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Bach fand das ihm aufgegebene Thema so ausbündig schon, daß er es in einer ordentlichen Fuge zu Papiere bringen und hernach in Kupfer stechen lassen will.. Am Montage (8. May) ließ sich der berühmte Mann in der heiligen Geistkirche zu Potsdam auf der Orgel hören und erwarb sich Ley den in Menge vorhandenen Zuhörern Allgenieinen Beifall. Abends trugen Sr. Majestät ihm nochmals die Ausführung einer Fuga von sechs Stimmen auf, welches er zu Höchst dero selben Vergnügen und mit Allgemeiner Bewunderung, ebenso geschickt, wie das vorigemal bewerkstelligte."
Diese letztere Scene führt uns Hermann Kaulbach in seinem umstehend nachgebildeten Gemälde vor Augen. Er nimmt an, Friedrich und hervorragende Mitglieder seines Hofes seien auf der Orgelempore versammelt, während Bach seine Kunst hören läßt. Wenn hierüber auch der Spenersche Bericht schweigt, so ist doch aus Friedemann Bachs Erzählungen bekannt, daß der König seinen Gast durch die Kirchen Potsdams geführt und ihm die dortigen Orgeln gezeigt habe. Bei dieser Gelegenheit mag es geschehen sein. Wir müssen übrigens annehmen, daß die oben erwähnte sechsstimmige Fuge nicht anders als auf der Orgel vorgeführt sei.
Ueber Einzelheiten wollen wir mit dem Maler des Bildes, das gewiß des geneigten Lesers vollen Beifall finden wird, nicht rechten. Wir nehmen für den Maler die dichterische Freiheit in Anspruch, Personen und Zeiten so zusammenzurücken, wie er es zum Ausdrucke seines Gedankens braucht. Er zeigt uns fast mit Recht Friedrich den Großen so, wie uns sein Bild am geläufigsten ist. So etwa sah er nach dem siebenjährigen Kriege ans, wir befinden uns freilich aber vor diesem Zeiträume in der glücklichsten Zeit seiner Regierung.
In dieser Periode war die Tagesordnung des Königs etwa folgende: Der König stand um 4 Uhr auf; zu dieser Stunde mußten die Kabinetsräthe in Gala erscheinen und die eingelaufenen Sachen vvrlegen. Nachdem er die Briefe gelesen, zog er die Stiefel an und nahm die militärischen Rapporte entgegen. Nach dem Frühstücke, das aus Wasser, starkem Kaffee, Chokolade und Obst bestand, ging er oft wohl zwei Stunden lang die Flöte blasend, theils phantasirend theils übend, durch die Säle, während dessen ihm, wie er sagte, oft die ernstesten und besten Gedanken einsielen. Dann legte er die Uniform an, arbeitete mit den Räthen und sah um 11 Uhr die Wacht- Parade.
Wenn Zeit war, erklang jetzt wieder die Flöte, bis um 12 Uhr gemeldet wurde, daß servirt fei. Man aß gute und schwere Speisen und trank eben solche Weine — aber durchaus keinen Rheinwein. Nach Tische wurde wieder die Flöte geblasen, etwa eine halbe Stunde lang, dann wurden Bauten und Gärten besichtigt. Um 6 Uhr begann das Concert, nachdem Friedrich zuvor etwa eine Viertelstunde präludirt hatte. Nun spielte er drei Concerte, hörte auch wohl zuweilen eins von Quanz oder ein Solo von Duport an, es sang auch zuweilen ein Sänger eine Arie. Fremde fürstliche Personen wurden zur Mitwirkung aufgefordert. So war z. B. sein Schwager, der Markgraf von Baireuth ein tüchtiger Cellist und nicht selten an den Aufführungen betheiligt. Dann folgte das Abendessen, das unter lebhaften Gesprächen bis tief in die Nacht dauerte.
So zog sich die Musik und zwar ausschließlich Flötenblasen — obwohl Friedrich auch Klavier zu spielen verstand — durch das ganze Tagewerk hindurch. Wir müssen sagen, der König war mehr als ein gekrönter Dilettant. Nach dem übereinstimmenden Zeugnisse vieler unparteiischer Personen spielte er besonders die getragenen und sentimentalen Stücke mit der Meisterschaft eines Virtuosen, aber im Allegro konnte er zur Verzweiflung seiner Mitspieler nicht Takt halten. Merkte dann der König, daß er falsch spielte, so ward er wüthend und zerbrach seine Flöte. Sein alter Lehrer Quanz hatte die kontraktliche Verpflichtung, für die Flöten des Königs zu sorgen. Die Sache wurde ihm aber zu bunt, und er weigerte sich, es noch weiter umsonst zu thnn. Da versprach ihm der König hundert Dukaten für jede Flöte und siehe da, das Malheur ereignete
sich von da an nur selten, denn der König war ein guter Oekonom.
Als Komponist bewegte sich der König durchaus in den zopfigen Formen seiner Zeit. Er hatte einige Arien und Konzerte und über hundert Soli gesetzt. Zu letzteren schrieb er die Solostimme und ließ sich das Accompagnement von seinem Kapellmeister Granu oder dem Hoforganisten Philipp Emanuel Bach hinzusügen.
Der letztere, der zweite Sohn unseres berühmten Johann Sebastian Bach, eaiworis et iimpsotoris OFmimmi INoirmni lüpsisEs, sowie königlichen und chursürstlichen Hof-eowiiomtoi-is war seit 1740 in des Königs von Preußen Diensten und als Pianist bei dessen Abendkonzerten betheiligt. Auf die Frage Friedrichs, warum denn sein Vater nicht nach Potsdam käme, hatte Emanuel denselben von dem Verlangen des Königs unterrichtet. Bach, der in Jahren bereits weit vorgerückt und von Berufsgeschäften sehr in Anspruch genommen war, zögerte darauf einzugehen. Im Jahre 1747 aber folgte er den immer dringenderen Einladungen des Königs und begab sich mit seinem ältesten Sohne Friedemann anfangs Mai nach Potsdam.
Am Abend des 7. Mai, als man sich zum Abend- konzerte rüstete, brachte ein Offizier den Rapport über die eben angekommenen Fremden. Die Flöte in der Hand haltend warf der König einen Blick hinein, dann drehte er sich in einer Art Unruhe um und legte mit den Worten: „Meine Herren, der alte Bach ist angekommen!" seine Flöte bei Seite. Bach, der in der Wohnung seines Sohnes abgestiegen war, wurde sogleich nach Hofe geladen. Der alte Mann hatte nicht einmal Zeit, seine Reisekleidung abzulegen und sein schwarzes Hofkleid anzuziehen. Wir dürfen nicht vergessen, daß Bach, obwohl von hohem Schwünge des Geistes, doch sein Lebtag in kleinbürgerlichen Verhältnissen gelebt hat. Seine Verlegenheit wegen des ungeziemenden Anzuges war groß, und seine Entschuldigungen in altväterlichen Schnörkeln und mit dreifach gehäuften Titulaturen nahmen kein Ende. Der König empfing ihn mit ausgesuchter Zuvorkommenheit und warf den über Bach lächelnden Hofherren einen mißbilligenden Blick zu.
Aus dem Abendkonzerte ward natürlich nichts; der König aber führte den berühmten Gast in allen Zimmern des Schlosses herum und ersuchte ihn, die dort befindlichen Silbermannschen Fortepianos, die er sehr hoch schätzte und deren er sieben besessen hat, zu spielen. Wie Bach hier sogleich wieder Bach ward, wie der König, der mit Lob keineswegs freigebig war aus der Bewunderung nicht heraus kam und mehrmals ausrief: „Nur ein Bach, nur ein Bach!" wie er endlich auch selbst ein Fugenthema gab, dasselbe, welches Bach später schriftlich ausarbeitete und unter dem Titel „Musikalisches Opfer, Sr. Majestät von Preußen allerunterthänigst gewidmet" herausgab — alles dies ist früher schon einmal im Daheim (kl. Jahrgang, S. 6 ff.) erzählt worden.
Wir kehren auf die Empore der heiligen Geistkirche zurück. Nächst Bach und Friedrich fällt uns am meisten in die Augen jene königliche Erscheinung in Hellem Gewände, deren Züge unverkennbare Aehnlichkeit mit denen Friedrichs zeigen. Es ist die älteste Schwester Friedrichs, Wilhelm ine, Mark- gräfin von Baireuth. Man darf ja nicht an „Zopf und Schwert", d. h. an eine übermüthige Tochter, denken, die, einer Herzensneignng folgend, ihren Willen gegen den Hartkopf ihres Vaters durchsetzt. Nachdem sie vieles von ihrem Vater, oft auch für ihren geliebten Bruder, den Kronprinzen, erduldet hatte, bestimmte sie der Vater für den Erbprinzen von Baireuth. Die Mutter — es ist die alte Frau unseres Bildes rückwärts von Friedrich — widerstrebte dem mit aller Kraft, da sie, selbst aus englischem Hause, an eine englische Verbindung dachte. Aber Friedrich Wilhelm setzte seinen Willen durch. Den Ausschlag gab es, daß der König die Begnadigung des Kronprinzen, der damals noch in Küstrin in halber Gefangenschaft lebte, von ihrem Gehorsam abhängig machte. Sie wurde nicht glücklich und hat sich später in bitteren Worten geäußert, die den Schmerz über ein tyrannisch zerstörtes Lebensglück merken lassen. Wir können es auch aus dem Bilde herauslesen.