Auch während seines Aufenthalts in Wien lag der unermüdliche Forscher wieder naturhistorischen Untersuchungen ob: er durchstreifte die Wälder in der Umgegend der Kaiserstadt behuss Bereicherung seiner Kenntnisse in Botanik und Zoologie. Und diese wissenschaftlichen Ausflüge des fleißigen Mannes währten öfters so lange, daß der Graf wegen seines langen Ausbleibens in Unruhe gcrieth; denn er hatte Ursache, zu fürchten, daß wilde Thiere und Räuber, welche beide damals noch in nächster Umgebung von Wien hausten, seinen berühmten ärztlichen Berather nicht respectireu möchten. Doch Harvey scheint Mangel an geistiger Beschäftigung mehr gescheut zu haben, als wilde Thiere und Räuber; denn Graf Arundels Vorstellungen und Vorwürfe vermochten nicht, ihn von seinen Forschungsgängen abzuhalten.
Aus der nächsten Zeit nach dieser Reise fehlen wieder alle Nachrichten. Nur beweist eine als Harveys Tagebuch für die Jahre 1638—51 bezeichnet^ nicht aber von ihm selbst herrührende Handschrift, daß er in dieser Zeit praktisch thätig war. Als Praktiker galt er aber nicht viel, wenigstens bei
einzelnen seiner „Collegen", d. h. Concurrenten, die geradezu behaupteten, seine
Recepte seien keinen Groschen Werth, obwohl er doch mittelst derselben so viel verdient haben muß, daß er 20,000 Pfund bei seinem Tode besaß: man
weiß eben, was von solchen Bemerkungen zu halten ist. Auffallend jedoch bleibt der Vorwurf, daß Harvey allzu zusammengesetzte Recepte — achtzehn Stoffe in einer Salbe galten auch bei Sydenham für einfache Recepte! — verschrieben habe. Die Praxis versah er reitend, in einiger Entfernung von einem Diener zu Fuß gefolgt, wie damals „fashionable". Daß er auch Chirurgie praktisch übte, unähnlich Haller, der, obwohl er auch Professor der Anatomie und Chirurgie war, nie eine chirurgische Operation gemacht hat, geht daraus hervor, daß Harvey, natürlich erfolglos, eine seiner letzten
Patientinnen wegen eines Carcinoms der Brust mittelst Schnitt und Glüheisen operirte.
Hatte der große Forscher seither aus dem, wenn auch kränkungsreichen so doch unblutigen Schlachtfelds der Gelehrten gekämpft, und konnte er am 21. April 1642 noch friedlich seinen Gehalt aus der Schatzkammer in Empfang nehmen, so mußte er, der 64jährige, in demselben Jahre gar den wirklichen Kriegspfad betreten. Es galt den Kampf gegen das rebellische Parlament zu führen und neben seinem Könige durfte deshalb ein Harvey nicht fehlen. Die Schlacht bei Edgeworth wurde geschlagen, die erste im englischen Revolutionskriege. Man hatte Harvey, ein Zeichen großen Vertrauens, die Sorge für die beiden jugendlichen königlichen Prinzen übertragen. Harvey wählte als sicheren Aufenthalts platz während jener, „praktisch", wie er sicher glaubte, einen Zaun in der Nähe des Schlachtfeldes. Um aber keine Zeit unnöthig um des Unsinns einer Schlacht willen zu opfern, nahm er ein Buch aus der Tasche und las beim Donner der Geschütze, bis eine Kanonenkugel in seiner Nähe einschlug und ausgewirbelter Sand ihn traf, als Mahnzeichen, daß im Kriege die Musen feiern müssen. Daraufhin wechselte er