Heft 
(1878) 01
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er ritt, so prächtig, daß schon darüber allein dem ehemaligen Husaren das Herz im Leibe lachen mußte. Dort, wo ein Feld­weg von links her in die Landstraße mündete, entließ der Graf den Reitknecht.Sage der gnädigen Frau, daß ich wohl erst nach ein paar Stunden nach Hause kommen würde," sagte er.

Der Graf bog aus den Feldweg ein, ließ sein Pferd im Schritt gehen und blickte nach links und rechts über die Felder hin. Das Korn stand ausgezeichnet, alles versprach eine reiche Ernte. Der Graf dachte nun wieder an Hallermünde, ließ im Geist alle die Verbesserungen, die er dort vornehmen wollte, zum tausendsten Mal Revue passiren und fand, daß alles in Ordnung war.Wenn das so fortgeht, werde ich einmal ein steinreicher Mann sein," dachte er.Seltsam! Wenn mir vor zehn Jahren ein Kamerad gesagt hätte, daß ich ich, Georg Polderkamp einmal an diesem Gedanken Freude finden würde! Damals war mir das Geld nur der häßliche Mam­mon, der zu nichts gut war, als so schnell wie möglich mit lustigen Kameraden und schönen Weibern in perlendem Wein umgesetzt zu werden; jetzt ist es mir ein thenres Gut! Bin ich nun jetzt besser als früher oder schlechter? Pah, thö- richte Frage! Jedes Alter hat seine Lust. Das Erwerben macht mir jetzt noch mehr Freude, als früher das Verthun."

Der Feldweg, der erst durch Felder und dann durch Wiesen geführt hatte, bog jetzt in ein Birkenwäldchen ein. Der Graf hatte dieses eben erreicht, als sein Pferd plötzlich scheute. Kaum zwei Schritte vor ihm saß ein Kind auf dem Wege und weinte bitterlich.

He! Du da! Wirst Du Wohl aus dem Wege gehen!"

Das Kind sah sich erschreckt um, erhob sich und trat ängst­lich zur Seite. Es war ein kleiner Judenknabe. Der Kleine hatte ein zerrissenes Hemd an und ein Paar zerschlissene Hös­chen, die nur von einer Schnur, die über die linke Schulter lief, gehalten wurden.

Der Graf hielt.Nun, kleiner Bocher, was thust Du denn hier?" fragte er.

Ich woan!"

Wo ist denn die Mammle?"

I waiß nit!"

Bist Du denn ganz allein hier?"

Der Kleine schwieg. Der Graf blickte nach links und rechts in den Wald, aber niemand ließ sich sehen.

Ist der Tätte hier?"

Na."

Wie kommst Du denn aber hierher?"

Keine Antwort.

Das ist aber doch zu toll!" murmelte der Graf. Er legte die Rechte an den Mund und rief, so laut er konnte: Hee! Hee!"

Ein Paar Vögel erhoben sich aus ihrer Nachtruhe und flogen eilig davon, sonst blieb alles still.

Der Graf sprang vom Pferde und beugte sich über das Kind, das ihn mit großen Angen aber unerschrocken ansah.

Wie heißt Du?"

Jtzig"

Und Dein Tätte?"

Auch Jtzig."

Wie heißt er noch?"

Auch Jtzig."

Bist Du mit Deinem Tätte hierhergekommcn?"

Na."

Mit wem bist Du hierhergekommen?"

Ich bin hiergeknmmen."

Der Graf überlegte. Das Kind, das sich offenbar ver­irrt hatte, konnte nur aus einem einige Werst entfernten Kruge, in dem sich ein jüdischer Schneider eingemiethet hatte, stammen. Es bleibt nur nichts übrig, als den Bengel hinzubringen," dachte er.Solch ein Takelzeug! Können nicht einmal auf ihre Kinder aufpassen! Wartet, Ihr sollt mir!"

Komm her!"

Der Kleine kam ganz zutraulich heran. Der Graf hob ihn auf, schwang sich aufs Pferd, hielt den Kleinen vor sich und schlug den Weg nach dem Kruge ein.

Oi! Das ist fein!" rief der Junge.

Der Graf lachte.So? Findest Du? Hör' einmal, Du könntest Dich aber auch einmal waschen. Was?"

Der Wasser ist kalt!"

Die beiden unterhielten sich nun ganz vertraulich, bis langgedehnte Rufe, die ihnen entgegenschallten, dein Grafen sagten, daß das Kind vermißt worden war und gesucht wurde. Der Graf antwortete und stieß nach einiger Zeit auf den Vater des Kindes, einen langen hageren Juden, dem die Gebetslocken wild ums Gesicht hingen.Gott gerechter!" schrie dieser,unser Herr Graf haben den Jtzig!"

Der Graf schwang sich vom Roß, ließ den Knaben zu Boden sinken, hielt mit der Linken das zurückscheuende Pferd und schüttelte mit der Rechten Jtzig den älteren, daß dieser hin und her flog wie ein Päckchen nach Knoblauch riechender Kleider.

Du Hundesohn," rief er,Du nachlässige Bestie! Weißt Du auch, Du verdammter Kerl, daß der Kleine hätte über­fahren werden können! Wirst Du wohl besser aufpassen! Hast Du nicht verdient, daß ich Dich durchhaue, daß Du kein Glied mehr rühren kannst?"

Damit ließ er den Inden zu Boden fallen, schwang sich aufs Pferd und galoppirte davon, ehe der Jude sich auf- richten konnte. Der Jude aber hob sein Büblein auf und überhäufte es mit einer Fülle von Liebkosungen. Darüber fanden sich denn auch die anderen Familienglieder und einige zur Hilfe aufgebotene Bauern ein.Gott segne den Grafen," rief der Vater,Gott soll ihn segnen tausend Mal und soll ihm geben Kinder die Fülle und Korn und Heu und Brannt­wein vollauf und Gesundheit!"

War das unser Graf?" fragte das Kind.

I ja wohl ist es unser Graf gewesen. Unser guter lieber Graf, den Gott soll erhalten, und den wir alle haben lieb!"

Ich lieb' ihn och! Ich lieb'ihn sehr!" meinte der Knabe.

(Fortsetzung folgt.)

Eine historische Auge.

Von Mar Mihn.

Nachdruck verboten. Ges. v. tt./vi. 70.

(Zn dem Bilde auf S. 4 und 5.)

In der Spenerschen Zeitung, Jahrgang 1747, Nr. 56 vom 11. Mai, las das wißbegierige Publikum folgenden Bericht: Aus Potsdam vernimmt man, daß daselbst verwichenen Sonntag (7. May) der berühmte Kapellmeister aus Leipzig, Herr Bach, eingetroffen ist in der Absicht, das Vergnügen zu genießen, die dasige vortreffliche königliche Musik zu hören. Des Abends gegen die Zeit, da die gewöhnliche Kammermusik in den königlichen Apartements anzugehen Pflegt, ward Sr. Majestät berichtet, daß der Kapellmeister Bach in Potsdam angelangt sei, und daß er sich jetzo in dero Vorkammer auf­

halte, allwo er dero allergnädigste Erlanbniß erwarte, der Musik zuhören zu dürfen. Höchstdieselben ertheilten sogleich Befehl, ihn hereinkommen zu lassen und gingen bei dessen Ein­tritt an das sogenannte Forte und Piano, geruhten auch ohue einige Vorbereitung in eigner höchster Person dem Kapell­meister Bach ein Thema vorzuspielen, welches er in einer Fuga ausführen sollte. Es geschah dieses von gemeldetem Kapellmeister so glücklich, daß nicht nur Se. Majestät dero allergnädigstes Wohlgefallen darüber zu bezeigen beliebten, sondern auch die sämmtlichen Anwesenden in Verwunderung gesetzt wurden. Herr