282
Unser Seidentopf war ein archäologischer Enthusiast trotz einen«, und ausgerüstet mit all den Schwächen, die von diesem Enthusiasmus so unzertrennlich sind wie die Eifersucht von der Liebe. Er phantasirte, er ließ sich hinters Licht führen; aber in einem unterschied er sich von der großen Armee seiner Genossen: er sammelte nicht, um zu sammeln, sondern um einer Idee willen. Er war Tendenzsammler.
Innerhalb der Kirche, wie Uhlenhorst sagte, ein Halber, ein Lauwarmer, hatte er, sobald es sich um Urnen und Todtentöpse handelte, die Dogmenstrenge eines Großinquisitors. Er duldete keine Kompromisse, und als erstes und letztes Resultat aller seiner Forschungen stand für ihr« unwandelbar fest, daß die Mark Brandenburg nicht nur von Uranfang an ein deutsches Land gewesen, sondern auch durch alle Jahrhunderte hin geblieben sei. Die wendische Invasion habe nur den Charakter einer Sturzwelle gehabt, durch die oberflächlich das eine oder andere geändert, dieser oder jener Name slavisirt worden sei. Aber nichts weiter. In der Bevölkerung, wie durch die Sagen von Fricke und Wotan bewiesen werde, habe deutsche Sitte und Sage fortgelebt, am wenigsten seien die Wenden, wie so oft behauptet werde, in die Tiefen der Erde eingedrungen. Ihre sogenannten „Wendenkirchhöfe", ihre Todtentöpse niedrigeren Grades, wolle er ihnen zugestehen, alles andere aber, was sich mit instinktiver Vermeidung des Oberflächlichen eingebohrt und eingegraben habe, alles was zugleich Kultur und Kultus ans- drücke, sei so gewiß germanisch, wie Teut selber ein Deutscher gewesen sei. Um diese Sätze drehte sich für ihn jede Debatte von Bedeutung. Er war sich bewußt, in seinen« archäologischen Museum durchaus unanfechtbare Belege für sein System in Händen zu haben, unterschied aber doch zwischen einem kleinen und einem großen Beweis. Der kleine war ihm persönlich der liebere, weil er der feinere war; er kannte jedoch die Welt genugsam, um den« blöden Sinn der Masse gegenüber je nach einem andern als nach dem großen Beweis zu greifen. Die Stücke, die diesen bildeten, befanden sich sämmtlich in den zwei großen Glasschränken des ^«-m«8 ti-i««iniüia.1is, waren jedoch selbst «nieder in unwiderlegliche und ganz unwiderlegliche getheilt, von denen nur die letzteren die Inschrift führten: „««Itima i-gUo öomnonuin". Es waren zehn oder zwölf Sachen, alle numerirt, zugleich mit Zetteln beklebt, die Citate aus Tacitus enthielten. Gleich Nr. 1 war ein Hauptstück, ein bronzenes Wildschweinsbild, auf dessen Zettel die Worte standen: InsiZ-no 8«ip6i'8titioni8 toi'llms gqmoi'Nlli Z'68tant, „ihren Götzenbildern gaben sie (die alten Germanen) die Gestalt wilder Schweine"
Die anderen Nummern wiesen Spangen, Ringe, Brnstnadeln, Schwerter auf, «voran sich als die Sanspareils und eigentlichen Prachtbeweisstücke der Sammlung drei Münzen aus der Kaiserzeit schlossen, mit den Bildnissen von Nero, Titus und Trajan. Die Trajansmünze trug um das lorbeergekrönte Haupt die Umschrift: „Iinx. 68.68. lli-ajWo Oxtimo", auf dem daneben liegenden Zettel aber hieß es: „gefunden zu Reitwein, Land Lebus, in einem Todtentopf". Das „in einem Todtentopf" war dick unterstrichen. Und von« Standpunkte unseres Freundes aus mit vollkommenem Recht. Denn es führte den Beweis, oder sollte ihn wenigstens führen, daß nicht alle Todtentöpse wendisch, vielmehr die „Todtentöpse höherer Ordnung" ebenfalls deutsch-semnonischen Ursprungs seien.
Auflehnung gegen so beredte Zeugen erschien unsere«««
Seidentopf unmöglich, und dennoch hatte er sie zu befahren,
«vobei es sich so glücklich oder so unglücklich traf, daß sein heftigster Angreifer und sein ältester Freund ein und dieselbe
Person «varen. Es sprach für beide, daß ihre Freundschaft
unter diesen Kämpfen nicht nur nicht litt, sondern immer wurzel- fester wurde; allerdings weniger ein Verdienst unseres Pastors, als seines gut gelaunten Antagonisten, der weltmännisch über der Sache stehend, nicht gewillt war, die Semnonen- und Lutizen- frage unter Drangebung vieljähriger herzlicher Beziehungen durchzufechten. In Wahrheit interessirte ihn die „Urne" erst dann, wenn sie anfing, die moderne Gestalt einer Bowle anzunehmen.
Dieser alte Freund und Gegner war der Justizrath Tur- gany aus Frankfurt a. O., der, ein Feind aller Prozeßverhand
lungen bei trockenem Munde, speziell in dein Prozeß „U««tiUi kontra, 86MNON68" manche liebe Flasche ansgestochen hatte, gelegentlich im Pfarrhause zu Hohen-Vietz, am liebsten aber im eigenen Hanse, nach dem Grundsätze, daß er über seinen eigenen Weinkeller am unterrichtetsten sei. Schon die Studentenzeit hatte beide Freunde, Mitte der siebziger Jahre, in Göttingen zusammen geführt, wo sie unter der „deutschen Eiche" Schwüre getauscht und Klopstocksche Bardengesänge recitirend sich dem Vaterlande Hermanns und Thusneldas auf ewig geweiht hatte««. Seidentopf war seiner«« Schwure treu geblieben. Wie damals in den Tagen jugendlicher Begeisterung erschien ihn« auch heute noch der Rest der Welt als bloßer Rohstoff für die Durchführung germanisch-sittlicher Mission; Turgany aber hatte seine bei Punsch und Klopstock geleisteten Schwüre längst vergessen, schob alles aus den ersteren und gefiel sich darin, wenigstens scheinbar, den Apostel des Panslavismus zu machen. Die Möglichkeit europäischer Regeneration lag ihr«« zwischen Don und Dnjepr und noch weiter ostwärts. „Immer," so hatte er bei ^ seiner letzten Anwesenheit in Hohen-Vietz versichert, „kam die i Verjüngung von den Ufern der Wolga, und wieder stehen «vir !
vor solchem Auffrischungsprozeß," halb scherz-, halb ernsthaft !
vorgetragene Paradoxien, die von Seidentops einfach als poli- ! tische Ketzereien seines Frenndes bezeichnet wurden.
XII. Besuch in der Pfarre.
Und es war der Justizrath Turgany, der heute, an« 2. Weihnachtsfeiertage 1812, in der Hohen-Vietzer Pfarre erwartet wurde, auch Lewin und Renate hatten zugesagt, mit ihnen Tante Schorlemmer und Marie.
Es dunkelte schon, als zunächst die Freunde ans dem Herrenhanse eintraten. Levin führte Tante Schorleminer, Renate und Marie folgten. Man begrüßte sich herzlich. Renate, die es warm fand, nahm ihr Shawltnch ab und stand einen Augenblick mit der Broschnadel in der Hand, wie in Verlegenheit, «vo sie dieselbe Hinthun solle. Dann öffnete sie den Glasschrank und legte die Nadel in eine der zerbrochenen Urnen. Sie war wie Kind im Hause. Alles lachte; Seidentopf stimmt mit ein.
„Sehen Sie, theuerster Prediger," hob Renate an, „wenn das nun ein Aschenregen wäre, «vas jetzt in Flocken vom Himmel fällt, welche Hypothesen gäbe das bei den Seidentopfs der Zukunft, diese Gemmenbrosche in einem wendischen Todten- kopf!"
„Nicht wendisch, ganz und gar «licht. Aber meine schöne Renate lockt «««ich nicht heraus," erwiderte Seidentopf gut gelaunt. „Ich erwarte Turgany noch und darf «««eine Kräfte nicht an Plänkeleien setzen, auch nicht an die verlockendsten. Aber wo nehmen «vir unseren Kaffee?"
„Hier, hier, im Studir- und Rauchzimmer," riefen die Stimmen durcheinander, mit besonderer Betonung des letzten Worts. Seidentopf lehnte ab. Renate aber bestand darauf. „Wir «vollen keine Opfer." ,
„Und wenn es ein solches «väre, je «««ehr Opfer, je mehr Glück."
„O «vie verbindlich! Ganz die gute alte Zeit. Und da bilden sich unsere Residenzler ein (ein schelmischer Blick Renatens streifte dabei Lewin), uns feine Sitte lehren zu wollen; hier ist ihr Lehnstuhl, hier in« Pfarrhause zu Hohen-Vietz."
Stühle wurden gestellt; man nahm Platz an einem Rnnd- tisch, der in die Camsim avobasoloZioa gerückt worden war, nnd eine ältliche Frau erschien, um den Kaffeetisch zu serviren.
Sie wurde sofort und in einer Weise von allen Anwesenden begrüßt, die über ihre Wichtigkeit innerhalb der Hohen-Vietzer Pfarre keinen Zweifel ließ. Ihrer Geburt und Haltung nach hätte sie freilich noch den Friesrock und das schwarzseidene Kopftuch tragen müssen, alle Haushälterinnen aber wachsen schließlich über sich hinaus, und die Hohen-Vietzer machte keine Ausnahme.
Sie nahm allerhand kleine Huldigungen in Anspruch, und erwartete beispielsweise von Seiten der Gäste ein auszeichnendes Entgegenkommen, später von Seiten ihres Pastors die Aufforderung, an der festlichen Tafel theilzunehmen. Aber hier-