- 251
„Wohlan denn. Es ist eine Geschichte aus dem Schwedischen. Die Ueberschrift, die das Blatt ihr gab, war: Karl XI und die Erscheinung im Reichssaale zu Stockholm. Ich bürge nicht dafür, daß ich alles genau so wiedergebe, wie's in dem Blatte stand, aber in den Hauptstücken bin ich meiner Sache gewiß. Was man gern hat, behält man. „Gedächtniß ist Liebe/' sagte Tubal noch gestern, und selbst Kathinka stimmte bei."
Bei dem Namen Tubal kam das Erröthen an Renate. Lewin aber, als ob er es nicht bemerkt habe, fuhr fort: „Karl XI. war krank. Er lag schlaflos, zu später Stunde, in seinem Zimmer und sah nach der anderen Seite des Schloßhofes hinüber, auf die Fenster des Reichssaales. Bei ihm war niemand als der Reichsdrost Bjelke. Da schien es dem König, daß die Fenster des Reichssaäles zu glühen begannen und darauf hindeutend, fragte er den Reichsdrosten: „Was ist das für ein Schein?" Der Reichsdrost antwortete: „Es ist der Schein des Mondes, der gegen die Fenster glitzert." In demselben Augenblick trat der Reichsrath Oxenstierna herein, um sich nach dem Befinden des Königs zu erkundigen, und der König, wieder auf die glühenden Scheiben deutend, fragte den Reichsrath: „Was ist das für ein Schein? Ich glaube, das ist Feuer." Auch der Reichrath antwortete: „Nein, Gott lob, das ist es nicht; es ist der Schein des Mondes, der gegen die Fenster glitzert." Die Unruhe des Königs wuchs aber, und er sagte zuletzt: „Gute Herren, da geht es nicht richtig zu; ich will hingehen und erfahren, was es sein kann." Sie gingen darauf einen Korridor entlang, der an den Zimmern Gustav Erichsohns vorüber führte, bis daß sie vor der großen Thüre des Reichssaales standen. Der König forderte den Reichsdrosten auf, die Thür zu öffnen, und als dieser bat, in dieser Nacht die Thür geschlossen zu lassen, nahm der König selbst den Schlüssel und öffnete. Als er den Fuß auf die Schwelle setzte, trat er hastig zurück und sagte: „Gute Herren, wollt Ihr mir folgen, so werden wir sehen, wie es sich hier verhält; vielleicht, daß der gnädige Gott uns etwas offenbaren will." Sie antworteten: „Ja."
Hier wurde Lewin unterbrochen. Jectze trat ein, um eine Schale mit Obst auf den Tisch zu stellen, Erdbeeräpfel und Gravensteiner, die in Hohen-Bietz vorzüglich gediehen. Tante Schorlemmer benutzte die Unterbrechung, um einige wirth- schaftliche Ordres zu geben, Renate aber bemerkte: „Ich vermisse die Beziehungen; aber freilich, je geheimnißvoller, desto anregender für die Phantasie."
Lewin nickte zustimmend. „Dieser Eindruck wird sich bei Dir steigern." Dann fuhr er fort: „Als König Karl und die beiden Räthe eingetreten waren, wurden sie eines langen Tisches gewahr, an dein eine Anzahl ehrwürdiger Männer saßen, in ihrer Mitte ein junger Fürst; als solchen bezeichnete ihn der Thron, der mit Wappenschildern und rothen Teppichen behängen, immittelbar in seinem Rücken aufgerichtct war. Es war ersichtlich, inan saß zu Gericht. Am unteren Ende des Tisches stand ein Richtblock und um den Block her, in weitem Halbkreis, standen Angeklagte, reich gekleidet, aber nicht in der Tracht, die damals in Schweden getragen wurde. Die zu Gericht sitzenden Männer zeigten auf die Bücher, die sie in Händen hielten; sie wollten dem jungen Fürsten nicht zu Willen sein, der aber schüttelte hochmüthig den Kopf und wies an das untere Ende des Tisches, wo jetzt Haupt um Haupt fiel, bis das Blut längs dem Fußboden fortznströmen begann. König Karl und seine Begleiter, wandten sich voll Entsetzen von dieser Scene ab; als sie wieder hinblickten, war der Thron zusammen- gebrochen. Der König aber, indem er des Reichsdrosten Bjelke Hand ergriff, rief laut und bittend: „Welche ist des Herren Stimme, die ich hören soll? Gott, wann soll das alles geschehen?"
Und als er Gott zum dritten Male angernfen hatte, klang ihm die Antwort: „Nicht soll dies geschehen in Deiner Zeit, wohl aber in der Zeit des sechsten Herrschers nach Dir.
Es wird ein Blutbad sein, wie nie dergleichen im schwedischen Lande gewesen. Dann aber wird ein großer König kommen, und mit ihm Frieden und eine neue Zeit." Und als dies gesprochen war, schwand die Erscheinung. König Karl hielt sich
mühsam. Dann, über denselben Korridor, kehrte er in sein Schlafgemach zurück. Die beiden Räthe folgten."
Lewin schwieg. Im Wohnzimmer war es still geworden; der Fächer ruhte, selbst die Stricknadeln ruhten; jeder blickte vor sich hin. Nach einer Pause fragte Renate: „Wer war der sechste Herrscher in Schweden?"
„Gustav IV; sein Thron ist zusammengebrochen."
„So hältst Du das Ganze für echt und ehrlich, für eine wirkliche Vision?"
„Ich sage nicht ja und nicht nein. Das Schriftstück, das über diesen Hergang berichtet, liegt im Stockholmer Archiv. Es ist von des Königs Hand in selbiger Nacht geschrieben; seine beiden Begleiter haben es mitnnterzeichnet. Die Handschriften sind beglaubigt. Ich habe weder das Recht noch den Math, solchen Erscheinungen die Möglichkeit abznsprechen. Laß mich sagen, Renate, wir haben nicht das Recht."
Lewin betonte das „wir". Dann aber wandte er sich, einen scherzhaften Ton wieder ausnehmend, an Tante Schorlemmer und Marie, und drang in sie, ihren Glauben oder Unglauben solchen Erscheinungen gegenüber anszusprechen.
Marie stand auf. Jeder sah erst jetzt, welchen tiefen Eindruck die Erzählung ans sie gemacht. Sie drückte die Tannenzweige, die sie mittlerweile, ohne zu wissen warum, zerpflückt hatte, zu einem Knäuel zusammen und warf alles in die halb- niedergebrannte Glut. Der rasch aufflackernden Flamme folgte eine Rauchwolke, in der sie nun, einen Augenblick lang, selbst wie eine Erscheinung stand, nur die Umrisse sichtbar und die rothen Bänder, die ihr über Haar und Nacken sielen. Es bedurfte ihrerseits keines weiteren Bekenntnisses; sie selber war die Antwort auf die Frage Lewins.
Tante Schorlemmer aber, die Stricknadeln wieder ausnehmend, schüttelte unmuthig den Kopf, und citirte dann, als ob sie ein Gespenster beschwörendes Vaterunser vor sich hinbete, mit rascher und deutlicher Stimme:
Unter Gottes Schirmen Laß den Satan wittern,
Bin ich vor den Stürmen Laß den Feind erbittern,
Alles Bösen frei. Mir steht Jesns bei.
VII. Im Kruge.
Dorf Hohen-Vietz (es hatte auch „ausgebaute Loose") beschränkte sich in seinem Jnnentheil auf eine einzige langgestreckte Straße, die, dem Fuße des Hügels folgend, nach Norden hin mit dem Vitzewitzeschen Rittergutc, nach Süden hin mit einem großen Mühlengehöft abschloß.
Das Rittergut, soweit seine Baulichkeiten in Betracht kommen, bestand aus zwei hufeisenförmigen Hälften, von denen die eine sich aus den drei Flügeln des Herrenhauses, die andere ans Ställen und Scheunen des gutsherrlichen Gehöftes zn- sammensetzte. Die offenen Seiten beider Hufeisen waren einander zugekehrt, zwischen beiden lief ein zugleich als Auffahrt dienender Steindamm, der in seiner Verlängerung hügelansteigend in die mehrgenannte Nußbaumallee überging.
Freundlicher noch als das Rittergut lag die Mühle, die eine Oel- und Schneidemühle war. Ein Wasser, das mit starkem Gefälle am Dorf vorüberfloß, trieb beide Werke. Jetzt war der Bach gefroren. Schnee und Eis aber, die in phantastischen Formen an den großen Triebrädern hingen, steigerten, wenn nicht den idyllischen, so doch den malerischen Reiz des weitschichtigen, aus Häusern, Schuppen und Lagerräumen bunt zusammengewürfelten Gehöftes.
Rittergut und Mühle die Flügelpunkte; dazwischen die Straße, die ihre dreißig Häuser oder mehr, ziemlich unregelmäßig auf beide Seiten vertheilt hatte. Die linke Seite, die östliche, war die bevorzugte. Hier lagen die Pfarre, die Schule, der Schulzenhof, während die rechte Seite, die fast ausschließlich von Büdnern und Tagelöhnern bewohnt wurde, nur ein einziges stattliches Gebäude aufwies: den Krug.
In diesen treten wir jetzt ein. Er hatte nicht das Ansehen wie sonst wohl Dorfkrüge, dazu fehlte ihm der auf Holzfäulen ruhende, jedem vorfahrenden Wagen als Wetterdach dienende Giebelbau, vielmehr sprang eine doppelarmige, aus Backsteinen aufgemauerte Treppe vor, die fast ein Dritttheil der