Wilhelm Lübke in Stuttgart.
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noch schärfere Beleuchtung, wenn man mit ihr die gleichzeitigen Franzosen in Parallele stellt. Wie schon früher war es auch jetzt, nur noch mehr als jemals zuvor, das höfische Leben, welches der Kunst die Impulse gab. Wir wollen die großen Talente, welche die französische Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts hervorgebracht hat, nicht herabsetzen; sie standen wie jede Kunst im Bann ihrer Zeit und Umgebung; sie thaten wie jede andere, was sie nicht lassen konnten, und waren der treue Spiegel des Lebens, das sie trug und ihnen die Aufgaben stellte. Sie mußten daher unter Ludwig XIV. pomphaft und prahlerisch aufgebauscht, unter Ludwig XV. kokett, üppig und buhlerisch werden. Die bürgerlichen Kreise kamen dabei nicht in Betracht, das Volk hatte keinen Theil daran. Der gleißende, tänzelnde Hofmann war Alles, der Bürger Nichts. Und wie dieses französische Zerrbild der Cultur vor Allem nach Deutschland übertragen und an den vielen Höfen weltlicher und geistlicher Herren im Wetteifer nachgeäfft wurde, das ist zu allgemein bekannt, als daß wir weiter daraus einzugehen hätte!?. Und dies Alles geschah in einem Lande, dessen Hilfsquellen auf's Tiefste erschöpft waren. Denn der dreißigjährige Krieg, dessen Gräuel der Simplicissimus mit so ergreifenden Zügen schildert, hatte die in der Epoche der Reformation und der Renaissance so fröhlich aufgeblühte Cultur auf's Tiefste zerrüttet und einen ökonomischen Verfall herbeigeführt, der mit der sittlichen Verwilderung gleichen Schrit, hielt. Aus den kräftigen Bürgerschaften der früheren Zeit war ein kümmerliches Geschlecht von Unterthanen geworden, die unter dem doppelten Druck eines brutalen Polizeiregiments und höfischer Willkürherrschaft zitterten. Kein Hauch von frischer Lebenslust, nur schwüle Treibhausatmosphäre weht uns aus jenen Tagen au.
Und auf der morschen Grundlage dieser zerrütteten Zustände erhebt sich der luftige Bau fürstlicher Allmacht mit seiner schamlosen Maitressenwirthschast, seinen luxuriösen Schlössern, Theatern und Lusthäusern, aus deren üppigen Schnörkeln und buhlerischen Gemälden uns das „aprs8 norm 1s äslu§s", vernehmlich entgegenkichert. Französische und italienische Hofkünstler, von den Architekten, Decorateureu, Malern, Stuckatoren, Tapezieren bis zu den Tänzerinnen und Sängerinnen, die mit den Beinen ihre Triller und mit den Kehlen ihre Pirouetten schlagen, dienen dem fürstlichen Uebermuth jener Gesellschaft, und wenn auch einzelne tüchtige einheimische Künstler hier und da auftauchen: die deutsche Kunst im Ganzen und Großen ist so gut wie erstorben. Nur der liebenswürdige Chodowiecki beweist uns in seinen kleinen zierlichen Blättern, daß der solide Bürgerstand mit seinen ehrbaren Sitten und seinem gemüthlichen Stillleben noch vorhanden ist. Und aus diesen Kreisen gehen dann auch die Männer hervor, welche einen neuen idealen Aufschwung des Lebens anbahnen. Zuerst ist es die Musik, in der das deutsche Volksgemüth seine Befreiung vom Joch niedriger Möglichkeit gewinnt; dann folgt die Reihe der großen Dichter und Denker, die dem Geistesleben der Nation den höchsten idealen Ausdruck geben.