Heft 
(1880) 37
Seite
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Infusorien mit sehr großem, wie sich nachträglich erwies, übertriebenem Enthusiasmus als verbreitetste Krankheitsursache proclamirte, etwa wie in unsrer Zeit die Pilze.

Die Erwähnung dieser Theorie leitet aus die Betrachtung der wissen­schaftlichen Hilfsmittel hin, welche im Jahrhundert Harveys derexacten" Forschung, welche schon damals, nicht aber, wie vielfach geglaubt wird, erst in unserer Zeit, in's Leben gerufen ward, zu Gebote standen. Es waren großentheils die gleichen wie heute, nur waren sie weniger zahlreich und ihre Verwendung noch weniger ausgebildet und doch, welch' große Resultate wurden damit erlangt! Physik und Mathematik spielten eine maß­gebende Rolle, unter den physikalischen Apparaten das Mikroskop, das auch Harvey benutzte, dann die Wage, die Minutenuhr, welche dieser in der Physiologie zuerst anwendete, das Thermometer. Selbst die chemische Analyse trat bei der Medicin in Dienst: ward doch die Hirnsubstanz auf ihren Fettgehalt geprüft. Am meisten benutzte man und zwar nicht weniger als heute, ja selbst schon als ein Verfahren, mittelst dessen man vor Laien wissenschaftliche Probleme demonstrirte, die Vivisection. Gerade Harvey stellte zahllose an, wie es scheint sogar mehr, als für seine nächsten Forschungs­zwecke nöthig waren. Vielfach führte er solche auch vor Nichtmedicinern aus. Wie hoch die Begeisterung für solche selbst bei Laien sich damals ver- steigen konnte freilich gab es auch eine Oppositionspartei, beweist der Umstand, daß ein englischer Geistlicher eine von Harvey öffentlich ausgeführte Vivisection in einem 493 lateinische Verse langen Gedichte, welches Professor Ritter in Prag als culturhistorischen Beitrag zur Jubiläumfeier veröffentlichte, besingen mochte!

Ferner verwerthete man in der medicinischen Forschung, wenn auch zum Glück nicht in schlechten Gedichten, die normale und pathologische Anatomie, deren Bedeutung Harvey sehr hoch stellte, ja man machte den Anfang mit experimentell-pathologischen und pharmako-dynamischen Untersuchungen.

Aus dem bisher skizzirten, wahrlich fruchtbaren Culturboden erwuchsen cinestheils die Reformation der Wissenschaft und Künste im 16. und anderer­seits die zahlreichen, staunenswerthen Entdeckungen im 17. Jahrhundert, sowohl die astronomisch-physikalischen Galileis, Keplers, Toricellis, Guerickes, Newtons und Anderer, wie die physiologischen Harveys. Das 17. Jahr­hundert war eine jener Epochen gehäufter Entdeckungen auf dem Gebiete der Naturwissenschaft und der Medicin, in denen von großen Geistern die Resultate vorausgegangener und gegebener geistiger Gesammtkräftewirkung in Form von Wahrheitsfunden gezogen wurden. Harvey war in diesem Sinne nur ein Sprößling jener Epoche, ein Glied in der Kette jener Mehrer der menschlichen Erkenntniß.

Verlieren nun auch bei solcher Auffassung die wissenschaftlichen Groß- thaten Harveys viel von dem Wunderbaren, das denselben bei von ihrem culturhistorischen Untergründe absehender Betrachtung ohne Frage anhaftet, so