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Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen.
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XIV. HlltjrMNH. Ausgkgclicn mn 19. Jamwr 1878. Der Jahrgang laust vam Oktober 1877 bis dahin 1878. 18?8. 10.
Nachdruck verboten. Ges. v. 11./VI. 70.
VI. Am Kamin.
Punkt fünf Uhr war Krist vorgesahren; Berndt liebte nicht zn warten. Bon den Kindern hatte er kurzen Abschied genommen, um feiner Schwester auf Schloß Guse, oder der „Tante Amölie", wie sie im Hohen-Victzer Hause hieß, einen nachbarlichen Besuch zu machen. Daß er noch am selben Abend zurückkehren werde, war nicht anzunehmen; er hatte vielmehr angedeutet, daß aus der kurzen Ausfahrt eine Reise nach der Hauptstadt werden könne. Die Unruhe seiner Empfindung trieb ihn hinaus. Den Weihnachtsaufbau, wie seit Jahren, hatte er sich auch heute nicht nehmen lassen wollet!, aber kaum frei, im Gefühl erfüllter Pflicht, schlugen seine Gedanken die alte Richtung ein. Es drängte ihn nach Aktion, oder doch nach Einblick in die Welthandel; ein Bedürfnis;, das ihm die Enge seines Hauses nicht befriedigen konnte. In der Unterhaltung, das hatte Lewin bei Tische empfunden, that er sich Zwang an, und das Gefühl davon nahm auch dem Gespräch der Kinder jede freie Bewegung. Eine gewisse Befangenheit griff Platz. So kam es, daß man die Abwesenheit des Vaters, bei aufrichtigster Liebe zn ihm, fast wie eine Befreiung empfand; Herz und Zunge konnten ihren Weg gehen, wie sie wollten. Unsere Hohen-Vietzer Geschwister empfanden übrigens, wie kaum erst versichert zn werden braucht, nicht kleiner oder selbstsüchtiger, als andere im Lande; sie wollten nur nicht gezwungen sein, über den „Bösesten der Menschen" immer wieder und wieder zu sprechen, als wäre nichts Sprechenswerthes in der Welt als dieser eine.
Sie hatten sich sammt Tante Schorlemmer im Wohnzimmer eingefunden und saßen jetzt, es mochte die siebente Stunde sein, um den hohen altmodischen Kamin. Mit ihnen war Marie, die Freundin Renatens, des reichen Kniehase dunkeläugige Tochter, deren Besuch für diesen Abend angekündigt war. Jede der drei Damen war nach ihrer Weise beschäftigt. Renate, dem Kamin zunächst sitzend, hielt einen Palmen- fächcr in der Rechten, mit dem sie die Flamme bald anzn-
XIV. Jahrgang. 16. -M.
Wor dem Simm.
Historischer Roman von Theodor Fontane.
(Fortsetzung.)
fachen, bald sich gegen dieselbe zn schützen suchte; Tante Schorlemmer strickte mit vier großen Holznadeln an einem Shawl, der wie ein Vließ neben ihrem Lehnstuhl niederfiel; Marie blätterte neugierig in einer grönländischen Reisebeschreibnng, die ihr Tante Schorlemmer zum heiligen Christ bescheert und mit einem Widmungsverse ans Zinzendorf ausgestattet hatte. Zwischen Marie und Lewin, aber keineswegs als eine Scheidewand, stand der Weihnachtsbaum, den Jeetze von der Halle her herein getragen hatte. Das Plündern, das Sache Lewins war, nahm eben seinen Anfang. Jede goldene Nuß, die er pflückte, warf er in hohem Bogen über die Spitze des Baumes fort, an dessen entgegengesetzter Seite Marie mit glücklicher Handbewegung danach haschte. Im Werfen und Fangen jedes gleich geschickt.
Lewin freute sich dieses Spieles; zudem war er von Alters her nie besserer Laune, als wenn er sich den Süßigkeiten des Weihnachtsbaumes gegenüber sah. Das Naschen war sonst nicht seine Sache, aber die Pfennigreiter, die Nonnen, die Fische, machten ihn kritiklos und ließen ihn einmal über das andere versichern, „daß in dem plattgedrücktesten Pfefferkuchenbild immer noch ein Tropfen vom himmlischen Manna sei".
Die gute Laune Lewins steigerte sich bald bis zu Neckerei, unter der niemand mehr zn leiden hatte, als Tante Schorlemmer. „Du sollst den Feiertag heiligen," rief er ihr zu und wies dabei auf die vier hölzernen Stricknadeln, die, wie sich von selbst versteht, nach dieser scherzhaften Reprimande nur um so eifriger zu klappern begannen. Endlich wurde es ihr zn viel. Sie verfärbte sich und resolvirte kurz: „meine Grönländer können nicht warten."
Tante Schorlemmer war eine Herrnhuterin. Eines Tages,
das lag nun dreißig Jahre zurück, war ihr, der damaligen Schwester Brigitte, Mittheilung gemacht worden, daß Bruder Jonathan Schorlemmer, zur Zeit in Grönland, eine eheliche Gefährtin wünsche, bereit, ihm in seinem schweren Werke zur Seite zu stehen. Sie hatte diesem Rufe gehorsamt, ihre Wäsche