Heft 
(1878) 01
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Unter der Ände.

Lieder aus der deutschen Vergangenheit. I. von Carl Stiel er.

Victor von Scheffel vcrehrungLvoll zugeeignet.

s. Vandergruß.

^m grünen Hochland liegt ein Steig,

Gar traulich anzuschauen,

Fern sieht man leuchten durch das Gezweig Den Tegrinsee, den blauen.

Und weite Wälder sind rings nmher Und hohe bethante Fluren,

Die Berge glänzen, wir geh'n einher Auf tausendjährigen Spuren.

Denn uralt ist der Saumpfad dort Mit seinen granitnen Stufen,

Bft gräbt der Pflug noch die Splitter auf von eisernen Speeren und Hnfen.

Im Grünen sieht man das braune Dach Einsamer Gehöfte verschwinden,

Und jede Flur ist noch umhagt von tausendjährigen Linden.

Dort zog ich schweigend querfeldein von all dein Zauber umflossen:

Der Vogelfang nnd der Sonneirschein,

Das waren ineine Genossen.

Da legt' ich mich nieder zur süßen Aast An einer uralten Linde,

Es wiegt' mich in Schlummer ihr Blütcnduft Und der leise Gesang der winde.

Es war wie ein tiefer Aaubcrschlaf,

UUr ward es innen so lichte:

Es rauscht mir die Linde ins träumende Herz Ihre tausendjähr'gc Geschichte!

2. heilige jDilger.

^ch war ein zager grünender Stamm Und Urwald lag allerwegen,

Durch den der Bär gezogen kam:

Urmächtig war Sonne und Regen,

Die wilden Bienen summten im Bolz, wildveiglein blühten am Grunde:

Eiir Menschenantlitz ich halt' es noch nie Gesehen bis zur Stunde.,

Da kam ein Zug von Wannen einher,

Die langen Gewänder wallten

Die trugen die Art, die trugen den Speer, Es waren Hünengestalten.

Hier laßt uns rasten und nächtigen heut," (Sprach einer mit lauten Befehlen)

So haben wir Buren*) dem Herrn geweiht, Gott gnad' es an tausend Seelen!"

Sie bauten Hütten aus grünem Laub Und banden ein Kreuz ans den Zweigen, Das richten sie auf vor ihrem Gelaß,

Eh' sie zuin Schlummer sich neigen.

Sie knieten nieder im tiefen Wald Und beteten laut zusammen,

Es hatte ihr Wort so süße Gewalt,

Ihr Aug' so heilige Flammen!

Ich horchte noch lang, wie die Stürme wild Die finsteren Wipfel peitschen,

Doch mir zu Füßen schlief süß nnd mild Winfried, der Apostel der Deutschen!

) Kloster Benediktbeuern.

XIV. Jahrgang. 1.

o. Waldeinsamkeit.

Dann aber gingen Jahre ins Land Dahin über Wald und Fluren,

Eh' daß ich sah eines Menschen Hand Und eines Fußes Spuren.

wie wnnderstille war's da im Wald,

Es klangen nur Vogelstimmen,

An meinen schwellenden Blüten hing Der Falter und die Immen.

Das Sonnenlicht, es fiel durchs Grün Und glitzert' im dunklen Moose,

Es wuchs empor an meinem Stamm Die wilde Heckenrose.

Und durch die hohe Vollmondnacht Kam schweigend der Hirsch gegangen, von einer stummen verzückten Pracht war alles Leben gefangen.

Und wenn es dann rauschte im langen Flug Durch all die Wälder, die weiten

Das war wie ein sehnender Athemzng Aus Wodans gewaltigen Zeiten!

4. Hunnenzug.

NA

Vnd wieder war's eine rauhe Rächt,

Die Wipfel im Sturme sausend,

Da ritt heran eine wilde Jagd viel tausend und abertausend.

Auf kleinen Rossen, schwarz und scheu,

Behende braune Gestalten,

Die wollten hier am Waldesrand Ihr letztes Lager halten.

Es flackern rings über Thal und Höh Wachtfeuer in Hellen Mengen,

Und morgen wollen sie Tegrinsee Und Buren in Glut versengen.

Auf allen Pfaden starrt wildes verhau, verschüttet sind alle Brunnen,

Es klingt der Angstrnf von Gau zu Gau,

Die Hunnen kommen die Hunnen!

Und drinnen im Kloster zu Tegrinsee,

Da wurden verschlossen die Thore,

Da wurden vertheilt und gesegnet noch Die Waffen im nächtlichen Lhore.

Es brach der Neumond durch das Gewölk Und durch die Wipfel, die alten.

Es hat mein Ast als schwankender Zweig Den Schild der Hunnen gehalten.

Und als der Neumond wieder kam,

Da war es grausig zu lauschen

Da war kein Stein auf dem andern mehr,

Und nur die Wälder rauschen!

Die Ungarn, welche im isO. Jahrhundert ganz Deutschland verwüsteten, heißen noch heute ini volksninnd und selbst in der historischen Tradition dielzunncn", als deren Nachkommen sie betrachtet wurden.