Zunächst ward die dynamisch-chemische Theorie des Theophrast von Hohenheim zerspalten, und in den Niederlanden, die damals gleich England ihre wissenschaftliche Blüthezeit hatten, von Helmont in erster Linie die dynamisch-supernaturalistische Seite jener unter Zuziehung der Chemie, von de le Bos-Sylvius dagegen vorzugsweise die chemische Halste derselben unter Zugrundelegung der neugewonnenen Begriffe von Gährung, alkalischen und sauren Schärfen u. s. w. zu neuen Systemen aus-, oder wenn mau will, weitergebildet. Dabei ward die Theorie des erstereu sichtlich mit der mystisch-pietistischen Theologie der damaligen Zeit, die des letzteren, des jüngeren der beiden, aber mit der damals auf neue Weise verwendeten alten Lehre von den Lebensgeistern, die man aber jetzt in den hohlgedachten Nerven kreisen ließ, verquickt. Sylvius, der Stifter der chemiatrischen Schule, stand schon auf positiver Grundlage, mehr aber war dies noch bei Borelli, dem Stifter der iatromathematischen Secte, ausgeprägt. Hatte jener die Chemie, von der Harvey nicht viel hielt, und zwar die damals sich entwickelnde anorganische, als Leitsach erwählt, so der Letztere, zu dessen Schule mit Unrecht selbst Harvey gerechnet wird, die damals so mächtig aufblühende Mathematik und Physik. Reiner Realist, der sich als solcher frei von jeder Theorie zu halten suchte, war der große' Praktiker Sydenham; aber er wollte nach dem Muster der damals in der Botanik hervortretendeu Species- bilduug die Krankheiten nach Art solcher Species, wie die uaturhistorische Schule unseres Jahrhunderts dies nach Art der natürlichen Familien versuchte, beschrieben und eingetheilt wissen. Deshalb betonte er, darin auf seinem Gebiete Harvey gleich, vor Allem genaueste Naturbeobachtung.
Verließ Sydenham nur die galenische Theorie und theoretische Therapie, gegen die auch das 17. Jahrhundert noch vollauf zu kämpfen hatte, und kehrte er einfach zu Hippokrates' Beobachtungs- und Behandlungsgrundsätzen zurück, so versetzte jener zu gleicher Zeit den Todesstoß ein Deutscher: Conrad Victor Schneider, durch den siegreich geführten Beweis, daß die ganze antike Lehre von den Katarrhen falsch und daß der Schleim einfaches Product der Nasenschleimhaut ist. Man sagt uns Deutschen nach, daß wir fremdes Verdienst bereitwilliger anerkennen, als das der eigenen Forscher. War und ist dies auch oft blos falsche Meinung, so ist dieser Vorwurf doch gerecht, wenn man die Anerkennung, welche Harvey für seine physiologische Widerlegung erlangte, mit der vergleicht, welche Schneider unter uns für seine pathologisch-aetiologische erfuhr: Schneiders reformatorische Thal in Bezug aus die Pathologie, das mag hier ausdrücklich betont werden, steht, geschichtlich aufgefaßt, der Harveys hinsichtlich der Physiologie ebenbürtig zur Seite.
Fast hätten wir vergessen einer letzten medicinischen Theorie des 17. Jahrhunderts — man muß die Lehre so nennen — zu erwähnen, nämlich der LatlloloAiL animatu von damals. Sie bestand darin, daß man die zu jener Zeit mit Hilfe des neu erfundenen Mikroskops entdeckten