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Die Kunst und der Kaufmann.
Um aber aus den verrotteten Verhältnissen des Staates und der Gesellschaft zu einer völligen Erneuerung zu kommen, bedurfte es einer bis zum tiefsten Grunde dringenden Umwälzung, wie sie die französische Revolution der Welt brachte. Wie man sich immer mit Abscheu von ihren blutigen Ausschreitungen abwenden mag: in der Befreiung des dritten Standes von hundertjährigen Fesseln brachte sie der Welt eine der größten Segnungen. Seitdem haben wir wieder eine bürgerliche Cultur, und welche Schattenseiten dieselbe auch mit sich führen mag, wir dürfen darum an ihrem Fortschreiten zum Höheren nicht irre werden. Dies bürgerliche Element giebt sich auch in der heutigen Kunst zu erkennen. Wie der Sinn für dieselbe sich in immer weiteren Kreisen verbreitet hat, so ist sie in natürlicher Consequenz stets bürgerlicher geworden, wobei sie die Klippen einerseits des Hausbackenen, andererseits des Plebejischen freilich nicht vermieden hat. Der demokratische Zug unserer Zeit macht sich nicht immer angenehm fühlbar, aber er ist auch in der Kunst nicht abzuleugnen. In den beiden letzten Jahrhunderten waren es neben den Fürsten die hohen Adelsgeschlechter, deren Kunstliebe sich in glänzenden Sammlungen offenbarte. Die alten Familien sind großentheils herabgekommen, ihre Sammlungen verkauft und zerstreut worden. Der Bankherr und der Fabrikant hat sich an ihren Platz geschwungen und nimmt die erste Stelle ein; die großen Handelsstädte stehen an der Spitze der Bewegung, und die Residenzen haben nur da noch eine Bedeutung, wo sie zugleich Handels- und Fabrikplätze geworden sind.
Der letzte große fürstliche Mäcen war König Ludwig von Baiern, der nach dem hohen Fluge seiner Phantasie eine Kunst in München erstehen ließ, die in ihrem kühnen Idealismus freilich sich um die niedere Wirklichkei wenig kümmerte und den Zusammenhang mit dem Leben eher mied als suchte. Darum ist gerade in München der Umschlag in den Realismus, und zwar in einen oft sehr Platten, schroffer erfolgt als anderswo.
Heute sind es die Fürsten der Börse, der Fabriken und des internationalen Tauschverkehrs, die ihren Reichthum durch Kunstpflege zu adeln suchen. Wenn auch häufig nur Eitelkeit und Ostentation sich dahinter verbirgt, so ist doch oft an echter Kunstliebe in diesen Kreisen nicht zu zweifeln. Am schönsten hat sie sich da bewährt, wo hochsinnige Männer des Bürgerstandes, Sie, bezeichnend genug, meistens dem Handel angehörten, aus ihren Sammlungen öffentliche Stiftungen machten und in weitherziger Weise ihre Mitbürger in den Mitbesitz ihrer Schätze einsetzten. In erster Linie nennen wir Johann Friedrich Städel, der seine kostbaren Kunstsammlungen nebst einem Vermögen von 1,300,000 Fl. seiner Vaterstadt Frankfurt vermachte, wo das Städel'sche Institut kürzlich durch einen glänzenden Neubau in eine neue Aera seines Wirkens eingetreten ist. In Köln stiftete Wallraff ebenfalls ein Kunstmuseum, welches neuerdings durch Richartz erweitert und glänzend ausgestattet wurde. In Leipzig legte Consul Schletter den Grund zu dem dortigen städtischen Museum, in Danzig stiftete Kabrun eine öffentliche