aber die fundamentale, für immer zu Gunsten Harveys entscheidende Lücke bei, daß er das Herz weder als Blutweg, noch als blutbewegende Kraft richtig darstellt und ersaßt. Läßt er doch — und damit fällt allein schon sein Anspruch auf Entdeckung des Kreislaufs bei jedem nüchtern Denkenden und Geschichts- kundigen! — selbst die Poren der Herzscheidewand als Blutweg fortbestehen!
Außer diesen dreien, welche Harveys Ruhm und Verdienst zu beeinträchtigen berufen waren, giebt es noch eine ganze Reihe anderer Namen, die man zu diesem Zwecke citirt hat. Alle aber sind dazu bei nicht voreingenommener Auffassung keinensalls im Stande, sondern beweisen nichts, als daß viele die Frage nach dem Kreisläufe, von welcher Bezeichnung auch Harvey zuerst mit klaren und bewußten Worten Gebrauch macht, berührten, aber nicht erledigen konnten. Alle haben um den Kreislauf eben nur herumgetastet, wie im Dunkeln!
Daß derselbe keines seiner nachträglich gefundenen und erfundenen Con- currenten außer Colombos erwähnt, hat ihm viele Vorwürfe und sogar selbst den Verdacht des geistigen Diebstahls zugezogen. Welcher große Geist Hütte aber nicht zu seinen Lebzeiten und oft noch lange darnach unberechtigte Angriffe erfahren? Das ist ja so gewöhnlich, daß mau es geradezu als ein geschichtliches Attribut eines großen Geistes erklären kann! Harvey hatte zudem die Schwäche oder Unart fast aller bahnbrechenden Köpfe an sich, daß er nicht „gelehrt" war, ja noch mehr, daß er, wie es scheint, sogar mit geplanter Absicht, dies nicht sein wollte. Sagt er doch ausdrücklich, er habe sich und Andre durch eigne Beobachtung und nicht aus Büchern belehren wollen!
Im Gegensätze zu der neuplatonischen des 16. Jahrhunderts äußerte die Philosophie des 17. Jahrhunderts, dem Harvey zu nahe drei Viertheilen seiner Lebenszeit angehörte, weniger Einfluß auf den theoretischen Inhalt der Medicin, als vielmehr auf deren Methode, und mehr wieder unter den Hanptlehren derselben die des Cartesius, als die Bacons, welche doch der durchaus realistischen Richtung des Jahrhunderts mehr entsprochen hätte. Auf Harvey übte der letztere keinen nachweislichen Einfluß, trotzdem oder vielleicht weil er dessen Zeitgenosse war. Und auch Bacon erkannte Harvey, der seine Entdeckungen jedenfalls, ehe er nur Kenntniß von jenes