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, Ein deutsches Fnmiliendlatt mit Iltustentinnen.
Erscheint wöchentlich und ist durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 2 Mark zu beziehen.
Kann im Wege des Buchhandels auch in Heften bezogen werden.
UV. ^ülltlNMIlH. Ausgcgcben am 2. Februar 1878. Der
um
Utober 1877 bis dahin 1878. 1878. ^17 18.
Wor dem Sturm.
Historischer Roman von Theodor Fontane.
Nachdruck verboten. Ges. v. II,/VI. 70.
(Fortsetzung.)
Xt. Prediger Seidentopf.
In der Mitte des Dorfes, neben dem Schulzenhof, lag die Pfarre, ein über hundert Jahre altes, etwas zurück gebautes Giebelhaus, das an Stattlichkeit weit hinter den meisten Bauerhösen zurückblieb. Es war das einzige größere Haus im Dorfe, das noch ein Strohdach hatte. Zu verschiedenen Malen war davon die Rede gewesen, dieses der Dorfgemeinde sowohl um ihres Pastors wie um ihrer selbst willen despektirlich erscheinende Strohdach durch ein Ziegeldach zu ersetzen; unser Freund Seidentopf aber, der in diesem Punkte wenigstens ein gewisses Stilgefühl hatte, hatte beständig gegen solche Modernisirung protestirt. „Es sei gut so, wie es sei." Und darin hatte er vollkommen Recht. Es war eben ein Dorfidyll, das durch jede Aenderung nur verlieren konnte. Der Giebel des Hauses stand nach vorn; dicht unter dem Strohdach hin lief eine Reihe kleiner, überaus freundlich blickender Fenster, während die Fachwerkwände bis hoch hinauf mit Bretern bekleidet und den ganzen Sommer über mit Wein, Pfeifenkraut und Spalierobst überdeckt waren. Neben der Hausthüre stand ein Rosenbaum, der, bis an den First hinauf wachsend, im ganzen Oderbruche berühmt war wegen seines Alters und seiner Schönheit. Auch das winterliche Bild, das die Pfarre bot, war nicht ohne Reiz. Eine mächtige Schneehanbe saß auf seinem Dache, während die niedergelegten, mit Stroh umwundenen Weinranken, dazu die Matten, die sich schützend über dem Spalierobst ausbreiteten, dem Ganzen ein sorgliches und in seiner Sorglichkeit wohnlich anheimelndes Ansehen gaben.
Dem entsprach auch das Innere. Der Hausthür gegenüber, an der entgegengesetzten Seite des langen, fast durch das ganze Haus hinlaufenden Flurs, befand sich die Küche, deren aufstehende Thüre immer einen Blick auf blanke Kessel und flackerndes Herdfeuer gönnte. Die Zimmer lagen nach rechts hin. An der linken Flurwand, die zugleich die Wetterwand des Hauses war, standen allerhand Schränke, breite und schmale, alte und neue, deren Simse mit zerbrochenen Urnen garnirt waren; dazwischen
uv. Jahrgang. 18 . I.
in den zahlreichen Ecken hatten ausgegrabene Pfähle von versteinertem Holz, Wallsischrippen und halbverwitterte Grabsteine ihren Platz gefunden, während an den Querbalken des Flurs verschiedene ausgestopfte Thiere hingen, darunter ein junger Alligator mit bemerkenswerthem Gebiß, der, so oft der Wind auf die Hausthür stand, immer unheimlich zu schaukeln begann, als flöge er durch die Luft. Alles in allem eine Ausstaffirung, die keinen Zweifel darüber lassen konnte, daß das Hohen-Vietzer Predigerhaus zugleich auch das Haus eines leidenschaftlichen Sammlers sei.
Machte schon der Flur diesen Eindruck, so steigerte sich derselbe beim Eintritt in das nächstgelegene Zimmer, das einem Antikenkabinet ungleich ähnlicher sah, als einer christlichen Predigerstube. Zwar war der Bewohner desselben ersichtlich bemüht gewesen, Amt und Neigung in ein gewisses Gleichgewicht zu bringen, war aber damit gescheitert. Es sei gestattet, einen Augenblick bei diesem Punkte zu verweilen.
Die Studirstube besaß zwei nach dem Garten hinaus sehende Fenster, zwischen denen unser Freund eine bis in die Mitte des Zimmers gehende Scheidewand gezogen hatte. So waren zwei große, fast kabinetartige Fensternischen gewonnen, von denen die eine dem Prediger Seidentopf, die andere dem Sammler und Alterthumsforscher gleichen Namens angehörte. Innerhalb dieser Nischen war das Balancirsystem, das sich schon in ihrer äußeren Anlage zu erkennen gab, ebenfalls festgehalten, indem auf dem Arbeitstische in der Og-msra, arobasoloAiea „Bekmanns historische Beschreibung der Kurmark Brandenburg, Berlin 1751 bis 53", auf dem Arbeitstisch in der Oawsra tbooloZ'ioa, „Dr. Martin Luthers Bibelübersetzung, Augsburg 1613" aufgeschlagen lag. Beides Prachtbücher, wie sie nur ein Sammler hat, groß, dick, in festem Leder, mit hundert Bildern. Ueber eine Aeußerung des Kandidaten Uhlenhorst, der auf einer Versammlung in Hohen-Sathen gesagt haben sollte: „Prediger Seidentopf greife mitunter fehl und schlage in Bekmann statt in der Bibel nach" gehen wir wie billig an dieser Stelle hin.