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Hierbei zeigt sich eine der Unbegreiflichkeiten im Charakter Friedrichs des Großen. Er hat von jener Zeit an seine Schwester, die wahrlich viel für ihn geopfert hatte, mit kühlster Reserve behandelt. War er unwillig, gegen jemand zum Danke verpflichtet zu sein, oder hatte des Vaters rauhe Hand auch bei ihm die wärmere Empfindung getödtet?
Die kleine Prinzessin ist die Tochetr Wilhelminens, die spätere Gemahlin des Herzogs Karl von Würtemberg. Links von dem leeren Sessel sehen wir die geistvolle jüngere Schwester des Königs, Ulrike, die Gemahlin des Prinzen von Holstein- Gottorp und nachmalige Königin von Schweden. Daneben sitzt die „Königin-Mutter", wie Friedrich den Titel bei seiner Thronbesteigung einführte. Er richtete ihr einen eigenen Hofstaat ein und umgab sie mit dem Glanze und der Bequemlichkeit, den die vielgeprüfte Frau als Königin von Preußen so schmerzlich vermißt hatte. Dagegen gestattete er ihr so wenig als irgend einem anderen seiner Umgebung Einfluß auf die Politik und seine Entschlüsse.
Hinter der erstgenannten erblicken wir an die Ecke des Pfeilers gelehnt den Prinzen Heinrich, den jüngeren Bruder des Königs. Der Prinz hatte damals ein Alter von zwanzig Jahren; er hatte im zweiten schlesischen Kriege Dienste als Adjutant gethan und sich in der Schlacht bei Hohenfriedberg ausgezeichnet. Im siebenjährigen Kriege sollte er sich noch den Ruhm eines vorzüglichen Feldherrn erwerben. Friedrich der Große sagte später von ihm: „Das ist der einzige General,
der keinen Fehler gemacht hat."
Neben den eben bezeichnten Gliedern der königlichen Familie zeigt uns das Bild noch etliche hervorragende Männer der näheren Umgebung Friedrichs. Um von links, d. h. von Friedrich dem Großen an, zu beginnen, nennen wir den Justizminister Cocceji, einen Mann, der gewiß den Namen des Großen führen würde, wenn das so unter Ministern üblich wäre. Cocceji war bereits in den letzten Jahren der Regierung Friedrich Wilhelms I als Minister thätig. Die Justiz lag damals im Argen. Die Richter wurden meist weder besoldet noch examinirt, sondern erkauften ihr Amt durch Zahlungen in die Rekrutenkasse. Ein festes Recht gab es nicht, und die Advokaten, die der König haßte und die er durch eine aufgezwungene lächerliche Amtstracht herabzusetzen suchte, zogen die Prozesse ins Endlose. Eine der ersten und erfolgreichsten Unternehmungen Friedrichs war die Umgestaltung der Justiz, und Cocceji hat darin Großes geleistet. In diesem selben Mai 1747 konnte er zu seiner Genugthuung berichten, daß durch die Bemühungen seiner Räthe ein alter Grenzstreit, der bereits zweihundert Jahre gedauert hatte, beendet sei. Zweitausendvierhundert alte Prozesse wurden binnen acht.Monaten aus der Welt geschafft, so wie die ganze Rechtspflege auf gesicherten Boden gestellt. Ob er Musikliebhaber war, weiß ich nicht.
Auch das wollen wir nicht untersuchen, ob Voltaire damals in Potsdam war. Dauernden Aufenthalt nahm er erst daselbst im Jahre 1750, doch war er zuvor schon mit Friedrich im Jahre 1740 in Moyland im Cleveschen zusammengetroffen und im Jahre 1743 in politischen Missionen am Hofe des Königs vorübergehend anwesend. Der König war von der persönlichen Anwesenheit seines so hoch verehrten Meisters keineswegs sehr erbaut. Er schalt Voltaire, der eine unbillig große Zeche hinterlassen hatte, einen Lumpen und Hanswurst, und als Diplomaten lachte er ihn aus. Selbst als er ihn im Jahre 1750 berief, wußte er, was er an ihm haben würde; er beklagt es, daß ein so erbärmlicher Geist so große Talente besitze. „Ich brauche sein Französisch," sagte er, „was kümmert mich seine Moral!" Aber er irrte sich; eines Menschen Moral ist kein so nebensächliches Ding, wie er dachte. Ob wohl Voltaire Bach verstanden hätte? Schwerlich. Die Tiefe und Lauterkeit eines Bach konnte in einem so flachen und frivolen Geiste keinen Widerhall finden. Wie wir ihn sehen, macht er wohl eben einen geistreichen Witz über Musik, aber er hört sie nicht.
Der jüngere Mann an der Borderecke des Pfeilers ist
jedenfalls der Offizier ckn foor; jener neben Cocceji, der sich zur Königin-Mutter niederbeugt, ist der bekannte und von dem König hochgeschätzte Kapellmeister Graun. Friedrich der Große lernte bei seiner Vermählung Graun in Braunschweig kennen und schätzen. Ans seinen Wunsch folgte der Bicekapellmeister dem Kronprinzen nach Reinsberg, wo sich ein Verhältniß enger Freundschaft zwischen Leiden bildete, das lebenslange Dauer hatte. Mit der Thronbesteigung Friedrichs beginnt die eigentliche Kapellmeisterthätigkeit Grauns. Er fand in Berlin nur die sechsundzwanzig mohrischen Querpfeiser der Grenadiergarde vor, die es höchstens bis zu einem Marsche bringen konnten. So mußte er Orchester und Sängerchor neu schaffen, d. h. aus Italien holen, und es gelang ihm, in wenigen Jahren selbst die Dresdener Oper zu übertreffen. Der König lohnte seinen Eifer durch einen damals unerhörten Gehalt von 2000 Thalcrn. Von seinen zahlreichen Opern, Prologen, Oratorien und Kantaten, zu denen auch Friedrich musikalische und Textbeiträge gegeben hat, ist heute nur die Passionskantate „Der Tod Jesu" allgemein bekannt.
Endlich lenken wir unseren Blick auf die zwei rechts im Hintergründe befindlichen Männer. Der eine im glänzenden Hofkleide ist der bereits erwähnte Carl Philipp Emannel, der andere sein Bruder Friedemann Bach, der genialste unter den Söhnen des Meisters, der freilich durch sein von allem Aeußeren abgekehrtes Wesen wiederholt in Konflikt mit den realen Zuständen der Welt kam und seinem Vater manche schwere Sorge verursachte.
Die Reise nach Potsdam war der letzte Glanzpunkt im Leben Sebastian Bachs. Die bewundernde Anerkennung seitens des berühmtesten Regenten und größten Geistes that seinem Herzen wohl. Hatte er doch Zeit seines Lebens nicht allzu viel Ermuthigung gefunden und zwar die wenigste in Leipzig selbst. Voll Dankbarkeit schrieb er sein oben erwähntes „Musikalisches Opfer", das er mit einem unterthänigen, aber würdevollen Schreiben an Friedrich den Großen sandte. Noch erwähnen wir sein letztes und in gewisser Beziehung größtes Werk: „Die Kunst der Fuge". Er wollte in diesem Werke durch das Beispiel zeigen, was man aus einem Thema machen könnte, was er auch in einundzwanzig verschiedenen Nummern mit unerhörter Meisterschaft durchführte. In der letzten Fuge tritt den beiden leitenden Motiven ein drittes Thema hinzu, welches sich in den Tönen b, n, o, b bewegt. Aber die Fuge ist unvollendet, und Philipp Emannel fügte ihr die Bemerkung hinzu:
„lieber dieser Fuge, wo der Nahmen Bach im Contrapunkt angebracht worden, ist der Verfasser verstorben. Wiewohl von starkem Körper und noch kräftigerem Geiste, mußte er doch dem llebermaße der Anstrengungen, die er sich von Jugend an auferlegt hatte, erliegen. Zuerst verlor er sein Augenlicht; wenige Zeit darauf folgte, beschleunigt von der ärztlichen Kunst, sein Ende. Aus dieser letzten schweren Zeit stammt eine vierstimmige Bearbeitung des Chorals: „Wenn wir in höchsten Nöthen sein." Er hatte sie schon blind seinem Schwiegersöhne Altnickel als ein rührendes Zeugniß seines frommen ergebenen Sinnes diktirt. Das Letzte, was von seinem Leben und Sterben bekannt geworden ist, ist ein Zettel aus der Leichenschreiberei:
„Ein Mann, 67 I. Hr. Johann Sebastian Bach, Kapellmeister und Kantor der Schule zu St. Thomas, auf der Thomas-Schule, wurde mit dem Leichenwagen begraben, den 30. Juli 1750."
Wollten wir den bedenklichen Versuch machen, zwei so verschiedene Menschen wie Friedrich und Bach nebeneinander zu stellen, so könnten wir sagen: Beide, der eine durch Politik und die ganze Anschauung seines Lebens, der andere durch Ausbildung einer alten musikalischen Form bis zur höchsten Meisterschaft und Einseitigkeit, bezeichnen Höhepunkte eines zu Ende gehenden Zeitalters; aber beide sind Könige und ruhmgekrönte Helden, dieser im Reiche der Töne, jener im Reiche der Thatsachen.