Heft 
(1878) 16
Seite
250
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gezeichnet und war mit dem nächsten dänischen Schiss von Ham­burg aus gen Norden gefahren. An einem Tage, der keine Nacht hatte, war sie in Grönland gelandet, Bruder Schor- lemmer hatte sie empfangen und ihren Bund persönlich ein­gesegnet. Die Ehe blieb kinderlos, dessen sich jedoch beide in christlicher Ergebung getrösteten. So vergingen ihnen zehn glückliche Jahre. Zu Beginn des elften starb Jonathan Schor- lemmer an einem Lnngenkatarrh und wurde in einem mit Sce- hundsfeld beschlagenen Sarge begraben. Seine Wittwe aber, nachdem sie die Bevölkerung mit allem was sie hatte, beschenkt und jedem einzelnen versichert hatte, ihn nie vergessen zu wollen, kehrte mit dem Grönlandschiff zunächst nach Kopenhagen und von dort aus in die deutsche Heimat zurück.

In die deutsche Heimat, aber nicht nach Herrnhut. Auf der weiten Rückreise Berlin berührend, wo ihr einige Anver­wandte lebten, beschloß sie, im Kreise derselben zn verbleiben und bezog in jenem Stadttheile, der fünfzig Jahre früher den einwandernden böhmischen Brüdern und Herrnhutern als Wohn- platz angewiesen worden war, ein bescheidenes Quartier. In diesen kleinen Häusern der Wilhelmsstraße würde sie ihr stilles und treues Leben sehr wahrscheinlich beschlossen haben, wenn ihr nicht eines Tages ein Blatt ins Hans geflogen wäre, ans dem sie das folgende las:Eine ältere Frau, am liebsten Wittwe, wird zur Führung eines Haushaltes auf dem Lande gesucht. Eine Tochter von zwölf Jahren soll ihrer besonderen Obhut anvertrant werden. Bedingungen: Verträglichkeit und Christlichkeit. Anfragen sind zu richten an: B. v. V., posts r68tants Küstrin." Tante Schorlemmer schrieb; alles Geschäft­liche erledigte sich schnell. Um Weihnachten 1806 traf sie in Hohen-Vietz ein, in dessen Herrenhanse gerade damals ein trübes Christfest gefeiert wurde. Man trat sich gegenseitig ver- traunngsvvll entgegen, und nach wenig Wochen schon begann der Einfluß unserer Freundin sich geltend zn machen. Nicht das Glück, aber Ruhe und Friede waren in ihrem Geleit. Renate hing ihr an, Lewin verehrte ihre Fürsorge, Berndt von Vitzewitz hatte einen tiefen Respekt vor ihrem Herrnhiiter- thnme.

Und darin unterschied er sich freilich von seinen Kindern. Diese beugten sich wohl vor der Aufrichtigkeit, aber nicht vor der Tiefe von Tante Schorlemmers christlichem Gefühl. Ihre Leidenschaftslosigkeit, die dem Vater so wohl that, erschien den Geschwistern einfach als Schwäche. Nach Ansicht beider ge­brauchte sie ihr Christenthum wie eine Hausapotheke; und darin lag etwas Wahres. Für gewöhnliche Fälle hatte sic das 8a1 Söäatieuui Loäalivnin einer frommen Alltagsbetrachtuttg, wie Rechte Treu kennt keine Scheu" oderSo dunkel ist keine Nacht, daß Gottes Auge nicht drüber wacht"; für ernstere Fälle jedoch griff sie nach dem starken und nervenerfrischcnden 8a1 volatilo irgend eines Kraftspruches:Was will Satan und seine List, wenn mein Herr Jesus mit mir ist." Das unter­scheidende Merkmal zwischen den schwachen und starken Mitteln bestand im wesentlichen darin, daß in den letzteren jedesmal der Böse heransgefordert und ihn: die Nutzlosigkeit seiner An­strengungen entgegen gehalten wurde. Alle diese Sprüche aber, ob schwach oder stark, wurden eben so sehr im festen Glauben an ihre innewohnende Kraft, wie mit der äußersten Seelen­ruhe vvrgetragen. Und da steckte die Schuld, oder doch das, was den Geschwistern als Schuld erschien. Diese Seelenruhe, die sich neben dem Maß geforderter Theilnahme oft wie Theil- nahmlosigkeit ausnahm, reizte die jungen Gcmüther und stellte ihre Geduld auf manche harte Probe. Berndt verstand dies stille Christenthum besserund hatte an sich selbst erfahren, daß der Trost aus dem Worte Gottes mehr war, als der Worte­trost der Menschen.

So war Tante Schorlemmer. Das Scherzen über ihre vorgeblich freie Stellung zum dritten Gebot, hatte sie einen Augenblick ernstlich verdrossen; Lewin aber, ohne dessen zn achten, fuhr in seinen Neckereien fort:Unsere Freundin scheint übrigens keine Ahnung zu haben, welch hoher Besuch inzwischen vor dem Herrnhuter Gemeindehause gehalten hat."

Wer?" riefen die beiden Mädchen.

Niemand Geringeres als Napoleon selbst. In der Nacht

vom elften zum zwölften. Und die Herrnhuter haben wieder versäumt, sich heroisch in die Weltgeschichte cinzuführen. Sie haben den Kaiser angegafft, so weit es bei Nacht und Schnee­treiben möglich war, und haben ihn weiter fahren lassen. Das macht, weil der herrnhutische Muth im Auslande lebt, in China, in Grönland, in Hohen-Vietz. Uebcrall ist er, nur nicht da­heim. Tante Schorlemmer, dessen bin ich gewiß, hätte ihn ver­haften und als Weltfriedensbrecher vor Gericht stellen lassen."

Die Angeredete drohte mit einer ihrer großen Nadeln zn Lewin hinüber, dem es übrigens nahe bevorstand, sich aus dem Angriff in die Vertheidignng gedrängt zu sehen. DerEm- pereur" war nicht umsonst citirt worden; einmal in das Ge­spräch hineingczogen, gleichviel ob im Ernst oder Scherz, begann er seine Macht zn üben, -und Lewin, wenigstens mo­mentan des neckischen Tones vergessend, begann ein Bild jener fluchtartigen Reise zu geben, die den zum ersten Mal von seinem Gluck verlassenen Kaiser, in vierzehntägiger Fahrt von Smolensk bis in seine Hauptstadt znrückgeführt hatte. Er gab Altes und Neues, bei einzelnen Punkten länger verweilend, als vielleicht nöthig gewesen wäre.

Tante Schorlemmer und Marie waren der Erzählung auf­merksam gefolgt; Renate aber warf hin:Vorzüglich und wie belehrend! Ein wahrer Geueralbericht über russisch-deutsche Post­stationen. O, Ihr großstädtischen Herren, wie seid Ihr doch so schlechte Erzähler, und je schlechter, je klüger Ihr seid. Immer Vortrag, nie Geplauder!"

Sei's drum, Renate; ich will nicht widersprechen. Aber wenn wir schlechte Erzähler sind, so seid Ihr Frauen noch schlechtere Hörer. Ihr habt keine Geduld, und die Wahrnehmung davon verwirrt uns, läßt uns den Faden verlieren und führt uns, links und rechts tappend, in die Breite. Ihr wollt Guck­kastenbilder: Brand von Moskau, Rostopschiu, Kreml, Ueber- gang über die Beresina, alles in drei Minuten. Die Erzählung, die Ench und Euer Interesse tragen soll, soll bequem wie eine gepolsterte Staatsbarkc, aber doch auch handlich wie eine Nuß­schale sein. Ich weiß wohl, wo die Wurzel des Uebels steckt: der Zusammenhang ist Ench gleichgiltig; Ihr seid Springer."

Renate lachte.Ja, das sind wir; aber wenn wir zu viel springen, so springt Ihr zu wenig. Eure Gründlichkeit ist be­leidigend. Immer glaubt Ihr, daß nur in der Weltgeschichte weit zurück seien, und wir wissen doch auch, daß der Kaiser­in Paris angekommen ist. O, ich könnte Bulletins von Hohen- Vietz ans datiren. Aber lassen Nur unsere Fehde, Lewin. Was ist cs mit den rotheu Scheiben im Schloßhof von Berlin? Irr der Zeitung war eine Andeutung; Kathinka schrieb ausführ­licher davon."

Was schrieb sie?"

Wie Du nur bist. Nun kümmert Dich wieder, was Ka­thinka schrieb. Daß ich so thöricht war, den Namen zu nennen."

Lewin suchte seine flüchtige Verlegenheit zu verbergen. Du irrst, ich schweife nicht ab; mich hat das Phänomen leb­haft beschäftigt. Es kam dreimal; am dritten Tage habe ich es gesehen."

Und was war es?"

An allen drei Tagen, etwa eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, erglühten plötzlich die oberen Fenster des alten Schloßhofes. Die Wachen meldeten cs. Da die Sonne längst unter war, so dachte man an Feuer. Aber cs fand sich nichts. Auf dem neuen Schloßhof blieben die Fenster dunkel. Die Leute sagen, es bedeute Krieg."

Ein leichtes Prophezeien," bemerkte Tante Schorlemmer ruhig.Wir hatten Krieg in diesem Jahre und werden ihn mit in das neue hinüber nehmen."

Ich glaube," fuhr Lewin fort,der ganze Vorgang wäre schnell vergessen worden, wenn nicht eines unserer Blätter, das Euch nicht zu Händen kommt, am zweitfolgenden Tage schon eine Geschichte gebracht hätte, die, bei allem Dunklen, ersicht­lich darauf berechnet war, der Erscheinung im Schloß eine tiefere Bedeutung zu geben, so etwas wie Zeichen und Wunder."

O erzähle!"

Ja. Aber Du darfst nicht ungeduldig werden."

Bist Du empfindlich?"