unteren Hansfront ausfüllte. Auch das Geländer war von Stein. Dieser äußeren Erscheinung, die mehr städtisches als dörfisches hatte, paßte sich auch die innere Einrichtung an. Von den zwei Gastzimmern, die durch den fliesenbedeckten Flur getrennt waren, zeigte das eine mit seinen blankgescheuerten Tischen und hochlehnigen Schemelstühlen, in die ein Herz geschnitten war, allerdings noch den Krugcharakter, das andere aber mit Mnllgardinen und eingerahmten Kupferstichen, darunter Schill und der Erzherzog Karl, glich fast in allein einer Bürgerressourcenstnbe und hatte sogar einen Lesetisch, auf dem, neben dem Lebuser Amtsblatt, der Beobachter an der Spree und die berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen ansgebreitet lagen. Alles verrieth Behagen und Wohlhabenheit, und durfte es auch, denn über beides verfügten die Hohen-Vietzer Bauern, die hier ihr Solo spielten, in ausgiebigster Weise. Ihre Hörigkeit, wenn sie je vorhanden gewesen war, hatte in diesen Gegenden, wo dem herrenlosen Bruch- und Snmpflande immer neue Strecken fruchtbaren Ackers abgewonnen wurden, seit lange glücklicheren Verhältnissen Platz gemacht, und Berndt von Vitzewitz, weil er selbst frei fühlte, freute sich nicht nur dieser wachsenden Selbständigkeit, sondern kam ihr überall entgegen. Ein Ereigniß aus seinen jüngeren Jahren her hatte dazu beigetragen. Kurz vor dem 92er Feldzug, als er noch von seiner Garnison aus — einen Besuch in der Salzwedler Gegend machte, hatte ein Schloß-Tylsencr Knesebeck, ein ehemaliger Regimentskamerad, ihn vom Schloß aus ins Dorf geführt und dabei die Worte zu ihm gesprochen: „Seht, Vitzewitz, hier werdet Ihr etwas kennen lernen, was Ihr Euer Lebtag noch nicht gesehen habt: freie Bauern." Und diese Worte, dazu die Bauern selbst, hatten eines tiefen Eindrucks auf ihn nicht verfehlt. Das lag nun zwanzig Jahre zurück, war aber unvergessen geblieben und den Hohen-Vietzern mehr als einmal zu Gute gekommen.
Auch heute, am Weihnachtstage 1812, hatten sich einige bäuerliche Honoratioren, alles Männer von Mitte fünfzig und darüber, in der Gaststube versammelt. Es waren ihrer vier: Ganzbauer Kümmeritz, Anderthalbbaucr Kallies, Ganzbauer Neetzke und Ganzbancr Krull, lauter echte Hohen-Vietzer, die seit unvordenklichen Zeiten an dieser Stelle sessig, mit den Vitze- witzen das alte Höhendorf bewohnt und verlassen, dazu auch gemeinschaftlich mit ihnen die guten und schlechten Zeiten durch- gemacht hatten. Alle waren festtäglich gekleidet, trugen lange dunkelfarbige Röcke, und saßen, mit Ausnahme eines von ihnen, grade aufrecht in den breiten gartenstuhlartigen Holzsesseln, die zu acht oder zehn um einen großen rothbranngestrichenen Rund- tisch herum standen.
Als fünfter hatte sich ihnen der Wirth selber, der Krüger Scharwenka, zngesellt, der durch Erbschaft von Franensseitc her ein Doppelbauer und überhaupt der reichste Mann im Dorfe war, nichtsdestoweniger aber, trotz seiner sechshundert Morgen Brachacker unterm Pflug, nicht für voll und ebenbürtig angesehen wurde. Das hatte zwei gute Bauerngründe. Der eine lief darauf hinaus, daß erst sein Großvater, bei Urbarmachung des Oderbruchs, mit andern böhmischen Kolonisten ins Dorf gekommen war; der andere wog schwerer und gipfelte darin, daß er, allem Abmahnen zum Trotz, von dem wenig angesehenen Geschäft des „Krügerns" nicht lassen wollte. Scharwenka, so oft dieser heikle Punkt zur Sprache kam, pflegte sich aus seinen Großvater selig zu berufen, der ihn: von Kindesbeinen an beigebracht habe: Dukaten seien nie despektirlich. Der eigentliche Grund aber, warum er den Bierschank und das „Knechte bedienen" nicht aufgeben wollte, lag keinesweges bei den Dukaten. Es war dem reichen Doppelbauer viel weniger um den hübschen Krugverdienst, als um die tagtägliche Berührung mit immer neuen Menschen zu thun; das Plaudern, vor allem das Horchen, das Bescheidwissen in anderer Leute Taschen, das war es, was ihn bei der Gastwirthschaft festhielt. Er setzte seinen Stolz darin, die Nachricht von einer bäuerlichen durch die Verhältnisse nothwendig gewordenen Mesalliance vierundzwanzig Stunden früher zu haben als jeder andere. Sub- hastationen konnte er voraus berechnen wie die Kalendermacher das Wetter; seine eigentliche Spezialität aber waren die der
Feuerlegung verdächtigen Windmiiller. Die Liste, die er darüber führte, umfaßte so ziemlich das ganze Gewerk.
So Krüger Scharwenka.
Seinen Platz hatte er gerade der Thüre gegenüber genommen, um jeden Eintretenden sehen und begrüßen zu können. Unmittelbar neben ihm saßen Reetzke und Krull, die schon seit einer Stunde rauchten und schwiegen, ganz im Gegensatz zu Kümmeritz und Kallies, die beide von den Gesprächigen waren. Auch von ihnen ein Wort.
Ganzbauer Kümmeritz trotz seiner Fünfzig, hatte durchaus die Haltung und das Ansehen eines alten Soldaten. Und beides kam ihm zu. Er war erst Grenadier, dann Gefreiter im Regiment Möllendorf gewesen, hatte die Rheincampagne mitgemacht und zweimal die Weißenburger Linien mit erstiegen. War dann bei Kaiserslautern verwundet worden und hatte den Abschied genommen. Er vertrat in diesem Kreise, neben dem Schulzen Kniehase, der heute zufällig ausgebliebcu war, die Traditionen der preußischen Armee, kontrolirte den Kaiser Napoleon, malte seine Schlachten auf den Tisch, und hielt die Ansicht aufrecht, daß Jena, „wo wir den Sieg ja schon in Händen hatten", nur durch einen Schabernack verloren gegangen sei.
Das volle Gegcntheil von Kümmeritz war Anderthalbbaner Kallies, ein schmalschultriger, langanfgeschossener Mann. Geistig regsam, aber schwach und widerstandslos von Charakter, mußte er es sich gefallen lassen, geneckt und gehänselt zu werden, wozu schon, alles andere unerwvgcn, sein Beiname herausznfordern schien. Er war nämlich, als er kaum laufen konnte, in eine große Nahmbutte oder Sahnenschüssel gefallen und hieß seitdem in sehr bezeichnender Weise „Sahnepott". Denn es war ihm sein Lebelang etwas Milchernes geblieben.
Alle fünf dampften jetzt ans langen holländischen Pfeifen; neben jedem lag ein Zündspan. Kallies hatte das Wort. Aus allem: ging hervor, daß eben ein anderer Gast, ein Reisender, ein Kaufmann wie es schien, das Zimmer verlassen haben mußte.
„Immer wenn ich ihn so stehen sehe," sagte Kallies mit Wichtigkeit, „fällt mir sein Vater, der alte Tigel-Schultzc ein; der stand auch immer so da, mit beiden Händen in den Hosentaschen, und war auch so ein schnackscher Kerl, und sah aus, als hätt' er den Gottseibeiuns beim Dreikart betrogen. Scharwenka, Du mußt ja den alten Tigel-Schultze auch noch gekannt haben."
Scharwenka nickte; Kümmeritz aber, der eben eine neugestopfte Pfeife anrauchte, sprach in kurzen Pausen vor sich hin: „Tigel-Schultze? Soll mich das Wetter, wenn ich den Namen all mein Lebtag gehört habe. Und bin doch auch ein Hohen- Vietzer Kind."
„Das war, als Du bei den Soldaten warst, Kümmeritz. So um die achtziger Jahre. Nachher war Tigel-Schultze tobt, wenn er überhaupt gestorben ist."
Kümmeritz, der wenigstens einen Theil seines wendischen Aberglaubens bei den Soldaten gelassen hatte, schmunzelte vor sich hin und sagte dann: „Sahnepott, keine Dummheiten.
Immer raisonnabel. Wer tvdt ist, ist todt. Spuken kann er; aber sterben muß er. Warum hieß er Tigel-Schultze?"
„Er hieß Schnitze. Aber alle Welt nanut' ihn Tigel- Schultze. Ich bin oft bei ihm gewesen, wenn ich ihm den Rübsen brachte. Immer baar Geld. Die Schwedter sagten: „Der hat gut bezahlen." Erstand dann hinterm Tisch, immer die Hände in den. Hosen, und sah einen so verflixt an, daß man ganz irre wurde. Aber nie kein Handel. Scharwenka, das mußt Du ja wissen."
Scharwenka nickte wieder. Sahnepott fuhr fort: „Die Comptoirstube sah aus wie ein Gefängniß, hoch, weiß, und Eisenstangen an: Fenster. Nichts war drin als drei Wandbretter, und auf den Brettern standen viele hundert Tiegel, große und kleine, irdene und thönerue, darum hieß er Tiegel-Schultze. Ein paar sahen schwarz aus und waren aus Kohle geschnitten."
„War er denn ein Schmelzer, ein Goldmacher?"
„Das war er, und für den Schwedter Markgrafen hat er manchen blanken Klumpen ausgeschmolzen. Als aber der Markgraf dachte, er könnt' es nun selber und hätte Schultzen alles abgesehen, da wollt er ihn bei Seite schaffen, lud ihn aufs