- Der schöne Lhecco. - 299
liegt aber auch wirklich nicht so viel daran, zu grämen braucht Ihr Euch darum nicht".
Er starrte mich wortlos an bei dieser Erklärung, Halb ungläubig, halb voll dumpsen Schreckens. Ich fand keine Zeit, ihn weiter zu beruhigen und auszuklären, denn in diesem Augenblick öffnete sich die Thür und herein trat Don Elemente.
Er war fast unverändert, immer noch das wunderschöne, jugendlich klare Gesicht unter den weißen Locken, immer noch die hohe, fest getragene, würdevolle Gestalt. Ich sah, daß er auch mich sogleich erkannte, und ich gestehe, daß ich einen Augenblick mit einem heimlichen Bangen vor ihm zu kämpfen hatte. Doch er begrüßte mich so mild und ruhig, wie einst, und sagte mit seiner alten, leidenschaftslosen Stimme:
„Ich dachte mir, daß ich Euch hier finden würde, denn ich wußte schon durch Don Salvatore, daß Ihr es wäret, der hier gehandelt hat".
„Ich habe meine Pflicht gethan", erwiderte ich, so fest und bestimmt ich es vermochte.
„Ihr habt's gewagt", fuhr er in seiner stillen Weise fort, und doch lag etwas fast Beängstigendes für mich in dem kurzen Wort aus diesem Munde. Doch ich suchte zu lächeln und sagte:
„Das Wagniß war wohl nicht so groß, und da meine Hand gesegnet ward und das Werk gelungen ist, wer sollte sich nicht mit mir und Diesen freuen?"
Don Elemente sah mich mit einem tiefen, ernsten Blicke an und sprach:
„Als Ihr diese Beiden wiedersahet, fandet Ihr sie glücklich?"
Das liebliche Bild des stillen, jungen Paares vor dem Hause trat lebendig vor meine Seele, und ich mußte bekennen:
„Sie schienen zufrieden, da ich sie sah; doch ich lebe der Hoffnung,
ihnen den Weg zu noch höherem Glück geöffnet zu haben".
„Des Menschen Weisheit ist Thorheit vor Gott", entgegnete er, „das Glück wohnt nicht im Sehen und im Wissen, sondern im Glauben und im Frieden. Wie könnt Ihr wissen, ob Ihr nicht hier mit gewaltsamer Hand ein stilles Glück zerstört und zerrissen habt?"
So sehr mein Verstand sich sträubte gegen die Anerkennung seiner
düstern Besorgniß, so konnte ich mich dennoch eines dumpf beängstigenden Gefühls nicht erwehren. Dieser Priester erschien mir wie das Schicksal selbst, feierlich, still, wandelnd, groß, unerbittlich.
Er schied, so ohne Lärm und Prahlen, wie er gekommen; und ich glaube, ich grüßte ihn sehr sanft und demütbig —- wie der Schüler den Lehrer.
Als er fort war, wandte ich mich wieder zu Checco um: der schaute ihm gerade so befangen und beängstigt nach, wie ich selber, und wußte sicherlich
ebenso wenig, warum. Auf einmal aber fragte er mich, aus einem unklaren
Brüten auffahrend:
„Warum blieb Carmela nicht bei mir? Warum flieht sie mich?"