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Hansemann bemerkte ein damals vielfach Aufsehen machendes Flugblatt: „Wie? Herr Hansemann? Ein Mann, welcher das Vertrauen, wenn er es je besessen, längst wieder verloren hat? Herr Hansemann ist es, welcher die Nationalversammlung durch Schlauheit für seine unlauteren Zwecke zu stimmen suchte; er ist es, welcher am liebsten Achttausendthälermänner in die erste Kammer bringen und den Geldsäcken, der reichen Bourgeoisie, die Herrschaft über das Land sichern möchte. Wenn dieser Mann seine ehrgeizigen Pläne durchsetzt, wenn er wirklich den Präsidentenstuhl, nach welchem er schon seit Wochen sehnsüchtig geschmachtet hat, erreicht, was haben wir da gewonnen? Nichts, gar nichts, wir sind dann aus dem Regen in die Traufe gekommen."
Vervollständigt wurde dies neue Ministerium durch die Namen Kühlwetter, Märker, Rodbertus, Gierte, Milde, Schreckenstein, von denen indeß der letztere sich lediglich als Fachminister betrachtete und mit den politischen Theorien seiner Kollegen unverworren blieb. Von diesen hatte Herr Milde, der Nachfolger des Herrn von Patow, weiter keine hervorragenden Eigen-
Jnhaber des landwirtschaftlichen Ministeriums und als solcher „Kurator der gesunden Ochsen", besaß die diplomatische Kunst des Schweigens in einem Grade, daß viele ihn anfangs für taubstumm hielten. Er hatte das Glück, in der Nationalversammlung fünfzehn Leute zu finden, die von der Politik noch weniger verstanden als er und die ihn deßhalb zu ihrem Fraktionschef wählten, eine Auszeichnung, welche den „Ministermacher" Hansemann, der seine Kollegen nach Adam Riese aus- fuchte, bestimmte, den Disponenten über sechszehn Stimmen in sein politisches Comptoir aufzunehmen.
Der bedeutendste des gestimmten Ministeriums war unzweifelhaft Rodbertus, wenngleich dieser damals sich des Jrr- thums schuldig machte, sich mit Männern zu assoziiren, welche er prinzipiell als seine Gegner betrachten mußte, und sich über den Mangel der realen Vordersätze zur Erreichung feiner Zwecke sowie auch darüber zu täuschen, daß die soziale Frage in keinem Falle durch eine schwache Regierung ihrer Lösung näher geführt werden könne.
Selbstverständlich war auch diesem Ministerium nur ein
Tübingen im 17. Jahrhundert. Nach einem Stiche aus Merians Städtewerk.
schäften, als daß er sich durch seine Stimme einigermaßen dazu qualifizirte, als Parlamentshahn das Morgenroth der Revolution anzukündigen. Herr Kühlwetter als Minister des Innern erfand damals den „Constabler", unstreitig das beste Erzeugniß der revolutionären Industrie, und sprach das geflügelte Wort, daß „die Freiheit thener fei". Dessen ungeachtet wollte es ihm nicht gelingen, Ruhe und Ordnung auf den Straßen herzustellen, vielmehr mußte er die trübe Erfahrung machen, daß selbst auf einer Soiree des Herrn von Auerswald, an welcher Gesandte der auswärtigen Mächte theilnahmen und wo man soeben das Glück und den Frieden eines konstitutionellen Staatswesens geschildert hatte, das souveräne Volk fein Vertrauensvotum in Form von Pflastersteinen durch die Fenster warf und seine Wohlthäter zwang, sich weiteren Liebesbeweisen durch die Hinterthüre zu entziehen. Man begleitete dies damals in der Berliner Presse mit einer ärztlichen Untersuchung der „Frage über den Einfluß eines Ministerportefeuilles auf einen sonst gesunden Menschenverstand".
Der Justizminister Herr Märcker war ein in feinem Fache ganz tüchtiger, wenn auch nicht hervorragender Jurist, seine politische Stellung und Haltung jedoch, nach der bekannten Erfahrung, durch schlechten Umgang verdorben. Herr Gierke,
kurzer Lebenslauf beschieden, wenngleich man dem Herrn Hansemann das Zeugniß nicht versagen kann, daß er sich mit gewandten Arbeitern zu umgeben wußte und für sich speziell ein Privatbureau aus den Hauptzweigen der Verwaltung gebildet hatte, in dem sehr befähigte Leute, unter anderen der verstorbene Geheime Rath Wehrmann und der jetzige Minister des Innern, Graf Eulenburg, beschäftigt waren. Zugleich war Herr Hansemann ein jovialer Herr, der, um mit Falstaffs Kellner zu reden, den „tiefsten Ton der Leutseligkeit" anschlug und die ministerielle Etikette selbst in den Sitzungen auf Hemdsärmel ermäßigt hatte.
Nach dem Abscheiden dieses Ministeriums begegnete man zum ersten Male in Preußen der verschämten Hausexcellenz und es bedurfte einer längeren Zeit, um diese ansteckende Krankheit des Märzministers ohne schädliche Folgen zu heilen.
Von dem demnächst folgenden Ministerium Pfuel ist nicht mehr viel zu sagen. Der Ministerpräsident selbst war ein sehr gewandter Schwimmer, doch hatte er Wind und Strömung nicht richtig taxirt und es fehlte nicht viel, daß ihn das souveräne Volk zum Ritter geschlagen hätte. Schwerlich hat es in Preußen jemals ein Ministerium gegeben, welches den ihm beigelegten Namen „Ministerium der That" weniger verdiente als dieses.