William Karvey.
§29
Philosophie hatte, nach Art der Anatomophysiologen des 16. Jahrhunderts und nach deren Methode alsbald nach seiner Rückkehr aus Italien schon in Angriff genommen hatte, nicht recht an, ja eher war das Gegentheil der Fall. Was Beide in ihrer Denk- und Forschungsrichtung Gemeinsames haben, wurzelte in dem Geiste der Zeit und muß geschichtlich als die natnrnoth- wendige Reaction gegen den Idealismus des 16. Jahrhunderts betrachtet werden. — In äußerster Opposition zu diesem stand zuletzt der Materialismus und Empirismus von Hobbes, des zehn Jahre jüngeren Freundes Harveys, und des Arztes Locke.
In der Philologie begann im 17. Jahrhundert an die Stelle des schöpferischen Klassicismus, der Betonung des idealen Inhaltes der Alten, die formalistische Auffassung dieser, der philologische Zopf, zu treten.
Die Künste machten einen noch entschiedeneren realistischen Umschwung, als die Philosophie. Darunter die Baukunst, die Musik, in welcher der religiösen des 16. Jahrhunderts die Oper folgte. In der Malerei räumte die religiöse Historie dem irdischen Genre den Platz, das Heiligen-, Madonnen- und Christusbild der Darstellung des Lebens und der Natur, der Landschaft, in welch' neuer Richtung Niederländer und Franzosen dieselbe Rolle ein- nahmen, wie in der des 16. Jahrhunderts die Italiener und Deutschen. „Dem seelenlos gewordenen Idealismus", sagt Dohme, „trat ein entschiedener Realismus entgegen. Die Realisten erkannten consequent nur die Wirklichkeit an. Sie setzten das Genre in seine Rechte. Es geht dies parallel mit dem damaligen Aufschwung der physikalisch wissenschaftlichen Bestrebungen", was auch heute zu beobachten ist, wie denn die Richtung unseres Jahrhunderts eine Fortsetzung und Steigerung der des siebzehnten ist.
Selbst auf dem Gebiete der Religion, worin im 17. Jahrhundert bekanntlich an die Stelle der schwungkräftigen Religiosität der Reformationszeit der Jesuitismus und der steif- und wortglänbige Consistorialglauben gesetzt ward, die dann den Unglauben weckten, trat diese Reaction ein. Und für letzteren wurden auch damals die Medicin und die Naturwissenschaften verantwortlich gemacht, wenn auch weniger laut und allgemein, als heute.
Die Naturwissenschaften erfuhren im 17. Jahrhundert ihre Umwandlung in wahrhafte Wissenschaften. So ward unter den Händen der Boyle und Stahl aus der Alchymie die Chemie. Physik und im Besonderen die Optik —- wir erinnern nur an die Erfindung des Mikroskops, des Fernrohres — machten gewaltige Fortschritte, so daß mit ihrer Hilfe und der der Mathematik durch die Galilei, Kepler, Newton die Astronomie zur erhabensten aller Naturwissenschaften herangebildet werden konnte. In Mineralogie und Botanik wurden zahlreiche neue Funde gemacht und die Anfänge systematischer Eintheilung begründet.
Auf die altehrwürdige und doch so modesüchtige Medicin aber gewannen die Naturwissenschaften auch damals großen Einfluß. Baute man doch auf einzelne Errungenschaften, ja auf bloße Methoden derselben Theorien und Schulen, ganz nach der Reihenfolge, wie jene sich entwickelten!
9 *