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Die KrmgersnoLH in Indien.
Während in Europa unsere Theilnahme und unser Mitgefühl durch die furchtbaren Leiden, welche der Krieg in der Türkei mit sich bringt, schon in ungewöhnlichem Maßstabe in Anspruch genommen werden und die Mildthätigkeit die entsetzliche Noth, welche unter Christen wie Mohammedanern dort ! herrscht, zu lindern bestrebt ist, eröffnet sich dem schaudernden ! Blicke wieder eine andere Stätte, an der menschliches Elend ^ uns fast noch grauenhafter als auf den Stätten des Krieges j entgegentritt. Wir meinen Südindien, das Land der Diamanten ! und Edelsteine, wo viele Millionen Menschen augenblicklich dem Hungertods ins Auge schauen und eine jener entsetzlichen ! .Kalamitäten herrscht, die mit einer nur zu sicheren Regelmäßig- ! keit von Zeit zu Zeit sich dort wiederholen.
Die Ernten und damit die Existenz der vorzugsweise von Reis lebenden indischen Bevölkerung hängen einzig und allein vom Eintreffen der tropischen Regengüsse ab, die zugleich mit den regelmäßig wechselnden Winden dieses Landes, den Monsunen, eintreten. Es geschieht, daß zuweilen diese Regengüsse ansbleiben oder, noch ehe sie Indien erreichen, ins Meer fallen, fo daß der Boden nicht bestellt und eine Ernte nicht erzielt werden kann. Da andere Existenzmittel als der Ackerbau in vielen Gegenden mangeln, tritt dann allemal Noth und Elend ein. Schon im Oktober und November des verflossenen Jahres war der Nordostmonsun ausgeblieben, und die Aussichten waren sehr trübe, doch tröstete man sich, daß im Juni und Juli mit dem Südwestmonsun neuer Regen kommen und die vorübergehende Hungersnot!) dann aufhören werde. Aber auch diesmal ist kein Regen gefallen, und der Jammer, der Hunger, die Krankheiten erreichten einen solchen Grad, daß die Regierung, welche hier natürlich einschreiten mußte, alle Hände voll zu thun bekam. Eine Hungersnoth, wie sie bei uns lokal in Schlesien, in Ostpreußen, in Ungarn vorkommt, läßt sich aber durchaus nicht mit dem Unglück, wie es jetzt in Indien herrscht, vergleichen.
In einem Lande wie Indien, wo die Verkehrsverhältnisse keineswegs so entwickelt sind wie bei uns, ist es natürlich auch mit großen Schwierigkeiten verknüpft, in die von der Hungersnoth betroffenen Gegenden Nahrungsmittel zu senden. Allerdings besitzt Ostindien schon 9500 Kilometer Eisenbahnen, aber gerade in den von der Noth heimgesuchten Distrikten sind die Linien nur dünn und langgezogen. Das Betriebsmaterial genügt nicht, um all den nöthigen Reis zu befördern, und das neu in England bestellte Wagenmaterial muß erst die weite Seereise machen. Was kann aber bis zum Eintreffen desselben nicht alles geschehen! So hat die ostindische Eisenbahngesellschaft fünfzig, die Madrasbahn zwanzig, die Great Jndia Peninsular-Gesellschaft vierzig neue Lokomotiven blos mit Rücksicht auf die Hungersnoth bestellt. Von den nördlichen Bahnen sind siebenunddreißig Maschinen und fünfhundert Güterwagen nach dem Süden gebracht und somit das Betriebsmaterial wesentlich erhöht worden; aber das alles hilft nicht viel. Dampfer bringen aus allen Gegenden nach den Häfen der unglücklichen Nothdistrikte Reis — wenn derselbe aber auch in Madras anlangt, so tritt die große Frage der Weiterbeförderung auf. Unwillkürlich fallen uns da die Worte des Shylok aus dem Kaufmann von Venedig ein, der auf schwimmende Schiffsladungen nichts gab: „Es gibt Landratten und Wasserratten, es gibt Diebe zu Lande und zu Wasser und dann die Gefahr von Wasser, Stürmen, Klippen!" Der Reis, der in kolossalen Mengen in Madras gelandet wird, liegt dort Wochen lang, da die Eisenbahn nicht im Stande ist, ihn ins Innere zu verfrachten. Dabei fehlt es an Magazinen, um ihn unterzubringen. Dein mitfühlenden Menschen aber wendet sich das Herz um beim Anblicke dieser so daliegenden Massen, während nur wenige Meilen davon tausende Hungers sterben. Wird der Reis endlich vom Landungsplätze nach der Eisenbahn gebracht, womit tausende von Menschen beschäftigt sind, so gelangt gewiß ein Viertel weniger dorthin, denn jeder Lastträger ist hungrig und jeder greift in die vollen Säcke und stiehlt sein Theil daraus für die darbende Familie.
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Ges. v. ii./vi. 70.
Außer dem Reis kommen noch zwei Mehlfrüchte in Betracht, die dem Volke als Hauptnahrungsmittel dienen: Ragi und Cholum, letzteres eine Art Mais. Auch die Preise dieser beiden Früchte sind gleich jenem des Reises unerschwinglich geworden. Sie werden in Gebinden verkauft, von denen jedes achtzig Rupien wiegt. Die Rupie ist dort nämlich zugleich Gewicht und Geldstück im Werthe von zwei Mark, so daß dort Jedermann in der Rupie zugleich seine Geld- und Gewichtseinheit in der Tasche hat. Um nun zu zeigen, wie die Preise in die Höhe gegangen sind, bemerken wir, daß vor zwei Jahren für eine Rupie durchschnittlich 31 „Svers" Ragi oder Cholum gegeben wurden, im August dieses Jahres aber nur 7^. Das bedeutet genau eine Vervierfachung der Preise.
Wäre auch Nahrung in genügender Menge vorhanden, so müßte doch schon diese große Theuerung allein die größten Nothstände erzeugen. Und sie sind denn auch in der That in der furchtbarsten Weise vorhanden. „Sie haben," schreibt ein Engländer aus Bangalur, „keine Vorstellung davon, was es heißt, wenn in Indien dreimal der Regen ausbleibt. Es bedeutet einfach den Tod von zehntausenden und aber zehntan- senden." Alle Mittel, welche die Regierung ergriff, waren nicht genügend, um dem Jammer und Elend Einhalt zu thun, und die 120,000 Pfund Sterling, welche (bis Anfang September) in England für die Hungernden gesammelt waren, können auch nur einen kleinen Theil des Unglücks beseitigen.
Die indische Regierung greift entweder direkt ein und speist auf ihre Kosten die Nothleidenden oder sie läßt öffentliche Arbeiten ausführen. Nach telegraphischen Berichten vom 5. September ans Calcutta wurden in der Präsidentschaft Madras 901,227 Personen bei den öffentlichen Arbeiten beschäftigt, während 1,430,875 täglich aus Staatsmitteln gespeist wurden. In der Präsidentschaft Bombay betrug die Zahl der ersteren 278,731, der letzteren 125,960. In Mysore 49,000 und 213,000. Man sieht also aus diesen drei Beispielen schon, daß es sich um mehrere Millionen Menschen handelt, die dem Hungertode ins Angesicht schauen.
Die einzelnen Berichte und Schilderungen, die aus dem Sitze des Elends zu uns gelangen, klingen denn auch in der That grauenhaft und sind wohl geeignet, unser Mitgefühl in Anspruch zu nehmen. Deutsche Missionare, die in Ostindien zahlreich thätig sind und dort blühende Gemeinden um sich versammelt haben, werden gleichfalls hart betroffen. Missionar Baierlein, der in Bangalur ansässig ist, hat an die Redaktion der „Allgemeinen Missions-Zeitschrift" (trefflich redigirt von Dr. G. Warneck) einen Bericht gesandt, aus dem die ganze Größe der Noth hervorgeht und aus dem wir einiges mittheilen wollen.
Auf dem Lande, heißt es da, feiert der Ackerbau und fo sind die Leute ohne Arbeit und ohne Verdienst. Die täglich an die darbenden Menschen ausgetheilte Ration Reis von einem Pfund auf den Kopf genügt nicht, fo daß diese Art der Ernährung nur eine Hinausschleppung des Hungertodes ist. Der Sanitäts-Kommissar von Madras, Dr. Cornish, der das Land bereiste, um der Regierung Bericht zu erstatten, schreibt über die Zustände, welche er fand, folgendermaßen: „Ich kam nach Munduapally und fand, daß 5000 Arbeiter zu meiner Inspektion versammelt waren. Nach meinem Urtheile waren nicht mehr als 20 Prozent derselben im normalen Zustande, ungefähr 50 Prozent, obwohl noch arbeitsfähig, waren nicht mehr in gutem Zustande, und mehr als 30 Prozent gaben deutliche Zeichen von Noth und Verhungern, die, wenn nicht aufgehalten, ganz sicher zur Erkrankung und zum frühen Tode führen muß. Ein großer Theil war in Lumpen gehüllt. Cholera, Blattern und Hungerdiarrhoe gehen im Schwange, sowohl unter den Kulis, wie unter der übrigen Bevölkerung. Ich habe es oft bedauert, keinen Photographen mit mir herumgeführt zu haben, denn Worte können im besten Falle nur sehr schwach den wirklichen Zustand beschreiben. Aber wenn die Mitglieder der Regierung diese lebendigen Skelette sehen könnten, wie ich sie sehe, so denke ich, würde man ohne Zögern zu dem Beschlüsse